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Ostwärts Reisen

Von Nagasaki zurück ans Japanische Meer

Japan hatte mich wieder. Eher unverhofft, denn eigentlich hielt ich uns für geschieden, hatten mir die dreieinhalb Jahre in diesem Panoptikum vollkommen ausgereicht.

Das Geschäft trieb mich zurück. Erstens biete ich seit einigen Monaten Reisen nach Japan an und zweitens wird in Bälde ein Japan-Buch unter meinem Namen erscheinen. Aufgrund des russischen Überfalls auf die Ukraine war mir das Südsibirien-Segment weggebrochen, soll Japan als Ersatz dienen. Der Archipel mag zwar nicht so recht ins Schema von abenteuerlichen Reisen in den wilden Osten passen, doch immerhin hatte ich das Land studiert, kenne die meisten Ecken, spreche die Sprache und die Himmelsrichtung passt auch.

Also Leute treffen, Infos sammeln und Fotos schießen. Im Mordstempo und mit höchstmöglicher Effizienz. Ich hatte mir in Osaka ein Auto gemietet und raste durchs Land. Erst am Pazifik hoch bis Sendai und dann am Japanischen Meer zurück in den Großraum Osaka. Der untere Teil meines achtförmigen Reiseprogramms führte mich über Shikoku nach Kyushu. Nun wollte ich von Nagasaki zurück nach Honshu und dort wieder ans Japanische Meer.

Nach meinem Geschmack die schönste von vielen großartigen Sichten auf dieser Reise – vom Hausberg Inasa hinunter auf Nagasaki.

Internationaler Handel, Christen und die Bombe

Auf Kyushus Ost-West-Autobahn nach Nagasaki ans Ostchinesische Meer. In Europa wird der Name der Stadt nahezu ausschließlich mit dem Abwurf der zweiten Atombombe assoziiert, in Japan jedoch gilt sie als Hort der Internationalität und des Handels. Schließlich war Nagasaki über mehrere Jahrhunderte der einzige Punkt, an dem Austauschbeziehungen mit dem Ausland gepflegt wurden. Zuvor waren hier die ersten christlichen Missionare an Land gegangen und zunächst sehr erfolgreich, was letztlich der Grund für die jahrhundertlange Abschottung Japans gegenüber dem Ausland war. Bis heute ist Nagasaki das Zentrum der japanischen Christenheit.

Der B-29 Bomber startete am 9. August 1945 von der US-Luftwaffenbasis in Tinian, das heute zu den Nördlichen Marianen gehört. Eigentlich sollte Kokura im Norden Kyushus angeflogen werden, eine Industriestadt mit einer ausgesprochen potenten Rüstungsindustrie. Da dort aber Nebel herrschte, wurde beigedreht und die Bombe über Nagasaki ausgeklappt. Auch hier war die Sicht mäßig, sodass das Stadtzentrum um glatte drei Kilometer verfehlt wurde. Weil „Fat Man“ über einem Flusstal umgeben von Bergen detonierte, wurde die Schadwirkung massiv geschmälert. Obgleich die Nagasaki-Bombe eine deutlich höhere Sprengkraft aufwies, als jene drei Tage zuvor auf Hiroshima, waren signifikant weniger Opfer zu beklagen. Allerdings verloren noch immer 50.000 Menschen auf einen Schlag ihr Leben.

Der Herr in Grün ist ein buddhistischer Heiliger und betet als solcher für die verlorenen Seelen.

Wie in Hiroshima gruppieren sich die Erinnerungsorte auch in Nagasaki um die Abwurfstelle. Vom Hauptbahnhof sechs bzw. sieben Stationen mit der Tram in Richtung Norden. Ich stellte meinen Kasten in einer Tiefgarage ab und machte mich auf den Weg zu einer kurzen Rundtour. Vom Friedenspark zur Urakami-Kathedrale und über das Atombombenmuseum zurück. Das in markantem Grün gehaltene und von Seibo Kitamura geschaffene Mahnmal im Zentrum des Friedensparks zeigt einen buddhistischen Heiligen, wie er für die Seelen der Toten betet. Besonders angetan hatte es mir die in strahlendem Rot gehaltene Urakami-Kathedrale auf einem Hügel westlich des Friedensparks. Wenige Meter links davon sind die Überreste des vollständig zerstörten Vorgängerbaus zu erkennen. Das Atombombenmuseum steht just an dem Ort an dem „Fat Man“ zur Explosion gebracht wurde. Das sogenannte Hypocenter wird durch einen schwarzen Monolithen gekennzeichnet. Die Ausstellung konzentriert sich nahezu ausschließlich auf die Folgen des Abwurfs und bedient den japanischen Opferkult. Auch dies eine Parallele zum Friedensmuseum in Hiroshima. Die Vorgeschichte, die Invasion des asiatischen Festlands, die unfassbaren Gräueltaten der Kaiserlichen Armee an der dortigen Zivilbevölkerung, der Angriff auf Pearl Harbour und weiteres mehr bleiben entweder unterbelichtet oder vollkommen ausgeblendet. Ich muss an diesen Orten immer daran denken, wie ultrarechte Premiers wie Koizumi und Abe hier zusammen mit internationalen Gästen den Frieden beschwörten nur um eine Woche später im Yasukuni-Schrein jene zu ehren, die den Krieg erst heraufbeschworen hatten und für millionenfache Gräueltaten an Chinesen, Koreanern und vielen anderen Ethnien verantwortlich zeichneten.

