Xinjiang, VR China

Xinjiang Karte

Geschichte

Im Altertum war Xinjiang ein Schmelztiegel verschiedener Einflüsse. Diese reichten vom hellenistisch geprägten Baktrien bis zu den Nomadenstämmen Sibiriens und der Mongolei. Unter Kaiser Han Wudi wurde das heutige Xinjiang erstmals von China erobert. Dies markierte den Beginn des Seidenstraßenhandels, bei dem Xinjiang als Verknüpfungspunkt zwischen griechisch-baktrischen und chinesischen Händlern diente.

Im 2. und 3. Jahrhundert beherrschten die Xiongnu das Gebiet. Seitdem wechselte die Herrschaft stetig zwischen den Xiongnu und den Han hin und her. Nach dem Untergang der Han-Dynastie kontrollierten die Stämme der Rouran und der Xianbei die Region. Kurzzeitig konnte sich das Osttürkische Khaganat in der Dzungarei etablieren, doch während der Tang-Dynastie im 7. und 8. Jahrhundert eroberte China die Gebiete zurück. Wenig später entstand das Uigurische Khanat, welches wiederum von den Kirgisen niedergeworfen wurde. Danach wurde das Gebiet vollständig von den Mongolen beherrscht und in deren Imperium eingegliedert. Xinjiang wurde Teil des Tschagatai-Khanats, innerhalb dessen sich mit Tschagataiisch eine eigene Sprache herausbildete, die zur Grundlage für die heutigen Sprachen der Region wurde. 1250 wurde der Islam angenommen. Mit der allmählichen Auflösung des Khanats herrschten die westmongolischen Oiraten in der Region, mussten sich im 18. Jahrhundert jedoch der mandschurisch-chinesischen Qing-Dynastie geschlagen geben. Nach mehr als einem Jahrtausend gelangte das heutige Xinjiang wieder unter chinesische Kontrolle. Von Nordwesten her dehnte jedoch ein weiterer Akteur seinen Einfluss auf immer größere Teile Zentralasiens aus. So wurde unter anderem das Ili-Gebiet im Nordwesten des heutigen Xinjiangs ins Zarenreich inkorporiert, weitete sich der russische Einfluss auf ganz Xinjiang aus, wiewohl die chinesische Verwaltung bestehen blieb. Nach der russischen Revolution übernahm die Sowjetunion die Rolle des Zarenreiches als fremder Usurpator einer pro forma unabhängigen Verwaltung. In den Wirren des chinesischen Bürgerkriegs und des sowjetisch-britischen Machtkampfes nutzten uigurische Freischärler die politische Instabilität zur Gründung einer unabhängigen „Islamischen Republik Ostturkestan“. Diese war jedoch nur von kurzer Dauer und konnte mit Hilfe der chinesischen Nationalisten gestürzt werden. Nach dem Sieg im chinesischen Bürgerkrieg erreichten die Kommunisten eine friedliche Eingliederung Xinjiangs in die Volksrepublik China. Während der Kulturrevolution erlebte die Region den Terror der Roten Garden. Seit der Öffnung der Wirtschaft unter Deng Xiaoping wurde Xinjiang für eine äußerst intensive han-chinesische Besiedlung freigegeben. Die Uiguren profitierten kaum vom chinesischen Wirtschaftswunder und verloren zudem die Mehrheit in der eigenen Region.

Ihre Unzufriedenheit äußerte sich in mehreren Protesten und Attentaten, die wiederum den willkommenen Anlass boten, die Unterdrückung durch die Staatsmacht in Peking zu intensivieren. Seit einigen Jahren läuft ein extrem radikales Umerziehungsprogramm, welches nichts weniger als die vollständige Assimilation der Turkvölker Xinjiangs und damit deren Auslöschung zum Ziel hat. Hunderttausende Uiguren, Kasachen und Kirgisen werden in Konzentrationslagern festgehalten und systematisch gefoltert. Etliche Augenzeugen berichten von einem großangelegten Programm der chemischen Zwangssterilisation.

