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Ostwärts Reisen

Tottori-Osaka-Taipeh-Prag-Berlin

Ich hatte von 2005 bis 2009 einige Jahre in Tokyo verbracht, war am Ende aber gottfroh, diese Episode hinter mir gelassen zu haben. Es hatte sich erweisen, dass die japanische Kultur vollkommen inkompatibel ist mit meiner Persönlichkeit. Die Befassung mit diesem eigenartigen Land wurde stetig weniger, bis sie mit der Corona-Pandemie ganz versiegte.

Nun brachte mich das Geschäft zurück, weil ich seit einigen Monaten Reisen nach Japan anbiete und demnächst ein Japan-Buch unter meinem Namen erscheinen wird. Schließlich musste ich nach dem russischen Überfall auf die freie Ukraine meine Reisen nach Südsibirien absagen und kann mir mittelfristig kaum vorstellen, Gäste ins zunehmend faschistoide Russland zu bringen. Japan soll als Ersatz dienen, wiewohl mir natürlich bewusst ist, dass es im Gegensatz zum Kaukasus oder der Mongolei nicht wirklich ins Konzept von abenteuerlichen Reisen in den wilden Osten passt. Doch immerhin hatte ich das Land studiert, spreche die Sprache, kenne mich aus, war fast überall gewesen und die Himmelsrichtung passt auch.

Also Infos sammeln, Kooperationspartner treffen und Fotos schießen. All dies in einem mörderischen Tempo, denn ich wollte die Zeit möglichst effizient nutzen. Ich hatte mir in Osaka ein Auto gemietet und raste durchs Land. Zuerst am Pazifik hoch über Tokyo nach Sendai und dann am Japanischen Meer und durch die Berge wieder hinunter. Der untere Teil meines Reiseprogramms in Form einer Acht führte mich nach Shikoku und Kyushu und anschließend zurück nach Honshu ans Japanische Meer. Nun war ich auf der Zielgeraden, hatte nur noch eine lange Fahrt zu bewältigen und noch zwei intensive Tage in Osaka vor mir.

Ein beschauliches kleines Kurbad am Fluss kurz vor dessen Mündung ins Japanische Meer.

Kinsosaki Onsen und Abschied vom Japanischen Meer

Mein bellender Husten, der mich seit zwei Tagen begleitete, wurde immer schlimmer, regelrecht schmerzhaft. Ich war froh, dass dies mein letzter Fahrtag sein würde, denn vor allem hinter dem Lenkrad steigerten sich die Anfälle ins Katatonische.

Zunächst nach Kinosaki Onsen und dann zum Kansai-Flughafen südlich von Osaka. Nach etwas mehr als einer Stunde war Kinosaki Onsen erreicht. Deutlich vor 9 Uhr, weshalb noch nichts geöffnet hatte, und keine Seilbahn fuhr. Ich vertrieb mir die Zeit mit einem Ausflug ans Japanische Meer, denn der Kurort liegt nur zwei Kilometer vor der Mündung des Maruyama-Flusses.

Das Kinosaki-Marine-World-Aquarium erhebt sich an der schroffen Küste. Etwas weiter die Straße hinauf bieten sich am Kap Onomichi die schönsten Blicke auf die Szenerie. Es hieß Abschied nehmen vom Japanischen Meer. Es hatte mich von Tsuruoka über Kanazawa nach Amanohashidate und wieder von Hagi über Izumo und Tottori bis hierher nach Kinosaki begleitet, war fast immer sonnig gewesen, hatte wenig von der Wildheit gezeigt, die ihm in Japan zugeschrieben wird.

Abschied vom Japanischen Meer.

Was Kinosaki Onsen unter vielen anderen Onsen-Bädern heraushebt, ist der Umstand, dass die Gäste nicht alles in ihrem Ryokan vorfinden, sondern angehalten werden, durch die Gassen zu streifen. Bestenfalls in traditioneller Kleidung, mit den bereitgestellten Geta-Sandalen und der Yukata. Dazu passt, dass Kinosaki gleich über sieben öffentliche Bäder verfügt. Tatsächlich wabert eine beschauliche Atmosphäre durch den Ort und jetzt so gegen 9 Uhr begann er auch zu erwachen.

