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Ostwärts Reisen

Fuji, Pazifikküste und der Indian summer in den Bergen

In Japan hatte ich ein paar Jahre verbracht, doch nach der Rückkehr ins heimatliche Berlin sind die Inseln immer weiter in die Ferne gerückt. Ich hatte die Episode seinerzeit aus gutem Grund beendet, weil mir Land und Leute nicht guttaten und mich die japanische Kultur in vielerlei Hinsicht negativ getriggert hatte. Nun wollte ich aber ein Reisebuch schreiben und selbst Touren dorthin anbieten. Schließlich brauchte ich dringend Ersatz für Südsibirien, weil ich mich mittelfristig vom Gedanken verabschiedet habe, Reisen ins kriegslüsterne und zunehmend faschistoide Russland anzubieten.

Ich war von Prag über Taipeh nach Osaka geflogen, hatte mir ein Auto gemietet und die ersten beiden Tage hinter mir. Nun sollte es in Richtung Norden gehen. Zuerst zum Fuji, dann über den Großraum Tokyo in die Präfektur Fukushima und weiter nach Matsushima, jene Bucht, die in Japan als eine der „drei schönsten Ansichten“ des Landes gilt. All dies in einem mörderischen Tempo.

Rastplatz im nördlichen Fuji-Vorland.

Von Kiso an den Fuji

In der Nacht hatte es Sturzbäche geregnet, doch am Morgen war die Sonne wieder da. 25 Grad. Von Nakatsugawa auf die Chuo-Autobahn in Richtung Nordosten und dann gen Südosten in die Ebene von Yamanashi. Schließlich durch einen Tunnel auf die andere Seite eines Bergmassivs, wo der majestätische Fuji wartete. Noch hinter einer einzelnen Schleierwolke verborgen, aber bald in voller Pracht zu sehen. Der Kawaguchi-ko ist der beliebteste der fünf Seen im nördlichen Vorland, weil erstens gut erreichbar und zweitens mit großartigen Blicken über die Wasserfläche hinweg auf den einsam stehenden Berg. Mit großer Wahrscheinlichkeit der meistfotografierte der Welt und auch ich leistete meinen Anteil. Die Seilbahn auf den Tenjozan sparte ich mir, weil sich an diesem sonnigen Samstagmittag die Schlange aus wartenden Schulkindern und Ausflüglern über mehrere hundert Meter dahinzog.

Stattdessen mit dem Auto näher an den Fuji heran. Außerhalb des Ortes und abseits vom Trubel kam der Fuji-Subaru-Unterhaltungspark ausgesprochen naturverbunden daher. Direkt dahinter lag die Talstation der Fuji-Subaru-Mautstraße. Für knapp 2.000 Yen hätte ich zu einem pittoresken Tempel und zum Ausgangspunkt der Gipfelwege fahren können, doch für diese 30 Minuten pro Richtung hatte ich keine Zeit. Ohnehin sieht der Berg von weitem am schönsten aus, bestehen seine Flanken aus vulkanischem Ödland. Stattdessen fuhr ich östlich am Fuji vorbei auf die wilde Izu-Halbinsel, die mit ihren schroffen Küsten, den grünen Hügeln und den Onsen-Bädern eines der beliebtesten Ziele für Tagesausflüge aus der Mega-Stadt Tokyo ist.

Seilbahn auf den Omuro-Vulkan.

Die wilde Izu-Halbinsel

Der Omuro-Vulkan ist ein perfekt geformter, knapp 600 Meter hoher Vulkankegel. An allen Seiten von herrlich grünem Gras bewachsen. Eine Seilbahn führt hoch und ein Weg rund um den Krater. Mit fantastischen Sichten auf die wilde Küste, den Fuji und auf Oshima, die größte der Izu-Inseln, die sich in der Ferne erkennen ließen. Unten im Krater wurde Bogenschießen trainiert.