Politik

Xinjiang ist formell eine von fünf autonomen Regionen Chinas. Flächenmäßig ist dies die größte administrative Einheit innerhalb Chinas, der Bevölkerung nach liegt sie im Ranking der anderen autonomen Regionen hinter Guangxi und knapp nach der Inneren Mongolei auf Rang drei. Der chinesischen Verfassung gemäß gelten in den autonomen Regionen besondere Rechte für die dort ansässigen Volksgruppen. Tatsächlich jedoch wird aktuell eine brutale Assimilationspolitik verfolgt, für die in Xinjiang der Gouverneur Chen Quanguo verantwortlich zeichnet.

Demografie

Xinjiang hat aktuell eine Einwohnerzahl von knapp 24 Millionen Menschen. Im Vergleich zum Jahr 1990 ist dies ein Anstieg von etwa 60 Prozent. Der letzte Zensus aus dem Jahr 2000 zeigt ein nahezu ausgewogenes Verhältnis zwischen Uiguren und Han-Chinesen, die massive Siedlungspolitik der vergangenen 20 Jahre deutet jedoch darauf hin, dass die Han-Chinesen mittlerweile in der Mehrheit sind. Zudem wird ein vehementes Sterilisationsprogramm auf die turksprachigen Volksgruppen im Nordwesten Chinas angewendet, was vermutlich ebenfalls deutliche Effekte zeitigen wird.

Neben den Uiguren stellen die Kasachen mit sechs Prozent, die Kirgisen mit einem Prozent und die Mongolen mit ebenfalls einem Prozent signifikante Minderheiten. Die Kasachen und Kirgisen erleiden – wie die Uiguren – ebenfalls eine massive Verfolgung.

Die sprachlichen und religiösen Identitäten folgen der demografischen Verteilung. Die han-chinesisch geführte Administration ist bestrebt, den Einfluss des Islam zu begrenzen bzw. vollständig auszulöschen. Uiguren, Kasachen und Kirgisen werden zum Preis der Freiheit und körperlichen Unversehrtheit ihrer selbst und ihrer Familien dazu angehalten, ihrer Religion komplett abzuschwören. Es ist zu erwarten, dass auch diese Bestrebungen signifikante Effekte zeitigen werden.

Im Kontext der han-chinesischen Siedlungspolitik hat sich eine rasante Urbanisierung vollzogen. So leben in der Hauptstadt Ürümqi mittlerweile mehr als dreieinhalb Millionen Einwohner, von denen mehr als drei Viertel Han-Chinesen sind. Zweitgrößte Stadt ist Kashgar mit etwa einer Million Einwohnern. Korla ist das Zentrum des östlich von Ürümqi gelegenen Bayingolin-Distrikts mit insgesamt 600.000 Menschen, Hotan mit 350.000 Einwohnern die größte Siedlung im Süden Xinjiangs an den Ausläufern der Kunlun-Kette und Gulja mit 300.000 Einwohnern die wichtigste Stadt des Kasachischen Autonomen Bezirks Ili. Changji (350.000 EW) und Shihezi (330.000 EW) liegen in der fruchtbaren Ebene, die sich nordwestlich von Ürümqi erstreckt.

Ürümqi ist mit mehr als drei Millionen Einwohnern die größte Stadt ganz Zentralasiens. Foto: © Ccyber5

Grundsätzlich finden sich die dichter besiedelten Regionen im Zentrum der Region an den Ostausläufern des Tienschan und dazu in den Oasen rund um die Taklamakan-Wüste – Kashgar im Westen, Hotan im Süden und Aksu im Norden. Das Dzungarische Becken und insbesondere die Taklamakan-Wüste sind dagegen äußerst dünn besiedelt.