Etwas westlich des Ortskerns führt eine Seilbahn zum Onsenji-Tempel und weiter auf den Gipfel des Hausberges von Kinosaki Onsen. Ich erwischte gleich die erste Passage. Das 3/4-Angebot schien wie für mich gemacht. Hoch auf den Gipfel für die Aussicht und ein paar Fotos, dann runter auf halbe Höhe zum Tempel und von dort zu Fuß die Treppen abwärts zum Parkplatz. Die nächsten von so vielen fantastischen Blicken auf meiner Reise. Man sah die Mündung des Maruyama ins Japanische Meer mit seiner Felsküste und wie sich unten das Kurbad ins Tal schmiegte. Nach hinten raus die scheinbar endlosen Wellentäler der gleichmäßig geformten Berge.

Das Kurbad im Tal und die Mündung des Maruyama-Flusses in der Ferne.

Endlich war der Kasten weg

Die letzten drei Stunden Fahrt. Zwischen etlichen Hustenanfällen machte sich Euphorie breit. Die Querung von Osaka war allerdings nicht ohne mit all den Ausfahrten, Brücken und Tunnels. Einmal musste ich noch runter von der Autobahn, um vertragsgemäß den Tank vollzumachen. Anschließend über die Brücke auf die künstliche Flughafen-Insel in der Bucht. Zwei Ängste beschlichen mich. Erstens mögliche Strafzettel, denn der Kasten war fast immer der Schnellste gewesen, weil ich die vorgeschriebene Geschwindigkeit beständig um 30 bis 50 km/h überzogen hatte. Zweitens die Maut. Die ETC-Karte ist zwar äußerst praktisch, weil man damit überall rein und raus kann und nicht ständig das Portemonnaie zücken muss, dafür jedoch verliert man den Überblick über die Ausgaben. Es war dann doch nicht so schlimm. Strafen gab es keine und die gesammelten Mautgebühren hielten sich mit umgerechnet 380 Euro im Rahmen. Schließlich war ich fast 7.000 Kilometer gefahren, den größten Teil davon auf den mautpflichtigen Schnellstraßen des Landes.

Der Ausgehbezirk Namba ist der Hotspot des Nachtlebens in der Kansai-Region.

Wieder in Osaka

Mit der Nankai-Linie in etwas weniger als einer Stunde zum Bahnhof Namba, um im Anschluss noch einen Kilometer die Klamotten zum Hotel zu schleppen. Ich kam mitten im Zentrum im Shinsaibashi-Viertel unter, einem der hippsten Orte Japans voller betont lässiger junger Menschen. Ein scharfer Kontrast zu all den Dörfern und den zumeist ältlichen Touristen zuvor.

Ich musste dringend Wäsche waschen und wollte mir neue Turnschuhe kaufen, weil ich die alten bei Wind, Sonne und Regen unaufhörlich getragen hatte, sodass sie mittlerweile einen recht strengen Geruch ausströmten. Gut, dass sich direkt im Umkreis des Hotels die Second-Hand-Läden aneinanderreihten. Schlecht, dass die angenommene Ware offenbar nicht geprüft wird, die neuen Schuhe nicht einmal die Nacht überlebten und sich die Sohle nach und nach auflöste.

Osaka hatte mir schon immer besser gefallen als Tokyo. Für japanische Verhältnisse waren die Leute vergleichsweise offen, allerdings nur für japanische Verhältnisse, denn zu einer wirklich freien Stadt fehlen auch hier Längen. Epizentrum des Nachtlebens ist der Namba-Bezirk und dort die Dotonbori-Straße mit der berühmten Brücke, von der besonders enthusiastische Fans der lokalen Hanshin Tigers oder der japanischen Nationalmannschaften nach größeren Erfolgen regelmäßig in den Kanal springen. Mit der Shinsaibashi schließt in Richtung Norden die berühmteste Einkaufstraße der Kansai-Region an. Ein wenig das Gegenstück zum Harajuku-Bezirk in Tokyo.