Nur zehn Minuten weiter östlich war die Jogasaki-Küste mit ihren schroffen Klippen, den Felsvorsprüngen und der vehementen Brandung erreicht. Vom Leuchtturm führt der Weg über eine Hängebrücke hinunter zum Strand. Von hier konnte man auf die Felsen klettern und über diese die äußerste Spitze erreichen. Unter den übrigen Ausflüglern war ich der Einzige, der diesen Weg fand, doch ganz vorne unter den Klippen saßen die Einheimischen und angelten. Abseits vom Trubel bissen sie vermutlich besser.

Die Jogasaki-Küste lässt sich auch mit dem Zug erreichen. Eine halbe Stunde Fußweg vom Bahnhof Jogasaki-Kaigan an der Izukyuko-Linie zum Leuchtturm. Das ist der Grund, warum hier besonders viele Leute hinkommen, doch tastsächlich steht der Ort nur stellvertretend für viele wilde Küstenabschnitte an dieser weit ins Meer hineinragenden Halbinsel.

Die wilde Jogasaki-Küste auf der Izu-Halbinsel.

Meine Unterkunft hatte ich in Shuzenji Onsen gebucht, im ersten von mehreren Kurbädern auf der Reise. Wieder ein kastenförmiges Business-Hotel, aber dieses Mal mit japanischer Ausstattung und angeschlossenem Thermalbad. Also schlüpfte ich in die bereitgestellte Yukata und ging baden. Tattoos waren zwar verboten, doch erstens war ich der Einzige und zweitens richtete sich das Schild an andere Adressaten. Nämlich die zumeist volltätowierten Herren der japanischen Mafia, der Yakuza, denen man pauschal und direkt den Eintritt nicht verwehren will, sodass man sich auf dieses prägende körperliche Merkmal bezieht.

In Shuzenji Onsen muss man den gleichnamigen Tempel besuchen. Unmittelbar vor dessen Haupttor erstreckt sich rund um eine rote Bogenbrücke das Zentrum des gemütlichen Kurortes. An den Ufern des Flusses reihen sich die traditionellen Ryokans und Restaurants aneinander. Darunter auch einige in Japan sehr bekannte Namen. Mir war das zu edel und so zog ich eine kleine Kneipe an der Ecke vor. Nudelsuppe und ein Bier. Das sollte sich in den kommenden Tagen zum Ritual entwickeln. Angenehm offene Wirtsleute, die tatsächlich normal mit mir kommunizieren konnten, was in der extrem xenophoben japanischen Gesellschaft keine Selbstverständlichkeit ist.

Shuzenji-Tempel im gleichnamigen Kurbad.

In den Großraum Tokyo

Der Morgen war wieder sonnig und aufgrund des frühen Aufbruchs kam ich gut voran. Im Rücken stets der mächtige Fuji, war es nicht mehr weit in die Region Kanto. Hier in der Megastadt Tokyo hatte ich knapp dreieinhalb Jahre meines Lebens verbracht, sodass sich tief in mir einige nostalgische Gefühle breitmachten. Allerdings blieb die japanische Hauptstadt dieses Mal links liegen, weil ich ohnehin schon alles kannte und keine Zeit hatte.

Kawagoe und Chichibu waren meine einzigen weißen Flecken in der Kanto-Ebene. Das sollte sich nun ändern. Kawagoe gilt als Klein-Edo, weil sich hier die Atmosphäre des alten Edo weit besser konserviert hatte als in Tokyo selbst. Ich parkte meinen Kasten am Kitain-Tempel, wo sich neben den religiösen Weihestätten die letzten Reste der Burg von Edo besichtigen ließen. Hierhergebracht seinerzeit unter Shogun Iemitsu, und zwar nachdem ein Feuer den Tempel weitgehend vernichtet hatte.

Kitain-Tempel in Kawagoe.