Geografie und Klima

Xinjiang hat eine Fläche von 1,64 Millionen Quadratkilometern, ist damit die größte territoriale Einheit der Volksrepublik China. Die Fläche Xinjiangs entspricht dem gesamten West- und Mitteleuropa von der Bretagne bis in die Karpaten, vom Skagerrak bis an die Cote d’Azur.

Nördlicher Nachbar ist Russland, mit dem Xinjiang eine lediglich 40 Kilometer lange Grenze teilt. Danach folgt im Nordosten entlang des Mongolischen Altai eine langgestreckte Grenze zur Mongolei. Innerchinesische Nachbarregionen sind Gansu und Qinghai im Osten. Im Süden folgt entlang des Kunlun eine lange Grenze zur autonomen Region Tibet. Das Grenzgebiet in den extremen Höhenlagen des Karakorum ist politisch umstritten. Die Region Aksai Chin ist von China besetzt, wird aber von Indien beansprucht. Aksai Chin ist administrativ dem Bezirk Hotan und damit Xinjiang zugeordnet. Hinter Aksai Chin liegt die indische Region Ladakh. Die Beziehungen zu Pakistan sind deutlich besser. Über den Khunjerab-Pass führt der Karakorum-Highway von Xinjiang nach Pakistan und dort weiter bis nach Karachi am Indischen Ozean. Ganz am Ende des sogenannten Wakhan-Zipfels teilt sich Xinjiang eine kurze Grenze mit dem äußersten Osten Afghanistans. Hier besteht mit 3,5 Stunden der weltweit größte Zeitunterschied zwischen zwei Nachbarstaaten, allerdings gibt es in dem unzugänglichen Gebiet keinen offiziellen Grenzübergang. Weiter nördlich folgt die Grenze zu Tadschikistan in den extremen Höhen des Pamir. Die ebenfalls mehr als 7.000 Meter hohen Berge des westlichen Tienschan teilt sich Xinjiang mit Kirgisistan. Und schließlich folgt im Nordwesten eine lange Grenze zu Kasachstan.

In Xinjiang erstrecken sich einige der spektakulärsten Landschaften Chinas, Asiens und der Welt. Die Höhenunterschiede betragen fast 9.000 Meter. Der K2 im äußersten Südosten ist mit 8.611 Metern der zweithöchste Gipfel der Welt. Unweit von Ürümqi wird am Ayding See mit minus 155 Metern der tiefste Punkt Chinas erreicht.

Grundsätzlich lassen sich zwei Großregionen unterscheiden – das größere Tarimbecken im Süden und das Dzungarische Becken im Norden. Beide werden an fast allen Seiten von hohen Bergketten umschlossen. Die Begrenzung zwischen beiden Becken bildet das Tienschan-Gebirge, welches mit dem 7.439 Meter hohen Jengish Chokusuu an der kirgisischen Grenze seinen höchsten Punkt erreicht. Im Osten gehen die Ausläufer des Tienschan in die Turpan Depression über, die den tiefsten Punkt Chinas markiert. Sowohl das Tarim- als auch das Dzungarische Becken weisen in ihrem Inneren extrem niedrige Niederschlagsraten auf, was die entsprechenden Regionen zu riesigen Wüsten werden lässt. Die Taklamakan inmitten des Tarimbeckens ist etwa so groß wie Deutschland und damit eine der größten Wüsten der Erde. Sie wird im Süden durch die Kunlun-Kette begrenzt, die den Übergang zum Tibetischen Hochland darstellt und mit dem Liushi Shan ebenfalls mehr als 7.000 Meter Höhe erreicht. Im äußersten Westen hat Xinjiang Anteil am Karakorum, dem im Schnitt höchsten Gebirge der Welt. Den Übergang zum Tienschan bildet die Pamirkette an der Grenze zu Tadschikistan. Auch hier werden Höhen von mehr als 7.000 Metern erreicht.