Das traditionsreiche Koshien ist das Heimstadion der Hanshin Tigers.

Hanshin vs. Orix

Nachdem alles erledigt war, ich die obligatorische Nudelsuppe intus und ein paar Fotos für den in Bälde erscheinenden Reiseführer geschossen hatte, war die Sonne untergegangen und es bald sechs Uhr am Abend. Zeit, sich eine geeignete Location für das Highlight des Tages zu suchen. Das entscheidende Spiel der Best-of-seven-Serie im Finale der japanischen Baseball-Meisterschaft. Hanshin vs. Orix. Osaka vs. Osaka. Meine persönliche, nicht-repräsentative Straßenumfrage hatte ergeben, dass in etwa null Prozent den Orix zuneigten und alle anderen die Hanshin Tigers unterstützten. Nicht weit von meinem Hotel entfernt, fand ich eine kleine Open-Air-Bar, aus der Reggea-Musik dröhnte, die aber versprach, alsbald auf das Spiel umzuschalten. Ein herrlicher Sonntagabend mitten im November bei knapp 25 Grad. Inning für Inning kamen mehr Menschen hinzu, bis die kleine Straße vor der Bar fast dicht war und Autos kaum mehr durchkamen. Am Ende war es eine klare Angelegenheit, gewannen die Hanshin Tigers mit 7 zu 1. Die Freude über die erste Meisterschaft seit 38 Jahren fiel erstaunlich gemäßigt aus. Ich hatte mir etwas mehr Ekstase versprochen, doch dazu hielt ich mich vermutlich im falschen Land auf. Witzig war, dass in den Nachrichten grimmig dreinschauende und martialisch gekleidete Polizisten gezeigt wurden, wie sie sich auf die kommenden Feierlichkeiten vorbereiteten. Ihre Aufgabe war es nicht, verfeindete Fan-Gruppen auf Distanz zu halten, sondern sie sollten lediglich die Hanshin-Fans daran hindern, von der nahen Dotonbori-Brücke in den Kanal zu springen, zu dem auch ich mich auf den Weg gemacht hatte. Die Brücke war schon gesperrt, Rettungsboote standen bereit und dann sprang eine Handvoll Leute fein säuberlich nacheinander hinein, um anschließend abgeführt und nach einer strengen Einvernahme wieder freigelassen zu werden. Eine reichlich alberne und bemerkenswert japanische Prozession.

Die süße kleine Tram fährt von Kyoto-Demachiyanagi zur Talstation der Zahnradbahn auf den Hiei-Berg.

Ausflug zum heiligen Berg Hiei

Das Auto war endlich weg und ich mit der Bahn unterwegs. Ich hatte mir einen letzten Ausflug vorgenommen. Zum Hiei-Massiv zwischen der Kaiserstadt Kyoto und dem Biwa, seines Zeichens der größte See Japans. Ein schöner Kreis zum Beginn der Reise, denn die hatte auf dem heiligen Berg der Shingon-Schule begonnen, dem Koya südöstlich von Osaka. Der Hiei gilt der ebenso wirkmächtigen Tendai-Schule als heilig. En passant würde ich mit Shiga die Nummer 37 von insgesamt 47 japanischen Präfekturen vollmachen. Beachtlich für nur zweieinhalb Wochen, wie ich fand. Ein persönlicher Rekord, der mich ein wenig mit Stolz erfüllte.

Zwei Stationen mit der Metro nach Osaka-Yodoyabashi und von dort mit dem Keihan-Regionalexpress nach Kyoto-Demachiyanagi. Letzteres fast ohne Halt nahezu in einem Rutsch, was circa eine Stunde dauerte. Ich will nochmal auf meinen Husten zu sprechen kommen. Es ist gar nicht so einfach, die Anfälle zu unterdrücken. Und es sei dahingestellt, ob es den Eindruck von der weißhäutigen Virenschleuder irgendwie mildert, wenn Schweiß und Tränen laufen und die Gesichtsfarbe einem  frisch gerösteten Tintenfisch gleicht.