Vom Kitain sind es knapp zehn Minuten Fußweg ins Zentrum von Kawagoe. Die wichtigste Touri-Meile zieht sich vom Rinkeji-Tempel zum Glockenturm Toki no kane, dem Wahrzeichen der Stadt. An diesen sonnigen Herbstsonntag gefüllt mit tausenden Ausflüglern aus allen Teilen der Megalopolis. So richtig authentisch war das sicher nicht, doch immerhin breitete sich eine schöne Atmosphäre aus. Mit all den kleinen Tempeln und Schreinen, den Rikscha-Fahrern und den vielen Geschäften im Stile von Warenhäusern aus der Edo-Zeit mit ihren reich gefüllten Auslagen. Epizentrum des Interesses ist der bereits erwähnte Glockenturm Toki no kane, wo jede/r das Beweisfoto anfertigen muss, dass er/sie wirklich in Kawagoe war. Nicht selten in traditioneller Tracht, in Kimono oder Yukata. Nicht weit dahinter zweigt die Kashiya Yokocho, die Süßigkeiten-Straße ab, mit all den traditionellen edozeitlichen Leckereien, für die Kawagoe ebenso berühmt ist.

Etwas abseits des Zentrums lohnt ein Ausflug zum restaurierten Honmaru-Palast. Tatsächlich lässt sich ein schöner Kreis beschreiten. Vom Kitain-Tempel über den Einkaufsbezirk zum Palast und wieder zurück zum Tempel. Circa eine Stunde reine Gehzeit. Ich war doppelt so schnell.

Im Tal des wilden Arakawa

Die Stadt Chichibu markiert den äußersten Westen der Saitama-Präfektur, jenen Teil, der schon in den Bergen liegt, sich am Arakawa-Fluss entlangschmiegt, bevor dieser in die Kanto-Ebene hinübertritt. Erste Station war der Hodosan-Schrein mit seinen prächtigen Holzschnitzereien. Hundert Meter südlich fuhr eine Seilbahn zum oberen Teil des Geländes, der kulturhistorisch nicht mehr so interessant ist, dafür aber herrliche Sichten bereithält.

Der Mitsumine-Schrein lag schon eine halbe Stunde Fahrt hinter der eigentlichen Stadt Chichibu. Eigentlich hätte ich gleich am Morgen hierherfahren sollen und danach nach Kawagoe. Die Fahrt wäre über die Yamanashi-Präfektur und durch die Berge gegangen, anstatt durch den westlichen Teil des Großraums Tokyo. Ich hätte den Stau vermieden und dafür die Berge genossen, hätte mein Hotel dann halt in Kawagoe und nicht in Chichibu gebucht, aber das war einer von nur wenigen Fehlern auf dieser intensiven Reise. Und wie alle anderen nicht sehr schlimm.

Kunstvolle Schnitzereien am Mitsumine-Schrein von Chichibu.

Vom Stausee des Arakawa windet sich eine Serpentinenstraße hinauf zum Mitsumine – einem der bekanntesten Bergschreine Japans, was sich an diesem Sonntagnachmittag dadurch manifestierte, dass die letzten zwei Kilometer vor dem Parkplatz ein einziger Stau waren. Mir reichte es irgendwann. Ich stellte meinen Kasten am Straßenrand ab und kletterte über wilde Pfade zu Fuß hinauf zum Schrein, was mir erstens eine Stunde Zeit und zweitens die Parkgebühren sparte. Neben den fantastischen Sichten sind vor allem die Holzarbeiten hervorzuheben, die Vorlage waren für den Toshogu-Schrein, also das berühmte Mausoleum der Tokugawa-Shogune in Nikko 150 Kilometer nordöstlich von hier. Unbedingt sollte man auch den hinteren Teil des Geländes besuchen. Hier ist es ruhiger, die Sichten sind fantastisch und es gibt sogar ein kleines öffentliches Badehaus.