Die Urakami-Kathedrale ist meiner bescheidenen Meinung nach die schönste Kirche Japans.

Herrliche Blicke auf die Bucht von Nagasaki

Es gibt hunderte Seilbahnen in Japan, doch die kosten Geld und fast immer kann man parallel mit dem Auto hochfahren. Das gilt auch für den Hausberg von Nagasaki, den Inasa-san. Ich durfte sogar direkt unterhalb der ausgreifenden Aussichtsplattform parken – kostenfrei. Auf dieser Reise hatte es viele schöne Blicke gegeben, doch dieser übertraf alles. Bei herrlichem Sonnenschein und klarem Himmel bot sich die gesamte Küstenlinie dar. All die Buchten, Nehrungen und Inselchen bis ganz nach vorn zur Gunkanjima, die so heißt, weil sie wie ein Schlachtschiff geformt ist. Bis in die 1970er Jahre hatten hier 5.000 Menschen gewohnt und in der Kohlemine geschuftet, war das winzige Eiland der Ort mit der höchsten Bevölkerungsdichte weltweit. Heute vollkommen verlassen, nagen Taifune und die Erosion an den Gebäuden, ist dies ein einzigartig skurriler Ort mit einer etwas morbiden Atmosphäre.

In Richtung Osten breitete sich die Stadt aus, waren der Hafen, der Hauptbahnhof und die Oura-Kirche deutlich zu erkennen. Nach dem offenen Pazifik, dem Japanischen Meer und der Inlandsee war ich nun am vierten Meer der Reise angekommen, dem Ostchinesischen bzw. auf Japanisch der Higashi-Shina-kai.

Das letzte kleine Inselchen ganz hinten ist Gunkanjima. Von der Bildmitte aus gesehen, leicht nach links oben versetzt.

Mein Hotel lag direkt am Hafen. Mir war zwar ein Parkplatz versprochen worden, doch mein Kasten stellte sich als zu hoch heraus. Kaum zu glauben, dass diese Sardinenbüchse für irgendwas zu groß sein konnte. Hätte man mir mal sagen können. Nun musste ich mir irgendwo in der Nähe was suchen. Meinen Unmut darüber konnte ich nur schwer verbergen.

Rundgang in der Abendsonne

Es war heiß. 30 Gard und knallende Sonne. Die alte Handelsniederlassung der Niederländer war nur wenige Meter entfernt. Einstmals eine künstliche Insel, liegt sie nun direkt an der Hauptstraße. Die historischen Gebäude sind nicht erhalten, einzig das rekonstruierte Speicherhaus erinnert in seiner roten Farbgebung ein wenig an das europäische Vorbild. Dafür allerdings haben sich Bars und Restaurants angesiedelt, lassen sich bei Speis und Trank herrliche Blicke auf den Hafen und die Bucht genießen.

Der einzige Konfuzius-Schrein Japans.

Zwischen Holland und China

200 Meter stadteinwärts erstreckt sich die Nagasaki Chinatown. Die kleinste der drei Chinatowns in Japan. Im Grunde nur zwei Blocks mit ein paar Lädchen, Imbisslokalen und einem versteckt gelegenen chinesischen Tempel. Im stetigen Wechsel zwischen Holland und China spazierte ich nun über den Dutch Slope, wo sich mehrere hübsch rekonstruierte Villen der ehemaligen ausländischen Gesandten aneinanderreihen. Dutch bzw. niederländisch galt in der frühen Meiji-Zeit als synonym für Westler schlechthin und so residierten hier auch Engländer, US-Amerikaner und andere. Direkt unterhalb des Dutch Slope erstreckt sich der hübsche Konfuzius-Schrein. Der Konfuzianismus hatte Japan zwar weit stärker geprägt als das benachbarte China, doch dem Denker selbst wird nur hier gehuldigt. Der chinesische Stil ist der Anlage mit ihren gelben Dächern deutlich anzusehen. 200 Meter südwestlich führt eine Mischung aus Fahrstuhl und Zahnradbahn hoch zum Glover Garten, in dem sich einige weitere Villen im westlichen Stil besichtigen lassen und von dem sich herrliche Aussichten bieten. Allerdings war der schon zu, sodass ich die Treppen hinunter zur Oura-Kirche nahm, dem ältesten christlichen Gotteshaus in Japan. Auch dieses war schon geschlossen, wiewohl ich mir die tausend Yen für das Ticket ohnehin dreimal überlegt hätte. Nach meinem Verständnis sollten Kirchen immer und jedem kostenfrei offenstehen, doch hier wird das offenbar anders gehandhabt.