Die Haupthalle des Enryakuji wird aktuell aufwendig rekonstruiert.

Von Demachiyanagi fährt eine süße Tram die letzten paar Kilometer in den Norden Kyotos. Anschließend mit der Zahnradbahn und dann mit der Seilbahn bis kurz vor die Passhöhe des Hiei-Massivs. Der Enryakuji als spirituelles Zentrum der Tendai-Schule war zu Fuß nur eine halbe Stunde entfernt, doch ich entschied mich für den Shuttle-Bus. Einer von wenigen kleinen Fehlern auf der Reise, denn ich hätte auf dem Weg gleich das Saito-Areal erkunden können – mit dem Mausoleum von Saicho, jenem Mönch, der im achten Jahrhundert die Tendai-Lehre von China nach Japan gebracht hatte.

Im Todo – dem östlichen Teil – finden sich die wichtigsten Heiligtümer. Zuvorderst zu nennen ist die Haupthalle, die allerdings aktuell aufwendig rekonstruiert wird. Immerhin ist ein kleiner Rundgang durch die Baustelle eingerichtet.

Der Weg zum Saito-Areal ist nur dürftig ausgeschildert, weshalb ich mich ein paar Mal verlaufen hatte. Auf den richtigen Pfaden ein angenehmer Spaziergang von etwa 20 Minuten durch schönen Mischwald.

Im Mausoleum ist der heilige Mönch Saicho bestattet, der im achten Jahrhundert den Tendai-Buddhismus von China nach Japan gebracht hatte.

Der Enryakuji gehört zu den heiligsten Orten Japans, denn die esoterisch angehauchte Tendai-Schule ist nach wie vor ausgesprochen populär. In früheren Zeiten hatten sich die Mönche in die Machtkämpfe am Kaiserhof eingemischt, waren auch militärisch von Relevanz. Genau aus diesem Grund ließ der erste Reichseiniger Oda Nobunaga Ende des 16. Jahrhunderts den Tempel schleifen und viele Mönche ermorden. Die aktuellen Gebäude stammen aus der Edo-Zeit, sind also nicht besonders alt.

Der Hiei ist durch eine Mautstraße erschlossen, doch ohne den Kasten musste ich mir anders helfen. Praktischerweise ist es möglich, das Massiv von der einen Seite aus Kyoto zu erklimmen und zur anderen wieder zu verlassen. Hin zum Biwa-See verkehrt die längste Zahnradbahn Japans. Die Bergstation liegt nur knapp zehn Gehminuten von der Haupthalle des Enryakuji entfernt. Abfahrten alle halbe Stunde. Während des Wartens lohnt ein kurzer Gang auf das Dach des Empfangsgebäudes mit phänomenalen Sichten auf den Biwa-See.

Blick auf den Biwa, mit 670 Quadratkilometern mit Abstand der größte See Japans.

Von der Talstation fuhren zwar auch Busse, doch ich lief schnell zu Fuß die zehn Minuten zum kleinen Bahnhof der Keihan-Linie. Von dort über Biwako-Hamaotsu zurück nach Kyoto, wo ich kurz am Shirokawa-Kanal entlang durch das traditionelle Gion-Viertel streifte. Allerdings im Dauerregen, sodass ich es bald vorzog, die Rückreise nach Osaka anzutreten, wo noch Einiges zu tun war.

