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Ostwärts Reisen

Gori, Imeretien und Swanetien

Wir waren zum ersten Mal nach Georgien gereist. Schon die ersten Tage in Tiflis hatten uns schwer begeistert. Nun wollten wir mit dem Mietwagen das Land erkunden.

Ein „böser König“ wird gefeiert

Ich habe mich dann doch noch einmal in den georgischen Verkehr getraut. Die Schnellstraße entlang der Kura ist mit ihren unübersichtlichen Ausfahrten zu allen Seiten und vielen unvermittelten Spurwechseln eine Herausforderung, doch irgendwann hatte ich den Dreh raus. Die Georgier fahren zwar offensiv, sind dabei aber nicht sonderlich aggressiv. Außer mir schien sich niemand über die waghalsigen Manöver aufzuregen. Die vielen Polizisten rufen manchmal eine kleine Ermahnung aus dem Fenster, meinen es mit zumeist lächelnden Mienen aber nicht sehr ernst. Man muss halt die Augen offenhalten, mit allem rechnen, sich auch mal richtig reindrängeln, dabei aber freundlich und entspannt bleiben. Hupen dient der Kommunikation und nicht dem Abbau von Aggressionen. Und außerhalb von Tiflis hat man ohnehin das Schlimmste überstanden.

Unser erster Stopp brachte uns nach etwas mehr als einer Stunde ins kleine Städtchen Gori. Die Altstadt lässt sich vernachlässigen, etwa zehn Kilometer östlich liegt hoch über dem Tal der Kura das uralte Höhlenkloster von Upliszikhe. Ein anderes Highlight findet sich direkt im Zentrum, wo sich ein monumentales Museum dem Leben von Goris berühmtestem Sohn widmet – Josef Wissiarionowitsch Stalin. Die nahezu durchweg glorifizierende Ausstellung wird auch in Georgien intensiv debattiert. Schließlich hat der weltweit bekannteste Georgier auch unzählige Landsleute auf seinem Gewissen. Nach dem verlorenen Südossetienkrieg 2008 scheiterte jedoch eine Initiative für eine politische Neueinordnung am Widerstand des Stadtrates.

Soana wunderte sich also, dass der von uns als unsagbar böse beschriebene „König“ auf den Fotos als sympathischer Onkel daherkam.

Hier wurde das Arbeitszimmer Stalins nachgestellt.

Der informationelle Nutzwert tendiert gegen null. Lächelnde Blumenmädchen, die schnelle Industrialisierung der Sowjetunion und ansonsten der glorreiche Sieg gegen Nazideutschland im Großen Vaterländischen Krieg. Kein Wort zum Großen Terror, zu den parteiinternen Machtkämpfen oder auch zur Rolle des jungen Stalin als Revolutionär im zaristischen Russland. Dafür jedoch lässt sich im Park des Museums – eingerahmt von einem kleinen griechisch-römisch gestalteten Pavillon – die winzige Hütte bestaunen, in der der kleine Stalin als Sohn eines Schusters geboren worden war. Ebenso von Interesse ist der Pullman-Waggon, in dem Stalin aufgrund seiner Flugangst die meisten seiner Reisen unternahm, unter anderem jene zu den Konferenzen von Jalta und Teheran.

Außerhalb des Geländes boten fliegende Händler allerlei sowjetsozialistische Devotionalien an und auch wir konnten nicht umhin, das eine oder andere Mitbringsel zu erwerben. Stalin und sein Museum haben halt ihren ganz eigenen morbiden Charme.

Kutaissi – mehr drumherum, als mittendrin

Die Autobahn zwischen Gori und Kutaissi hörte bald auf und die Straße quälte sich auf etlichen Kehren durch das Surami-Gebirge, welches den Kleinen und den Hohen Kaukasus miteinander verbindet. Immer mal wieder ließ sich erkennen, wie parallel an Brücken und Tunnels gebaut wird. Der Durchbruch der Autobahn und die Vollendung der Schnellverbindung zwischen Tiflis und dem Schwarzen Meer ist Teil der chinesischen Neue-Seidenstraße-Initiative, mittels der Peking näher an Europa rücken und die Länder an der Strecke stärker an sich binden möchte. Für die georgische Infrastruktur ein großer Fortschritt, doch die in diesem Kontext aufgenommenen Schulden beeinträchtigen die nationale Souveränität.