Abendstimmung in der Bucht von Nagasaki.

Die Hafenfront von Nagasaki mit dem modern gestalteten Kunstmuseum, dem Fähranleger und den vielen Freiflächen vermittelt eine angenehm beschauliche Atmosphäre. Offenbar war hier gerade ein Festival zu Ende gegangen, ließen Paare am Pier die Beine baumeln, saßen Studenten zusammen beim Picknick, wurden ein paar Jungs im Rugby trainiert. All dies im Schein der gerade untergegangenen Sonne und bei nach wie vor 25 Grad.

Mit Nagasaki war der südwestliche Extrempunkt der Reise erreicht. Knapp anderthalbtausend Kilometer entfernt – Luftlinie wohlgemerkt – vom Haguro-san, dem heiligen Berg der Geburt in Tsuruoka, von wo ich nur sieben Nächte zuvor in die Berge Zentraljapans aufgebrochen war.

Der letzte Stopp auf Kyushu

Die Kleinstadt Dazaifu 20 Kilometer südwestlich von Fukuoka beherbergt mit dem Tenmangu den spirituell renommiertesten Schrein Kyushus. Wie üblich an derlei Orten, führt eine breite Einkaufspromenade mit Imbisslokalen und Souvenirgeschäften auf die Attraktion zu. 250 Meter vom Bahnhof bis zum ersten torii. Im Schrein selbst werden viele Gebäude aktuell rekonstruiert, doch allein der herrliche Park lohnt den Besuch. Der Teich ist geformt wie das japanische Schriftzeichen für Herz (kokoro – 心).

Tenmangu-Schrein in Dazaifu.

Hinter dem Schrein erhebt sich das Nationalmuseum, neben jenen von Tokyo, Kyoto und Nara eines von nur vier Häusern mit diesem Prädikat. Der moderne Bau ähnelt mit seinem geschwungenen blauen Glasdach eher einer Sportarena. Hinter den Eingangstoren fühlt man sich von den Dimensionen der Halle ein wenig erschlagen. So früh am Morgen war die Ausstellung noch nicht geöffnet, doch ich bin eh kein motivierter Museumsgänger und legte stattdessen noch einen kurzen Stopp am Komyozenji-Tempel ein. Hauptattraktion sind die beiden fein säuberlich auf kieseligem Untergrund arrangierten Felsgärten, die einen herrlichen Kontrast zur umgebenden Mooslandschaft bilden.

Fast hätte ich es falsch gemacht.

Fukuoka ließ ich links liegen. Eine angenehme Stadt und immerhin Zentrum der viertgrößten japanischen Metropolregion mit knapp sechs Millionen Menschen, doch erstens war ich dort schon gewesen und zweitens stand noch Vieles an an diesem wieder einmal sehr ereignisreichen Tag. Kurz vor der Brücke, die von Kyushu nach Honshu über die Kammon-Meeresstraße führt, war wieder ein Autobahnparkplatz eingerichtet, von dem sich schöne Fotos schießen ließen. Ein Hoch auf die japanische Servicekultur!

Zurück auf Honshu

Auf der anderen Seite nahm ich die erste Ausfahrt, um mir die Hafenfront von Shimonoseki zu Gemüte zu führen. Die Stadt an der äußersten Südwestspitze Honshus war gleich mehrfach Ort historischer Umwälzungen. Im späten zwölften Jahrhundert hatte hier die Seeschlacht von Dannoura getobt, bei der sich die Minamoto im Ringen um die Vorherrschaft in Japan gegen den Clan der Taira durchsetzen und das Kamakura-Shogunat etablieren konnten.

Gegen Ende der Edo-Zeit beschossen Truppen des hiesigen Lehens Choshu mehrfach internationale Handelsschiffe auf ihrem Weg durch die schmale Kammon-Meeresstraße und drei Jahrzehnte später wurde hier der Vertrag von Shimonoseki unterzeichnet, der den ersten chinesisch-japanischen Krieg beendete und die japanische Herrschaft über Taiwan festschrieb.