Die eigentliche Chichibu erstreckt sich im hier recht weiten Tal des Arakawa. Die Sonne war schon untergangen, sodass nicht mehr viel Zeit blieb für Exkursionen. Immerhin schaffte ich den kleinen Schrein, der jedes Jahr im Juli eines der bekanntesten Festivals in Japan austrägt. Die Straßen waren schön beleuchtet, vermittelten eine ruhige heimelige Atmosphäre. Blau-gelbe Flaggen an jeder Laterne erinnerten mich daran, dass auch hier im Fernen Osten die Solidarität mit der Ukraine ausgeprägt war. Das Hotel direkt am Bahnhof gehörte zu den besten auf der Reise. Cooles Design, praktische Ausstattung, guter Service zum kleinen Preis. Abends noch die obligatorische Nudelsuppe und ein Bier in der Izakaya am Bahnhof. Direkt unter meinem Hotelzimmer vergnügten sich die Omas und Opas beim Nachbarschaftskaraoke. Wie schon in Kawagoe hätte ich auch von Chichibu die Bahn nach Tokyo-Ikebukuro nehmen können, wo ich zwei Jahre gelebt hatte, doch für solche Sentimentalitäten war keine Zeit.

Die ersten Eindrücke vom japanischen Indian summer.

Von Chichibu nach Nikko und weiter nach Ouchijuku

Früh am Morgen los in Richtung Norden. Google.maps führte mich über Takasaki in die Berge von Nikko, wo sich mit den Schreinen und Tempeln der Tokugawa-Shogune eine der Top-Sehenswürdigkeiten Japans erstreckt. Die kannte ich allerdings schon, weshalb ich die gut ausgebaute Serpentinenstraße hoch zum Chuzenji-See nahm, wo ich kurz vor zehn Uhr ankam. Der beste Platz am See ist der in dunklem Zinnoberrot gehaltene Chuzenji-Tempel mit der prächtigen Statue der buddhistischen Gnadengöttin Kannon sowie der fantastischen Sicht über den See auf den ebenmäßigen Nantai-Vulkan gegenüber. Nur anderthalb Kilometer vom Tempel entfernt stürzen die Kegon-Fälle in die Tiefe. Mit knapp hundert Metern die zweithöchsten in Japan. Bemerkenswert ist der Fahrstuhl bzw. der anschließende Fußgängertunnel zum Fuß der Fälle. Eine Anlage aus den 1930er Jahren und als solche auch architektonisch von Interesse. Nicht so schön ist, dass die Fälle seit Jahrzehnten zu den „beliebtesten“ Suicide-Spots in Japan gehören und in dieser Hinsicht fast so berüchtigt sind wie der dunkle Aokigahara-Wald an der Nordwestflanke des Fuji.

Die Straße vom Chuzenji-See hinunter nach Nikko bot grandiose Blicke auf die bewaldeten Berge. Kouyou – die Herbstverfärbung – wird in Japan fast so vehement begangen wie die Kirschblüte im Frühjahr. Der japanische Indian Summer weiß zu beeindrucken. Die bunte Pracht zeigte sich hier zum ersten Mal, sollte sich in den kommenden Tagen aber zum stetigen Begleiter entwickeln.

Chuzenji-See und Nantai-Vulkan.

Nikko war voll. Ich hatte kurz erwogen, hier einen kurzen Stopp einzulegen, doch die Autos wälzten sich derart langsam zu den Parkplätzen, dass ich lieber die direkte Straße in Richtung Norden nahm. Kinugawa Onsen am gleichnamigen Fluss war noch ein recht belebter Kurort, doch danach wurde es spürbar ruhiger. Eine einsame Straße führte mich durch die Berge in die Region Tohoku im Norden Honshus. Kurz vor der Passhöhe bemerkte ich, dass mein Tank fast leer war, was mir in dieser Einöde einige Minuten Herzklopfen bescherte, bevor ich vermutlich mit den letzten Tropfen in der kleinen Stadt Minami-Aizu Abhilfe fand. Von hier waren es noch knapp 20 Kilometer zur hervorragend restaurierten alten Poststation Ouchijuku. Mittlerweile gibt es einige solcher Orte, an denen mit weitgehend detailgetreuen Rekonstruktionen das Erbe der japanischen Feudalzeit beschworen wird. Ouchijuku stach heraus, weil sich hier ein kompaktes Ensemble von nennenswerter Größe bot. Am Ende des ringförmigen Dorfes boten sich von einer kleinen Anhöhe die besten Sichten auf die Szenerie. Natürlich ist das ausgesprochen touristisch, werden Busladungen von Reisenden hier ausgekippt, doch das kümmert in Ostasien niemanden. Ouchijuku liegt nun wirklich weitab vom Schuss, doch in Japan wird noch an den entferntesten Gestaden ein ausgreifender, bestens ausgestatteter Parkplatz lauern, von dem gut ausgebaute Wanderpfade in alle Richtungen führen. Von der Idee, den perfekten Ort zu erschließen und diesen weitgehend exklusiv zu haben, sollten sich europäische Touristen von vornherein verabschieden. In Japan sind alle Pfade ausgetreten, aber deshalb nicht weniger schön.