Osaka im Dauerregen

Der Rundgang durch die zweitgrößte japanische Metropole begann am Bahnhof Temmabashi. Von hier war es zu Fuß nicht allzu weit zum Areal der alten Burg von Osaka. Burgen gibt es viele in Japan, denn in der Nachkriegszeit hatte sich fast jede größere Stadt eine Kopie aus Stahlbeton geleistet. Mitunter sogar an solchen Orten, wo nie zuvor eine Burg gestanden hatte. Original erhalten sind nur eine Handvoll, beispielsweise jene in Matsumoto, Himeji oder Matsuyama. Das lag zum einen an der Holzbauweise mit den vielen Bränden und zum anderen im Umstand begründet, dass die frühe Meiji-Regierung zur Stabilisierung der eigenen Herrschaft viele Wehrbauten zerstören ließ. Sie ähneln sich allesamt. Weiß, von Gräben umzogen, vier oder fünf sich verjüngende Stockwerke und geschwungene japanische Dächer.

Die Burg von Osaka.

Die Burg von Osaka macht da keinen Unterschied. Auch sie ist nur ein Nachbau, doch es gibt einige Gründe, sie dennoch zu besichtigen. Der erste ist die historische Bewandtnis, denn hier hatte sich der Erbe Toyotomi Hideyoshis 1615 gegen die Tokugawa aufgelehnt, jenen Clan, der ihn um die Nachfolge als Shogun betrogen hatte. Der Aufstand scheiterte, sodass sich die Tokugawa-Herrschaft endgültig konsolidierte und Toyotomi Hideyori zusammen mit seiner Mutter Seppuku, rituellen Selbstmord, verüben musste. Eine tragische Geschichte, die in Japan jedes Kind kennt. Zudem ist in der Burg ein ausgesprochen informatives und gut kuratiertes historisches Museum untergebracht. Und schließlich sind die Blicke von der Aussichtsplattform phänomenal, liegt einem die Megastadt zu Füßen. Im Frühjahr ist der Park rund um die Burg einer der beliebtesten Orte für das Hanami-Blumenschauen während der Kirschblüte.

Ich war mal wieder böse

Mit der Metro wollte ich weiter zum Shitennoji, dem wichtigsten Tempel Osakas, wartete mitten auf dem Bahnsteig und glotzte auf mein Handy. Ich musste mich nicht in die Reihe stellen, weil es ohnehin nur drei Stationen waren, kein Berufsverkehr herrschte und ich nach allen anderen auch noch hineinpassen würde. Zwei wohlgekleideten älteren Damen, die mich in ihrer blasierten Eleganz schon äußerlich abschreckten, schien das nicht zu gefallen. Im Gespräch untereinander wurde neben meiner unangemessenen Art, auf den Zug zu warten, auch bemängelt, dass ich meinen Regenschirm waagerecht auf meiner Radtasche platziert hatte und nicht senkrecht, wie sie es für passend hielten. Als sie im Wagen Platz genommen hatten, stellte ich mich neben sie und lauschte ihren Gesprächen. „Oh. Ich glaube, er hört mit“, so die eine irgendwann. „Ja. Genau. Das tut er. Erstens ist es nicht Euer Problem, wie ich auf den Zug warte und zweitens ist das Getratsche über Anwesende grob unhöflich. Deshalb Schluss damit. Stellen Sie das bitte unverzüglich ein.“ Ein innerer Reichsparteitag für mich und eine unerträgliche Scham für die beiden. Es war schön, zu sehen, wie sie unter unaufhörlichen Entschuldigungen in der Sitzbank versanken. „Oh. Ich wusste nicht, dass Sie Japanisch sprechen.“ Darauf ich: „Und? Macht das irgendeinen Unterschied?“ Sie waren vermutlich froh, dass ich alsbald aussteigen musste und haben hoffentlich ihre Lektion gelernt.

Die Abeno Harukas – der höchste Wolkenkratzer Japans.

Der schon im sechsten Jahrhundert von Prinz Shotoku gegründete Shitennoji, hatte eine eine zentrale Rolle bei der Verbreitung des Buddhismus in Japan gespielt. Die Gebäude sind zwar immer mal wieder abgebrannt, wurden aber stets originalgetreu rekonstruiert, sodass sich auch heute noch die Architektur der Nara-Zeit nachvollziehen lässt.