Akama-Schrein.

Die Hafenfront von Shimonoseki

Am riesigen Kaikyokan-Aquarium wurde ein hawaiianisches Festival abgehalten, waren die Parkplätze knapp. Eigentlich wollte ich mich wieder halblegal an einen der vielen convenient stores stellen, doch die Idee hatten andere vor mir auch schon gehabt. Ich zahlte nur ungern fürs Parken, weil sich das bei den vielen Stopps ganz schön aufaddierte.

Der Spaziergang führte mich vom Aquarium über den Fähranleger und das alte britische Konsulat zum Kameyama-Hachiman-Schrein. Der Karato-Fischmarkt gegenüber war am heutigen Feiertag zur Mittagszeit besonders heftig frequentiert. Empfohlen wird der hiesige Kugelfisch, der in den Sushi-Restaurants der Umgebung zuhauf serviert wird. Offenbar ist es bei den Besuchern des Marktes zur Tradition geworden, sich den gerade erworbenen Fisch gleich draußen an der Kaimauer schmecken zu lassen.

Karato-Fischmarkt.

Knapp 300 Meter die Hafenfront entlang, liegt auf der anderen Seite der Hauptstraße das Shunpanro-Hotel, wo 1895 der Vertrag von Shimonoseki unterzeichnet wurde. Direkt daneben widmet sich der kleine, hübsche Akama-Schrein dem Leben des noch minderjährigen Antoku-tenno, der in der Kammon-Straße ertrunken war, als seine Mutter sich zusammen mit ihm vor der Gefangennahme retten wollte. Sie hatten auf der falschen Seite gestanden und nicht damit gerechnet, dass die Minamoto im Genpei-Krieg des zwölften Jahrhunderts die Oberhand behalten würden.

Ich rannte zurück zum Kasten und fuhr die paar hundert Meter zur großen Kammon-Brücke, denn sonst hätte ich den ganzen Weg wieder zurücklaufen müssen. Zudem fand ich vor einem Ryokan einen halblegalen kostenfreien Parkplatz. Die Brücke über mir hatte ich eine Stunde zuvor überquert. Direkt am Wasser erinnerten Monumente erstens an den Genpei-Krieg und zweitens an den Beschuss der westlichen Handelsschiffe. Unmittelbar unter der Brücke führte ein Fahrstuhl hinunter in einen Tunnel. Analog zum alten Hamburger Elbtunnel war dies erste feste Querung der Wasserstraße, die aber bald außer Dienst gestellt wurde, weil viel zu klein, später aber ein zweites Leben als Touristenattraktion erhielt. Zu Fuß knapp 500 Meter bis Moji Port auf der anderen Seite, von der Präfektur Yamaguchi nach Fukuoka, von Honshu nach Kyushu.

Am Fährhafen von Shimonoseki.

Unweit der Brücke führte die Straße hinauf zum Hinoyama-Park. Parallel verkehrte auch hier wieder eine Seilbahn. Mit gewisser Sicherheit der beste Ort, um die Szenerie der Kammon-Meeresstraße mit der mächtigen Brücke zu bestaunen.

Blick vom Hinoyama-Berg auf die Kammon-Meeresstraße.

Akiyoshido-Höhle und Akiyashidai-Hochebene

Ziel des Tages war die Samurai-Stadt Hagi auf der anderen Seite Honshus am Japanischen Meer. Zwischendrin wollte ich in den Bergen Halt machen. Hier, im äußersten Westen Honshus, hat sich in den vergangenen Jahrtausenden eine Karstlandschaft mit Höhlen und Hochebenen herausgebildet, wie sie ungewöhnlich für Japan ist. Mit knapp zehn Kilometern ist die Akiyoshido-Höhle die längste Japans. Ein Kilometer ist für die Öffentlichkeit zugänglich. Vom Parkplatz müssen knapp 400 Meter zu Fuß zum Eingang zurückgelegt werden. Mich erstaunte, dass man sich frei bewegen durfte, was ich dem in einem pathologischen Ausmaß sicherheitsbesorgten japanischen Volke gar nicht zugetraut hätte. Die Höhle hat drei Eingänge. Um alles zu sehen, sollte man am Haupteingang rein, dann bis ganz nach hinten zum Kurotani-Eingang, dort aber nicht raus, sondern wieder zurück, um etwa in der Mitte zwischen beiden Eingängen den Fahrstuhl zu nehmen. Oben lässt sich in nur drei Gehminuten eine Aussichtsplattform mit tollen Blicken über die Akiyoshodai-Hochebene mit all ihren Wanderwegen erreichen. Anschließend zurück zum Fahrstuhl, das Ticket erneut vorzeigen, runter in die Höhle und raus, wo man reingekommen ist. Ich habe das fast genau befolgt, mir nur den hinteren Teil der Höhle am Kurotani-Eingang gespart. Schön. Die Höhle selbst, vor allem aber die Blicke über die Hochebene.