Die alte Poststation von Ouchijuku.

Zwei Philosophen und ein heruntergekommenes Gasthaus

Finales Ziel des Tages war die Samurai-Stadt Aizu-Wakamatsu. Hier hatten die Getreuen des letzten Tokugawa-Shoguns Yoshinobu besonders lange ausgehalten, bevor sie von der Restaurationsbewegung überworfen wurden. Nicht wenige begingen daraufhin Seppuku, rituellen Selbstmord, weshalb Aizu-Wakamatsu in besonderem Maße für die Loyalität der Samurai steht. Mein Ryokan lag im Osten der Stadt im einstmals belebten Kurviertel Higashiyama. Der von mir im Voraus gebuchte Niko-Ryokan kam mir zu Beginn reichlich abgeranzt vor, doch die beiden älteren Herren, die ihn betrieben, machten mit ihrem Charme Einiges wett. Die Zimmer waren mit billigen Fahrradschlössen versehen, in den Ecken und an den Balken fanden sich Spinnweben, das Gemeinschaftsbad war voller Kalk und Rost. Überhaupt glich das Haus einer provisorisch zusammengezimmerten Bretterbude, unterschied sich wesentlich von den prächtigen Ryokans am Fluss in der unmittelbaren Nachbarschaft. Mein Zimmer hatte so etwas wie eine Terrasse und tatsächlich lagen Schuhe bereit, doch so recht traute ich mich nicht auf das notdürftig mit Bitumen ausgekleidete Dach des Eingangsbereiches.

Im Kurbezirk Higashiyama von Aizu-Wakamatsu.

Die beiden Gastgeber stellten sich als Philosophen heraus, sahen auch so aus und berichteten begeistert, was sie den Schriften Heideggers, Nietzsches, Hegels und anderer entnommen hatten. Was will man von solchen Leuten in puncto Ordnung und Sauberkeit erwarten? Higashiyama, so sagten sie mir, war dereinst ein touristischer Hotspot. Mit Bars, Hotels, Spielbuden und einer Unzahl von Badehäusern. Nun aber eher ein Beispiel für den Niedergang des Kurtourismus im Allgemeinen und speziell hier in der Präfektur Fukushima, der auch viele Japaner lieber fernbleiben, obwohl hier in der Region Aizu nie Strahlungen über den zulässigen Grenzwerten gemessen wurden.

Aizu-Wakamatsu, war mit seinen 120.000 Einwohnern die erste Großstadt, in der ich übernachtete, und weil Higashiyama am Rande lag, musste ich das Auto nehmen. Kurz vor Schließung gelang es mir, die prächtigste der restaurierten Samurai-Residenzen zu besichtigen. Weiter in der Innenstadt hatte ich Mühe, einen Parkplatz zu finden, weil ich das System erst nach und nach zu durchdringen begann. Die Burg ist zwar eine von vielen Betonkopien, wurde in der Dämmerung aber schön angestrahlt und bot ein hübsches Fotomotiv. Insgesamt schien mir die Stadt reizvoll, zumal sie als Ausgangspunkt für Touren zu den fantastischen Landschaften ringsherum dienlich sein kann.