Vom Tempel waren es zehn Gehminuten zum Shinsekai(Neue Welt)-Viertel rund um den originellen Tsutenkaku-Turm. Vor einigen Jahren war die Gegend revitalisiert worden mit dem Ziel, die Atmosphäre des Aufbruchs in der Nachkriegszeit widerzuspiegeln. Ein wenig Retro kann nie schaden. Dass Shinsekai als Ort mit Kriminalitätsbelastung gilt, muss angesichts der allgemein hohen Sicherheitsstandards niemanden wirklich schrecken.

Mein Spaziergang führte an einem kleinen Zoo vorbei zur Tennoji-Station, wo sich mit den Abeno-Harukas der höchste Wolkenkratzer des Landes erhob. Ein herrlicher Anblick. Selbst im Dauerregen. Drei sich stetig verjüngende Türme, von denen der höchste bis auf 300 Meter hinaufragt.

Direkt unterhalb der Türme fährt eine Straßenbahn zum Sumiyoshi-Taisha, dem wichtigsten Schrein der Stadt. Schon im dritten Jahrhundert gegründet, ist er einer der ältesten Japans. Die urjapanische, von chinesischen Einflüssen weitgehend unbeeinflusste Architektur lässt sich so nur noch in Ise, Izumo und wenigen anderen Orten nachvollziehen. Spitz zulaufende Dächer, die sich in einem gekreuzten Giebel treffen. Dies hier ist der wichtigste der knapp zweitausend Sumiyoshi-Schreine im Land. Verehrt werden die kami, die Reisenden, Fischers- und Seeleuten Schutz bieten, sodass die Sumiyoshi-Schreine zumeist in Küstennähe zu finden sind.

Die Bogenbrücke am Sumiyoshi-Taisha-Schrein.

Nerds und Maids

Hundert Meter neben dem Schrein fährt die Nankai-Linie nach Namba, von wo ich zu Fuß zu meinem Hotel laufen konnte. Mit einem kurzen Abstecher durch Den-Den-Town, dem Osakaer Gegenstück zum Akihabara-Viertel in Tokyo. Auch hier zahllose Elektronik-Shops vom Superstore bis zum kleinen Laden mit Ersatzteilen für Hobby-Bastler. Daneben sehr viel Anime und Manga und auch die reichlich skurrilen Maid-Cafés, in denen sich hässliche Nerds von betont devoten Kellnerinnen in Dienstmädchen-Kostümen verwöhnen lassen. Eine flüchtige Illusion von Nähe gegen das Entgelt für einen völlig überteuerten Käsekuchen oder ein Omelett. O-kaerinasai-mase go-shujin-sama, heißt es zur Begrüßung. Willkommen zu Hause, mein Gebieter. Abgesehen vom höchst fragwürdigen Frauenbild so weit weg von der Realität, dass einem die Jungs fast leidtun können. Es wäre vermutlich besser, wenn sie die Zeit und das Geld vor dem Spiegel, beim Friseur oder in der Badewanne verbringen würden, aber wer bin ich um Ratschläge zu erteilen?

Hier stehen die Mädels und bieten ihre Konversationsgutscheine an.

In einer Nebenstraße standen die jungen Mädels in Dienstmädchen-Kostümen und Anime-Verkleidungen aufgereiht und boten ihre Konversationsgutscheine an. Sorry dafür, doch es hatte etwas von Straßenstrich. Auch mir wurde das Angebot gemacht, mich für knapp 50 Euro 30 Minuten lang mit einer 16jährigen unterhalten zu dürfen. Was für ein Irrsinn, aber offenbar besteht eine große Nachfrage. Immer wieder erstaunlich, wieviel Geld in Japan umgesetzt wird, ohne dass es nur ansatzweise zu körperlichen Kontakten kommt. Es ist das mit Abstand einsamste Land, in dem ich jemals verweilen durfte(musste).