Die Akiyoshidai-Hochebene erstreckt sich oberhalb der Höhle.

Die Samurai-Stadt Hagi

In Hagi hatte mich das Japanische Meer wieder. Die Stadt war der wesentliche Ausgangspunkt der Meiji-Restauration, der grundlegendsten Umwälzung der japanischen Geschichte. Yoshida Shoin, Kido Takayoshi, Yamagata Aritomo und Ito Hirobumi stammten alle von hier. Vier Persönlichkeiten, die die schlagartige Modernisierung Japans massiv mitgeprägt hatten.

Zunächst fuhr ich einmal durch, um etwas nordöstlich der Stadt die Kasayama-Halbinsel mit dem gleichnamigen Vulkan anzusteuern. Wieder einmal fantastische Blicke aufs Meer, die Bucht und die Stadt Hagi dahinter. Vom dicht bewachsenen Krater ging offenkundig keinerlei Gefahr mehr aus. Am Fuß des Berges lädt der pittoreske Myojin-Teich mit seinem kleinen Schrein zu einem kurzen Spaziergang. Unmittelbar dahinter lässt sich mit den Kaza-Ana ein geologisches Phänomen bestaunen. Löcher im Boden, aus denen beständig kalte Luft strömt, eine natürliche Klimaanlage, die den Ort vor allem in den heißen Sommern beliebt bei Picknickern hat werden lassen.

Der Myojin-Teich nordöstlich von Hagi.

Es war Bunka-no-hi, Tag der Kultur, Freitag und Feiertag, weshalb in der ganzen Stadt keine Quartiere mehr zu finden waren. Letzter Ausweg war ein Hostel mit Etagenbett. Ich fühlte mich zwar deutlich zu alt für derlei Späße, doch im Auto schlafen wollte ich auch nicht. Die Unterkunft lag fast direkt am Strand. Wieso ich nicht gleich einchecken und wenigstens meine Klamotten abstellen konnte, bleibt das Geheimnis des Herbergsvaters. Er hatte zwar erkennbar Zeit und Muße, aber Check-in ist eben erst ab 18 Uhr. Muss man verstehen. Regeln sind Regeln. Also auf zur Stadtbesichtigung. Das Auto stellte ich direkt am Rathaus ab. Gegenüber war eine edo-zeitliche Schule, das Meirinkan, als Museum eingerichtet. In den vier langgestreckten Holzbauten wurden dereinst die Nachkommen des mächtigen Mori-Clans ausgebildet. Im Fokus der Ausstellung standen die letzten Jahre der Tokugawa-Herrschaft, in denen das hiesige Lehen Choshu zum Ausgangspunkt epochaler Umwälzungen wurde.

Das Hagi-Uragami-Museum einige Meter weiter widmet sich den kunsthandwerklichen Traditionen der Region, von den Ukiyo-e-Holzschnitten bis zur Keramik. Höhepunkt eines jeden Rundgangs durch die Stadt sind jedoch die teilweise original erhaltenen und der Öffentlichkeit als Museum zugänglichen, prächtigen Samurai-Residenzen. Von dort ist es nicht mehr weit zur Bucht, die mit ihrem weißen Sand einen der schönsten Stadtstrände Japans bietet. Gegenüber erhoben sich jenseits eines kleinen Flusses die Reste der alten Burg und dahinter der weit ins Meer ragende Shizuki-Vulkan. An der Burg sagte man mir, dass sie gerade geschlossen hätte, was von einem vorbeilaufenden Pärchen mit lautem Lachen quittiert wurde. Auf die Frage, was denn so witzig sei, erhielt ich nur ein verzagtes Grunzen. Dieses ewige Bequatscht-werden ging mir maximal auf die Nerven und so war ich auf Krawall gebürstet.

Meirinkan – eine höhere Schule aus der Edo-Zeit.

Mit dem Kasten anschließend zum Schrein für den Philosophen und Politiker Yoshida Shoin sowie zum ehemaligen Wohnsitz des ersten japanischen Premierministers, Ito Hirobumi – beides im Osten der Stadt. Im Anschluss konnte ich endlich für mein Hostel einchecken.