An einem der fünf Teiche von Goshikinuma.

In den Bergen von Fukushima

Ich machte mich am nächsten Morgen wieder früh auf den Weg. Die Morgennebel lagen noch in den Tälern und ich machte mir Sorgen, ob ich überhaupt etwas mitbekommen werde von den vulkanischen Bandai-Bergen und der Urabandai-Region mit ihren Caldera-Seen dahinter. Doch je höher ich kam, desto klarer wurde es. In der herrlichen Morgensonne ringsherum nichts anderes als die dichtbewaldeten Berge. Die Herbstverfärbung hatte ich in Pracht und Vielfalt noch nie so bewundern können wie an diesem Ort und tatsächlich zählt die Straße durch die Bandai-Berge und weiter nach Fukushima zum schönsten, was man in Japan diesbezüglich erleben kann.

Der namensgebende Bandai-Vulkan liegt nur 30 Autominuten hinter Aizu-Wakmatsu. Vom Parkplatz führt ein Hiking-Trail zum Krater, der sich schnellen Wanderschrittes in etwa 90 Minuten erreichen lässt. Runterwärts sollte mit einer Stunde kalkuliert werden.

Herbstverfärbung in den Bandai-Bergen.

Ich hatte dafür keine Zeit und fuhr weiter zum Hibara, einem knapp zehn Kilometer langen Hochgebirgssee, um den herum sich allerlei Onsen-Bäder und Hotels erstrecken. Der schönste der vielen Hiking-Trails ist jener entlang der fünf Teiche, Goshikinuma, die alle in einem anderen Blau erstrahlen und gerade zu dieser herbstlichen Jahreszeit fantastische Impressionen boten. Allerdings sollte man sich einen Rücktransport vom anderen Ende des Weges organisieren bzw. sich vorher über die eher sporadischen Abfahrten der lokalen Busse erkundigen, denn ansonsten muss man – so wie ich an diesem Tag – die ganzen vier Kilometer wieder zurück zum Ausgangsparkplatz laufen.

Von den Teichen in einer Stunde Fahrt durch die Berge zum Azuma-Kofuji-Vulkan, der diesen Namen trägt, weil er so ebenmäßig geformt, aber etwas kleiner ist als der Fuji und weil er sich in der Region Azuma erhebt. Umgeben von hochaktiven Vulkanfeldern mit dutzenden Thermalquellen, zwischen denen sich weite Salzgraswiesen erstreckten. Der Vulkan selbst ließ sich in einem nicht sehr anstrengenden Aufstieg vom Parkplatz in knapp zehn Minuten erklimmen. Ich war aber so fasziniert von den Ausblicken, dass ich es mir nicht ersparen konnte, einmal um den Krater herumzulaufen, was schnellen Schrittes eine halbe Stunde dauert. Herrliche Blicke auf die Stadt Fukushima und in weiter Ferne an der Küste war sogar das berüchtigte Kernkraftwerk zu erkennen.

Der Krater des Azuma-Kofuji-Vulkans.

Die erste der „drei schönsten Ansichten Japans“

Runter in wilden Serpentinen nach Fukushima und dort auf die Autobahn nach Sendai, zur größten und einzigen Metropole der Tohoku-Region. Sendai wurde vom Tsunami 2011 fürchterlich getroffen. Mein guter Freund Sebastian hatte damals an der Universität gelehrt und nur überlebt, weil er sich in seinem Büro aufgehalten hatte und nicht in der Wohnung, von der nichts mehr übriggeblieben war. Doch schon vor dem Tsunami war Sendai keine Schönheit, weshalb auch ich nur durchfuhr zur nahegelegenen Bucht von Matsushima – nur 20 Minuten nördlich von Sendai und eine der „drei schönsten Ansichten Japans“. Dutzende kleine pinienbewachsene Eilande, die sich wie dunkle Tupfer in die liebliche Bucht schmiegen.