Google.maps brachte uns offenkundig über einen Schleichweg ins Innere der drittgrößten Stadt Georgiens, nach Kutaissi. Ein paar Höfe mit kleinen Gärten, niedrige Reihenhäuser und an einer kleinen Kreuzung ging es schon nach rechts in eine staubige Gasse. Für diesen eher gemäßigten ersten Eindruck entschädigte unser Apartment mit seinen riesigen Abmessungen und der liebevollen sowjet-nostalgischen Einrichtung. Und auch die Innenstadt war nicht weit. Wir waren halt nur aus der anderen Richtung gekommen.

Kutaissi ist klein, dafür aber sehr gemütlich. Die Stadt liegt malerisch am Ufer des Rioni, des aus der Antike bekannten Kolchis-Flusses. Eine kleine Seilbahn führt vom Zentrum auf einen Felsen auf der anderen Flussseite, wo ein Kinderpark mit verschiedenen Fahrgeschäften wartet, aber deutlich gemächlicher daherkommt als der trubelige Mtatsminda-Park hoch über Tiflis.

Blick auf das Zentrum von Kutaissi.

Kutaissi hat seinen Reiz, doch es ist vor allem Ausganspunkt für die Highlights der Umgebung. Noch im Stadtgebiet, aber nicht mehr im Zentrum, liegt hoch über der Stadt die Bagrati-Kathedrale. Noch lohnenswerter ist ein Ausflug zum Gelati-Kloster etwa acht Kilometer nordöstlich. Die fast tausendjährige Anlage gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO und gewährte uns einen ersten Einblick in die besondere Spiritualität der georgisch-orthodoxen Kirche. Per Auto nur zehn Minuten entfernt liegt das Motsameta-Kloster, welches kulturhistorisch zwar von geringerer Relevanz ist, dafür aber atemberaubende Blicke über die tiefe Schlucht des Tskaltsitela-Flusses ermöglicht.

Auf der anderen Seite von Kutaissi locken in Richtung Westen zwei eindrucksvolle Höhlen. Nur sieben Kilometer nördlich des zu Sowjetzeiten viel gerühmten Thermalbadortes Tskaltubo findet sich mit der Prometheus-Höhle die größte Karsthöhle Zentralgeorgiens. Von ihren insgesamt 22 Hallen sind sechs für Touristen begehbar. Der antike Name wurde ihr von Ex-Präsident Saakaschwili vornehmlich aus Marketing-Gründen verliehen, denn sie hat rein gar nichts mit der Legende des Feuer bringenden Halbgottes zu tun.

Gelati-Kloster…

und

Blick vom Sataplia-Berg mit seiner Saurierhöhle auf Kutaissi (links mittig), die Berge des Kleinen Kaukasus (ganz hinten) und das ehemalige georgische Parlament (der Kuppelbau ganz in der Mitte).

Die Saurierabdrücke in der nicht weit entfernten Sataplia-Höhle sind dagegen echt, wurden vor etlichen Millionen Jahren in das Karstgestein gedrückt. Und auch ansonsten weiß die Höhle mit ihren drei begehbaren Hallen zu beeindrucken.

Vom gleichnamigen Sataplia-Berg bietet sich eine großartige Aussicht auf Kutaissi und das die Stadt umgebende Imeretien. Das ausgreifende moderne Gebäude, welches wir in der Ferne vor den Toren der Stadt erkannten, war der zwischenzeitliche Sitz des georgischen Parlaments. Heute steht es allerdings leer, denn nach nur wenigen Jahren votierten die Abgeordneten für die Rückkehr nach Tiflis. Die Verlegung des Parlaments war eine von vielen hochfliegenden Ideen des ehemaligen Präsidenten Mikhail Saakashwili, die sich in der mittleren Frist als nicht sonderlich tragfähig erwiesen haben.