Eine Nacht im Etagenbett

Am Abend kam ich ins Gespräch mit ein paar anderen Gästen des Hostels. Ein Opa aus Hokkaido schwang sich auf zum Erklärbär für alles und jeden, hielt einen Vortrag nach dem anderen. Wir Jüngeren mussten dann immer ehrfürchtig lauschen. Mich sprach er nur in einem radebrechenden Englisch an, obwohl ich mich die ganze Zeit mit allen anderen auf Japanisch unterhalten hatte. Zum Abschied fragte ich ihn, warum er nicht einfach Japanisch sprach, wenn er doch offenkundig kein Englisch verstand. Er hatte darauf keine Antwort und glotzte mich nur konsterniert an. Ich war mal wieder unhöflich gewesen, verabschiedete mich und hoffte auf einen tiefen Schlaf. Ich war der zweite von vier Schlafgästen in unserem winzigen Zimmer. Dass ich auf dem linken Ohr nur noch schlecht höre, hat seine Vorteile. Ich drehte mich auf die Seite und war bald im Land der Träume. Bin also doch noch Hostel-kompatibel.

Der Schrein für den Denker Yoshida Shoin.

Von Hagi nach Tottori

Ursprünglich hatte ich geplant, von Hagi nach Kinosaki Onsen durchzufahren. Allerdings wäre angesichts der mehr als sieben Stunden Fahrt für die Zwischenstopps in Izumo, an der Hinomisaki-Küste und in Tottori nur wenig Zeit geblieben. Deshalb sollte Tottori das Etappenziel sein, wobei sich die Suche nach einer passenden Unterkunft wieder einmal als schwierig erwies. Es stellte sich heraus, dass ich in einem winzigen Dorf außerhalb der an sich schon kleinen Stadt nächtigen würde, doch ich hatte ja das Auto.

Geplagt vom Husten

Ein weiteres Problem hatte sich am Tag zuvor auf dem Weg von Kyushu zurück nach Honshu angedeutet. Ich entwickelte einen äußerst nervigen, bellenden Husten, was als Ausländer in Japan so kurz nach Corona besonders peinlich ist. Ohnehin wird man ständig beargwöhnt und nach der Pandemie galt man zusätzlich als potenzielle Virenschleuder. Was erstaunlich ist, weil das Virus ja ein asiatisches ist. Nicht nur einmal hatten ältere Menschen im Vorübergehen mit den Armen eine Geste vollzogen, als ob sie meinen Atem bzw. das, was dort enthalten war, wegwedeln wollten. Nicht sehr nett, aber ich halte Japan jenseits der aalglatten Oberfläche ohnehin für eines der rassistischsten Länder der Welt. Und so gar nicht höflich. Kann aber auch sein, dass der Husten psychosomatische Ursachen hatte, denn er steigerte sich immer dann ins Extreme, wenn ich in meinem Kasten hinter dem Lenkrad saß. Kann schon sein, dass keine einzelne Faser in mir noch fahren und die Reise in diesem Tempo fortführen wollte. Doch es half nichts, zumal Osaka näherkam.

Am Schrein von Izumo.

In Izumo – vor dem großen Stau

Zunächst nach Izumo zum zweitwichtigsten Schrein der japanischen Ur-Religion Shinto. Dreieinhalb Stunden stetig an der Küste des Japanischen Meeres entlang. Es war gut, dass ich früh aufgebrochen war, denn schon an Morgen deutete sich an, was sich an diesem verlängerten Wochenende an dieser Sehenswürdigkeit ersten Ranges später abspielen würde. Noch ging es, konnte ich in der Nähe einen kostenfreien Parkplatz ergattern. Der Schrein wird schon im Nihonshoki, dem japanischen Legendenbuch aus dem achten Jahrhundert, erwähnt und gilt als ältester Japans. Verehrt wird Okuninushi no Okami, jene Gottheit, der die Schaffung der japanischen Inseln zugeschrieben wird. Im zehnten Mondmonat, der im Regelfall auf den November fällt, sollen hier kami aus allen Teilen Japans zu ihrer jährlichen Versammlung zusammenkommen. Entsprechend wird das Jahr in Izumo aufgeteilt in kannazuki (Monate ohne kami) und kamiarizuki (Monat mit kami). Kann schon sein, dass es auch deshalb so voll war. Schließlich war November.

Der Weg vom großen torii zum Schrein ist in drei pinienumstandene Pfade geteilt, wobei der Mittlere den kami vorbehalten bleibt. Die Pilgerhalle wird von einem riesigen, aus Reisstroh geknüpftem heiligen Seil (shimenawa) umrankt. Hier liegt die Grenze zwischen der Welt der Sterblichen und jener der Götter. Die zentralen Elemente des Schreins dahinter sind von Zäunen umgeben, bleiben dem normalen Besucher üblicherweise verschlossen. Die Haupthalle ist das höchste Schreingebäude Japans. Sie wurde im Jahre 1744 errichtet und ist in einem genuin japanischen Stil gehalten. Frei von jeglichen Einflüssen vom asiatischen Festland. Geht man etwas um den äußeren Zaun herum, erhascht man einen Blick auf zwei leggezogene Bauten, die den kami während ihres alljährlichen Treffens als Residenz dienen sollen.