Der letzte Abend

Ich hatte noch einmal die Maschine angeworfen, weil ich es mag, mit einem Koffer sauberer Klamotten nach Hause zu kommen. Nun stand der letzte Abend an. Ich fand in der Nähe meines Hotels eine Karaoke-Bar. Die Barkeeperin war Polin, dazu ein paar feierwütige Sino-Amerikaner, zwei Festlandchinesen, ein Taiwanese und eine junge Japanerin. Letztere nippte nur schüchtern an ihrem Glas, während die anderen Asiaten ihr vorlebten, wie man richtig Spaß hat. Ein bemerkenswerter Kontrast. Die Japanerin hatte sich bald verabschiedet, doch ich blieb und sang noch das eine oder andere Ständchen. Meine Freunde waren allesamt keine Touristen, sondern schon länger an diesem Ort. Womöglich zu lange, denn über Land und Leute hatte niemand – mich eingeschlossen – sehr viel Gutes zu berichten. Feigheit, Ausgrenzung, Xenophobie, Sexismus, Heuchelei, innere Unfreiheit und dann all die sinnlosen Regeln, die einem 24/7 aus Mündern und Maschinen entgegenschallen. Ich freute mich auf Berlin.

Osaka Waterfront.

Die Hafenfront von Osaka

Mein Flug ging erst am Abend, sodass noch Zeit blieb für einen letzten Streifzug. Zunächst nach Umeda, wo rund um den Hauptbahnhof von Osaka in den vergangenen Jahrzehnten ein beeindruckendes Geschäftsviertel entstanden ist. Absoluter Hingucker ist das Umeda Sky Building, von dessen Dachterrasse sich bei gutem Wetter fast die gesamte Kansai-Region überblicken lässt.

Umeda Sky Building – von der Aussichtsterrasse ganz oben bieten sich fantastische Sichten.

Mit der S-Bahn nach Sakurajima, wo mit den Universal Studios Japans zweitgrößter Themenpark nach Tokyo Disneyland eingerichtet ist. Ich hatte dafür natürlich keine Zeit und nahm stattdessen die Fähre auf die andere Seite der Mündung des Okawa in die Bucht von Osaka. Gerade legte hier ein riesiges Kreuzfahrtschiff an. Womöglich aus den USA, um nach Hautfarbe und Körperumfang der Passagiere zu urteilen. Der Mount Tempo gilt als höchster Berg Osakas, doch das ist eher ein Witz, denn dessen Höhe wird mit genau vier Metern angegeben. Daneben ein Riesenrad, das Legoland Discovery Center und schließlich das riesige Kaiyukan-Aquarium. Der Haupt-Tank fasst 5.000 Tonnen Wasser und insgesamt verteilen sich auf die 15 Becken um die elftausend Tonnen. Eines der größten Aquarien der Welt. Ich nahm an einem Foodcourt neben dem Aquarium meine vorerst letzte Nudelsuppe ein und fuhr danach mit dem Metro eine Station weiter zum Cosmosquare, wo sich mit dem Sakishima Cosmo-Tower einer der höchsten Wolkenkratzer Japans erhebt. Von der Aussichtsplattform boten sich noch einmal herrliche Blicke über die Bucht von Osaka. Anschließend mit einer hypermodernen Tram zum Suminoe-Park und von dort mit der Metro zurück zum Hotel. Eine schöne Rundtour um die Hafenfront. Mit S-Bahn. Fähre, Metro und Tram. Nicht ganz so krass wie Odaiba oder Ariake in Tokyo, aber doch ein bleibender Eindruck von einer gigantischen Metropole. Bei stahlblauem Himmel und Sonne glitzert das Meer noch etwas schöner, fügen sich die Wolkenkratzer noch besser in die mächtige Stadtlandschaft.

Gleich neben dem Kreuzfahrtpier findet sich das riesige Kaiyukan-Aquarium.

Auf dem Weg nach Hause

Ich schleppte meine Klamotten gleich durch bis Namba. Zwar ein langer Weg, doch dafür konnte ich ohne Umsteigen die Nankai-Linie zum Flughafen nehmen. Eine Monsterreise hatte ihr Ende gefunden. Es ärgerte mich ein wenig, dass ich für Taipeh auf dem Rückweg keine Zeit hatte und dort nur den Flieger wechseln würde, doch der Gedanke an das baldige Wiedersehen mit meinem reizenden Töchterchen machte mich schnell wieder glücklich.