Swanetien – das georgische Kernland

Topografie und Politik machen das Umherreisen in Georgien etwas umständlich. Immer wieder ist eine De-Facto-Grenze oder ein unüberwindliches Bergmassiv im Weg. Die sich mit russischer Unterstützung selbst verwaltenden Regionen Südossetien und Abchasien gehören zwar völkerrechtlich zu Georgien, durchqueren lassen sie sich aber trotzdem nicht. Und so muss man auf dem Weg von Tiflis nach Oberswanetien mit seinen spektakulären Menschen und Landschaften erst einmal bis ans Schwarze Meer bei Zugdidi und dann entlang des Enguri-Tals wieder nach Nordosten fahren. Für uns war es die erste von vier längeren Fahrten und wir hofften, dass unsere kleine Soana ordentlich mitmachen würde.

Martvili-Canyon.

Wir hatten von dieser Attraktion in der Touristeninformation von Kutaissi gehört, stießen nun jedoch mehr oder weniger zufällig auf die atemberaubende Schlucht des Martvili-Flusses. Man kann für ein geringes Entgelt ein Boot mieten und für ein paar hundert Meter unter Felskanten und Wasserfällen dahinschippern. Wieder oben lassen sich die in etlichen Kaskaden herabstürzenden Fluten auch entlang eines Panoramapfades bestaunen. Noch eine Etage weiter oben war auf dem Dach des Besucherzentrums ein Terrassenrestaurant eingerichtet, wo wir uns für die anstehende Fahrt in den Hohen Kaukasus stärkten.

Von Martwili aus fuhren wir noch etwa 70 Kilometer durch das Hochgebirgsvorland, bevor wir bei Jvari endlich das Tal des Enguri und damit den Hohen Kaukasus erreichten. Zunächst wird der Fluss zu einem Reservoir angestaut, welches inmitten der wilden Berglandschaft spektakuläre Blicke ermöglicht. Dahinter wird der Weg immer steiler und auch abenteuerlicher. Asphalt weicht alten sowjetischen Betonplatten. Die meisten Tunnels haben keine Beleuchtung und etliche Stellen werden durch herabstürzende Bergbäche unterspült. Zudem müssen immer wieder die trägen keuchenden Lastwägen sowjetischer Bauart überholt werden und mehr als einmal versperrten uns riesige Schafsherden den Weg. Die Hirten auf ihren prächtigen Pferden wirken eindrucksvoll und tatsächlich gilt der Stamm der Swanen als so etwas wie die Super-Georgier. Die Tiere werden die Hauptstraße entlanggetrieben und nehmen keinerlei Rücksicht auf den Verkehr. Sie genießen uneingeschränkte Vorfahrt. Autofahrer haben zu warten bis sich alle vorbeigedrängelt haben.

Bei Mazeri in Oberswanetien.

Wir kamen am späten Nachmittag an unserer Ferienwohnung unweit von Mestia an. Nika, unsere Gastgeberin, empfahl uns für die kurze Zeit bis zum Abendessen einen kurzen Spaziergang im Nachbarort Mazeri am Fuß des 4.737 Meter hohen Ushba-Vulkans. Hier floss das Flüsschen Dolra durch ein einsames Tal dem Enguri entgegen und wir waren ganz allein.

Zurück im Gasthaus stand das Essen bereits auf dem Tisch. Herzhafte georgische Küche und ein sehr guter Hauswein. Nikas Kinder waren schon in Tiflis und unsere Russischkenntnisse erwiesen sich mal wieder als unschätzbarer Vorteil.