Das shimenawa-Seil verdeutlicht die Verbindung zwischen der Welt der Götter und jener der Menschen.

Die wilde Hinomisaki-Küste

Ich war froh, den Schrein hinter mir zu haben und in die andere Richtung unterwegs zu sein, denn immer mehr Touristen drängten aus allen Richtungen in die Stadt. Auf Schleichwegen war es mir gelungen, Izumo schnellstmöglich zu verlassen. Nun wollte ich die wilde Hinomisaki-Küste erkunden. Der gleichnamige Leuchtturm liegt zehn Kilometer nordwestlich von Izumo. Der Weg dorthin führte beständig an der Feldküste entlang und erinnerte mich ein wenig an meine Tour über die Noto-Halbinsel. Kurz vor dem Leuchtturm lohnt der Hinomisaki-Schrein in seinem zinnoberroten Glanz einen kurzen Abstecher. Um den Leuchtturm herum ist – vom Parkplatz ausgehend – ein schöner, nicht sehr langer Rundweg angelegt. Mit Blicken auf die spektakulären Felsklippen.

Ein fantastischer Rundweg führt um das Hinomisaki-Kap.

Illegal zurück nach Izumo

Anstatt nach Izumo zurückzufahren, wollte ich den kleinen Fischerort Sagiura fünf Kilometer östlich des Leuchtturms erkunden. Nach meinen Informationen führt von dort ein Hiking-Pfad zu einem weiteren Leuchtturm und einer prächtigen Felsgrotte. Angesichts des nun einsetzenden Starkregens verzichtete ich aber auf dieses Abenteuer und wollte stattdessen weiter die Küste entlang, um erst hinter Izumo wieder auf die Schnellstraße zu fahren. Keine schlechte Idee, doch nur zwei Kilometer hinter Sagiura war die Straße aufgrund von Bauarbeiten vollgesperrt. Ich versuchte nun zumindest den direkten Weg zurück nach Izumo. Zwar war auch an dieser Abzweigung eine Sperrung angezeigt, doch ich wollte mein Glück versuchen und fuhr einfach durch.

Schon auf den ersten Metern war die Straße zur Hälfte weggebrochen, doch mein Kasten passte gerade noch hindurch. Es regnete heftig, die Straße war schmal und schwang sich in abenteuerlichen Kehren immer weiter den Berg hinauf. Hinter jeder Kurve vermutete ich Eisenpoller oder anderweitige Barrieren, die mir endgültig den Weg versperren würden. Ans Wenden wollte ich angesichts der Abgründe und der schmalen Straße gar nicht denken. Dann irgendwann passierte ich das Schild, welches die Straße in der anderen Richtung sperrte und gelangte nur wenige Meter dahinter zu einer Brücke über einen kleinen Fluss, hinter dem sich ein großes Holzgebäude erhob. Tatsächlich war dies die Haupthalle des Izumo-Schreins und es stellte sich heraus, dass ich von ganz hinten in das Allerheiligte vorgedrungen war. Immerhin ohne Stau. Nun also noch einmal raus aus der Stadt – dieses Mal südwärts. Der Stau in die andere Richtung war auf mehrere Kilometer angewachsen. Die Leute taten mir leid, doch ich hatte es geschafft.

Diesen Weg gehen fast alle einmal hin und wieder zurück.

Die Dünen von Tottori

Die Präfekturen Shimane mit dem Izumo-Schrein und Tottori, wo ich später übernachten würde, sind die einwohnerärmsten überhaupt. Entsprechend ländlich kam die Gegend daher. Keine Autobahn, sondern nur eine zweispurige Schnellstraße. Nur wenige Orte zwischendrin. Viel Natur. Nach zweieinhalb Stunden Fahrt waren Tottori und kurz dahinter die weite Dünenlandschaft erreicht, für die die Stadt so berühmt ist. Vom Parkplatz führt ein Sessellift direkt hinein. Die meisten Besucher gehen einmal die Düne hinunter und dann wieder zurück, ich war – so wie meistens – entgegengesetzt des vorgezeichneten Kurses unterwegs, was vollkommen ok war, denn all dieses Land war öffentlich zugänglich, sodass man sich frei bewegen konnte. Tatsächlich lässt sich die besondere Atmosphäre des Ortes abseits des Trubels viel besser erfassen. Hier übten sich Touristengruppen im Sandboarding, dort ein Foto-Shooting in Anime-Fantasie-Kostümen, Babys, die sich alle Mühe geben, die Sandberge hochzukraxeln und um einen herum die herrliche Weite und das Meer. Ähnliche Landschaften finden sich an Nord- und Ostsee einige, doch in Japan ist dies der einzige Ort dieser Art. Dereinst war noch versucht worden, die Gegend aufzuforsten, doch irgendwann ließ man das bleiben, wurde das touristische Potential erkannt.