Umeda – der Hauptbahnhof von Osaka.

Über den Flug gibt es nicht viel zu berichten. Immerhin konnte ich zwischendrin etwas Schlaf finden. In Prag musste ich mit Bus und Bahn in die Innenstadt, um dort von Florenc den FlixBus nach Berlin zu nehmen. Ich schaffte eine frühere Abfahrt als eigentlich geplant, doch die zeitliche Ersparnis war nicht sehr groß. Erst schloss der Kofferraum nicht richtig, dann wurden wir Insassen an der Grenze elend lang kontrolliert und schließlich fuhr der Bus nur zum BER, musste ich von dort mit dem Regio in die Stadt.

Im Terminal auf dem Weg zum Flughafenbahnhof meckerte mich irgendein Typ wegen der Deckenklappen voll, weil die offenbar aus der Verankerung gefallen waren. „Dit is Berlin. Erst ein paar Jahre fertig und schon ist alles ruiniert.“ Den Regio erwischte ich gerade noch so. Er war vom falschen Gleis abgefahren und reichlich überfüllt. Neben mir brüllte jemand Beleidigungen ins Handy. Wir fuhren auch nur bis Ostkreuz, weil auf der Stammstrecke durch die Innenstadt gebaut wurde. Also rein in die Ringbahn mit all den Gesichtern, die diese Stadt ausmacht.

Ein normaler Mittwochnachmittag, der mir aber ganz außergewöhnlich vorkam. In Schöneberg klemmte an der Haltestelle die Anzeige für die Abfahrten, kam erst nach zehn Minuten der richtige Bus. Und dann wurde wie selbstverständlich telefoniert, quatschten fremde Leute miteinander, waren sich alle einig, wie Scheiße doch alles ist, um dann doch darüber zu lachen. Ich liebe Berlin, war endlich raus aus diesem vollkommen bekloppten Panoptikum.

Noch ein paar Tipps zum Schluss

Von Osaka und auch von Kyoto fahren Regionalzüge nach Kinosaki Onsen. Fahrzeit jeweils knapp zweieinhalb Stunden.

Die Zahnradbahn, welche von Kyoto auf den Hiei führt, stellt im Winter den Betrieb ein, jene, die vom Biwa-See kommt, verkehrt ganzjährig. Die umfassenden Rekonstruktionen an der Haupthalle des Enryakuji sollen bis 2026 abgeschlossen sein.

Die Zahnradbahn von Kyoto auf den Hiei.

Zur Burg von Osaka kann man auch das Boot nehmen. Vom Nakanoshima-Pier in der Nähe von Umeda Bahnhof in etwa einer halben Stunde zum Anleger unterhalb der Burg.

Am Umeda Sky Building findet jedes Jahr im Dezember ein großer deutscher Weihnachtsmarkt statt.

Die Fahrt rund um die Waterfront von Osaka lässt sich mit einem Ausflug zum Sumiyoshi Taisha verbinden. Will man die Universal Studios nicht besuchen, kann dieser Punkt gänzlich entfallen, fährt man besser direkt mit der Metro zum Aquarium (Station Osaka-ko) und weiter zum Cosmosquare. Direkt östlich vom Cosmosquare liegt das internationale Fährterminal mit Verbindungen nach Korea und nach Festlandchina.

Die normale S-Bahn-Verbindung zum Kansai-Flughafen braucht nicht viel länger und ist deutlich günstiger als der Express

Der Vaclav-Havel-Flughafen in Prag hat keinen Bahnanschluss, Busse fahren aber in engen Taktzeiten zur nahen Metrostation Zlicin. FlixBus verkehrt vom Busbahnhof Florenc in der Innenstadt. Nach Berlin bestehen rund ein Dutzend Verbindungen täglich.

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