Soana begeisterte sich vor allem für den süßen Labrador, der sie ständig anstupste. Den hatten vor ein paar Monaten holländische Backpacker in Batumi aufgesammelt, ihn kurzerhand nach der Stadt am Schwarzen Meer benannt und mit Nikas Zustimmung hier oben im Kaukasus gelassen. Die Abende mit Nika ragten heraus. Nicht nur wegen des hervorragenden Essens, sondern vor allem aufgrund der Gespräche, die uns einen tiefen Einblick in die politischen Konflikte des Landes und die gesellschaftlichen Herausforderungen gaben.

Mestia. Gut zu erkennen sind die für Swanetien klassischen Wehrtürme.

Am nächsten Tag fuhren wir etwa 20 Minuten nach Mestia ins Zentrum der Region. Hier lassen sich allerorten die großen Ambitionen spüren, mit denen Oberswanetien als touristischer Hotspot erschlossen werden soll. Vor einigen Jahren wurde sogar ein kleiner Flughafen angelegt, der zweimal in der Woche von Tiflis aus angeflogen wird. Man wird sehen, ob diese Blütenträume reifen, doch schön gelegen ist Mestia allemal. Von historischem Interesse sind die uralten Wehrtürme, die fast allen älteren Höfen als individueller Bergfried dienen und es in die Liste des UNESCO-Welterbes geschafft haben. Das war sehr schön, doch es wurde auch sehr viel gebaut. Wir entflohen dem allgegenwärtigen Lärm, ließen uns mit der Seilbahn auf den Khatsvali-Berg tragen und unternahmen eine kurze Wanderung in malerischer Hochgebirgskulisse. Die Sonne ließ sich zwar nicht sehen, doch es blieb immerhin trocken. In den kommenden drei Tagen würde es laut Wetterbericht nahezu ununterbrochen regnen. Ok für uns, denn wir wollten am kommenden Morgen in Richtung Schwarzes Meer aufbrechen – wenn die Straße halten sollte…

Noch ein paar Tipps zum Schluss

Kutaissi ist als Stadt nicht sonderlich aufregend, liegt aber recht malerisch im Tal des Rioni, des antiken Kolchis. Die Bagrati-Kathedrale hoch über der Stadt hat zwar ihren Welterbe-Status verloren, lohnt aber noch immer den Besuch. Etwa 15 Kilometer nordwestlich von Kutaissi erlebt der zu Sowjetzeiten weithin gerühmte Kurort Tskaltubo eine gewisse Renaissance.

50 Kilometer östlich von Kutaissi lässt sich nach einer knappen Stunde Autofahrt die Kazchi-Säule erreichen, wo ein georgisch-orthodoxer Eremit seit mehr als drei Jahrzehnten auf einer 40 Meter hohen Felsnadel ausharrt. Das winzige Kloster auf dem zehn Mal 15 Meter großen Gipfelplateau darf (natürlich) nicht betreten werden, dafür lässt sich die Szenerie von einem Berghang in der Nähe aus beobachten.

Weniger als zehn weitere Kilometer in Richtung Osten gelangt man in die Kleinstadt Chiatura, die seit dem 19. Jahrhundert ein Zentrum des Manganerzabbaus ist. Zu Sowjetzeiten verkehrten hier 26 Personen- und 50 Materialseilbahnen. Mittlerweile sind nur noch fünf Materialbahnen in Betrieb, doch demnächst sollen drei Personenseilbahnen reaktiviert werden. Jedenfalls ist das gesamte Ensemble industriehistorisch von einzigartigem Wert.

Ushguli ist das höchstgelegene Dorf Georgiens und mit seinen Wehrtürmen sowie der spektakulären Lage im Tal des Enguri und unterhalb der Schchara, des mehr als 5.000 Meter aufragenden höchsten Gipfels in Georgien, ganz sicher eine Reise wert. Allerdings müssen von Mestia aus noch einmal 50 Kilometer auf zum Teil sehr schlechten Straßen zurückgelegt werden. Alternativ lässt sich Ushguli von Kutaissi auch direkt erreichen. Hier sind die Wege aber noch schlechter und für nicht-geländegängige Fahrzeuge schlechthin unpassierbar.

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