Cosplay in den Dünen.

Baseball im TV

Mein Ryokan lag mitten im Nirgendwo. Zunächst hatte ich die heruntergekommene Kate mit dem bellenden Hund auf dem Dach dafür gehalten, doch Gott sei Dank war es das Gebäude nebenan. Für das Abendessen musste ich das Auto nehmen und ins zehn Kilometer entfernte Tottori fahren, dass den zweifelhaften Charme eines provinziellen Mittelzentrums ausstrahlte und erkennbar von Abwanderung und Abschwung gezeichnet war.

Zurück im Ryokan hatten es sich vier mittelalte Herren im Gemeinschaftszimmer gemütlich gemacht. Freunde, die mittlerweile auf ganz Japan verstreut waren und sich einmal im Jahr zu einer gemeinsamen Motorradtour trafen. Die waren nett. Eine deutlich angenehmere Konversation als am Abend zuvor. Im TV lief Baseball und ich verstand erst jetzt, wie wichtig das war. Ich hatte bei all dem Rumgehetze gar nicht mitbekommen, dass gerade die Finalserie der japanischen Baseballmeisterschaft, mithin das wichtigste Sportereignis des Jahres lief. Orix Buffaloes vs. Hanshin Tigers. Das erste ein Retortenteam, das zweite der beliebteste und traditionsreichste Baseball-Club des Landes, gleichzeitig aber auch bemerkenswert erfolglos. Ein bisschen wie RB Leipzig vs. Schalke 04, wobei die Buffaloes und die Tigers aus der gleichen Stadt kamen – aus Osaka. Das erste reine Osaka-Finale in der Geschichte des japanischen Baseballs. Gespielt wurde eine Best of seven-Serie. Die Tigers hatten drei Spiele gewonnen, brauchten noch einen Sieg, hätten an diesem Abend den Sack zumachen können. Taten sie aber nicht, denn die Buffaloes waren überlegen und konnten zum 3 zu 3 ausgleichen. Auf meine Frage, wann und wo das entscheidende siebte Spiel steigen würde, hieß es, morgen Abend im Osaka Dome. Traf sich gut. Denn dann würde ich die Acht endgültig vollgemacht und den Kasten in Osaka abgegeben haben.

Mein Ryokan in the middle of nowhere.

Noch ein paar Tipps zum Schluss

Auf die Insel Gunkanjima vor Nagasaki werden Touren angeboten. Sie dauern mit 45 Minuten in etwa genauso lang wie die Anfahrt mit dem Boot. Abgelegt wird vom Fährterminal von Nagasaki drei Gehminuten entfernt von der Ohato-Tramstation. Frei bewegen auf der Insel darf man sich leider nicht.

Nach Dazaifu fährt in engen Taktzeiten eine private Eisenbahnlinie, die von Fukuoka aus nur etwa eine halbe Stunde benötigt.

Shimonoseki ist an den Shinkansen angebunden und daher bestens erschlossen. Der Hafenfront am nächsten liegt der Bahnhof Shimonoseki Stadt. Moji Port auf der anderen Seite der Kammon-Meeresstraße lässt sich vom Shinkansen-Bahnhof Kokura mit einer Regionalbahn erreichen.

Akiyoshidai hat keinen Bahnhof. Dafür verkehren Busse. Zum einen von Japan Rail ab Yamaguchi Bahnhof. Fahrzeit 60 Minuten. Zum anderen von Bocho Bus ab Shin-Yamaguchi Bahnhof. Abfahrten recht selten. Fahrzeit 45 Minuten. Bocho Bus bietet zusätzlich Verbindungen nach Hagi.

Auch nach Hagi kommt man besser mit dem Bus. Japan Rail betreibt ab Yamaguchi Bahnhof eine Linie, die alle ein bis zwei Stunden fährt und etwa 70 Minuten benötigt.

Izumo und Tottori lassen sich mit der Bahn erreichen, wiewohl die Dünen von Tottori etwas außerhalb der Stadt liegen und man die Dienste lokaler Busse oder eines Taxis in Anspruch nehmen sollte.

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Falk Schäfer
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