Der Zuiganji ist der Auftakt fast jeder Reise nach Matsushima. Einer der schönsten Tempel Nordjapans, dem Clan der Date gewidmet, früher Teil der Tendai-Sekte, aber heute dem Zen zugehörig. Dank seiner geschützten Lage konnte er dem Tsunami von 2011 weitgehend entkommen, mussten nur die mächtigen Zedern dran glauben, die den Weg zwischen dem Hafen und dem Tempel flankierten. Vom Anleger unweit des Tempels fahren die Ausflugsboote durch die herrliche Bucht. Ich konnte einen kleinen Rabatt ergattern und für knapp acht Euro an Bord gehen. Der Himmel war stahlblau und die dutzenden kleinen Eilande glitzerten in der Sonne. Für eine knappe Stunde wahrlich traumhafte Ausblicke.

Zuiganji-Tempel in Matsushima nahe Sendai.

Zurück im Hafen spazierte ich über zwei Inselchen, die jeweils über rote Bogenbrücken mit dem Festland verbunden waren. Die Nacht verbrachte ich im nahen Fischerort Shiogama. Ohne Auto empfiehlt es sich, zuerst nach Matsushima zu fahren, die Passage nach Shiogama zu nehmen, den dortigen Schrein zu besuchen, über den Fischmarkt zu schlendern und schließlich von Hon-Shiogama die Bahn zurück nach Sendai zu nehmen.

Ich bezog wieder ein zweckmäßiges Businesshotel und suchte mir meine abendliche Nudelsuppe. In der Izakaya nebenan erzählte mir der Barkeeper, dass er früher als Gigolo gearbeitet hätte, nun aber in der Logistik und abends hier in dieser kleinen Bar. Tausend Kilometer entfernt von der Familie im südjapanischen Fukuoka. Hängengeblieben im Nirgendwo. Wir wurden ein wenig sentimental, denn auch ich begann so langsam mein Töchterchen zu vermissen.

In der Bucht von Matsushima.

Noch ein paar Tipps zum Schluss

Der Fuji lässt sich auch besteigen. Die Route auf den 3.776 Meter hohen Gipfel ist nicht sehr schwer, lässt sich vom Ende der Mautstraßen theoretisch an einem Tag bewältigen, wobei die meisten japanischen Touristen es vorziehen, in einer der vielen Hütten zu übernachten, am nächsten Morgen extrem früh aufzubrechen und die ersten Strahlen der Morgensonne vom Gipfel aus zu genießen. Juli und August sind dafür die beliebtesten Monate. Dann sind die Straßen für private Pkw gesperrt, verkehren stattdessen Shuttle-Busse.

Kawagoe, Chichibu und auch die wilde Izu-Halbinsel lassen sich von Tokyo aus gut mit der Bahn erreichen, vor Ort jedoch ist die Mobilität eingeschränkt, lohnt sich die Inanspruchnahme eines Mietwagens.

Nicht-motorisierten Reisenden nach Nikko sei der Tobu-Nikko-Pass empfohlen. Von Tokyo-Asakusa fährt die private Tobu-Gesellschaft in engen Taktzeiten nach Nikko. Vor Ort können auch die lokalen Busse kostenfrei genutzt werden. Der für zwei Tage gültige Pass ist deutlich günstiger als die Fahrten einzeln zu buchen.

Fukushima ist eine der größten der 47 Präfekturen Japans. Die Stadt selbst und auch die Bergregionen sind vollkommen unbedenklich in puncto Strahlung. Japan ist ein enorm sicherheitsbewusstes Land. Dort, wo es gefährlich ist, wird gesperrt. Wenn nicht gesperrt wird, ist es auch nicht gefährlich.

Sendai ist die einzige Metropole im Norden Honshus, bietet als solche die eine oder andere Sehenswürdigkeit, aber keine wirkliche Top-Adresse. Es mag sich lohnen, das Hotel in Sendai zu buchen und nur einen Tagesausflug nach Matsushima zu absolvieren. Der Zug braucht weniger als eine halbe Stunde pro Richtung.

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Falk Schäfer
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