Das Dzungarische Becken im Norden ist etwas weniger extrem, aber nicht minder beeindruckend. Das Zentrum wird von der Gurbantünggüt-Wüste mit immerhin 50.000 Quadratkilometern Fläche gebildet. Im Süden des Beckens liegt im nördlichen Vorland des Tienschan der Siedlungsschwerpunkt Xinjiangs mit der Hauptstadt Ürümqi. Hier sind die Niederschlagsraten recht hoch, was den Anbau landwirtschaftlicher Produkte ermöglicht. Die höchsten Niederschlagsraten verzeichnet jedoch die Ili-Region, die sich zwischen dem Nord- und dem Südkamm des Tienschan erstreckt und damit weder dem Tarim- noch dem Dzungarischen Becken zugeordnet werden kann.

Der Westen des Dzungarischen Becken wird nur vereinzelt durch hohe Bergketten begrenzt – etwa durch den viereinhalbtausend Meter hohen Alatau oder die knapp 3.000 Meter hohe Tarbagatai-Range. Ansonsten ist der Übergang in die westlich anschließenden kasachischen Steppen vergleichsweise einfach. Die Dzungarische Pforte nördlich des Alatau bildete dereinst den wichtigsten Passweg zwischen China und Zentralasien. Der Norden des Dzungarischen Beckens läuft spitz zu und wird an drei Seiten von den Bergen des Altai umsäumt. Höchster Punkt auf chinesischer Seite ist mit 4.374 Metern Höhe der Khuiten Uul an der Grenze zur Mongolei.

Der Bosten-See genau im Zentrum Xinjiangs ist mit etwa 1.000 Quadratkilometern Fläche der größte See der Region. Er liegt zwischen dem Tarim-Becken im Süden und der Turfan-Depression im Nordosten auf einer Höhe von mehr als tausend Metern.

Im mittleren Norden Xinjiangs findet sich der Ulungur-See mit circa 830 Quadratkilometern Fläche. Ganz im Norden entwickelt sich der Kanas-See in den malerischen Bergen des goldenen Altai zu einer der wichtigsten touristischen Attraktionen innerhalb Chinas.

Wie fast überall in Zentralasien fällt auch in Xinjiang nur sehr wenig Niederschlag. Aus diesem Grund kennt die Region kaum wilde Flüsse oder mächtige Ströme. Der absolut überwiegende Teil des Wassers bleibt in den beiden von hohen Gebirgsketten umschlossenen Tieflandbecken. Wichtigster Fluss in dieser Region ist der Tarim, der den Norden des gleichnamigen Beckens durchzieht, dabei verschiedene Nebenflüsse aufnimmt und schließlich nach 1.300 Kilometern in den salzigen Endsee Lop Nor mündet. Letzterer war einmal der größte See der Region, ist aber aufgrund zahlreicher Bewässerungsprojekte am Tarim mittlerweile vollständig trockengefallen.

Lediglich der Norden Xinjiangs entwässert in einen Ozean. Hier entspringt der Irtysch, welcher von Ost nach West den Norden der Region durchfließt, kurz vor dem Saissan-See die Grenze zu Kasachstan durchbricht, durch dessen Nordosten fließt und sich hinter der russischen Grenze bei Khanty-Mansijsk mit dem Ob vereinigt, der wiederum in den Arktischen Ozean mündet.

Das Klima Xinjiangs ist ebenso extrem wie dessen Lage und Topografie. Bei der Stadt Hoxtolgay im Norden der Region liegt mit dem eurasischen Pol der Unzugänglichkeit der am weitesten vom Ozean entfernte Punkt der Welt. Dementsprechend ist das Klima sehr kontinental. Insbesondere der Norden Xinjiangs im Dzungarischen Becken verzeichnet äußerst niedrige Wintertemperaturen. Das Tarimbecken wird zwar durch den Tienschan vor arktischen Wettereinflüssen geschützt, doch auch hier kann es im Winter sehr kalt werden. Die höchsten Sommertemperaturen Xinjiangs und ganz Chinas werden mit deutlich mehr als 40 Grad Celsius in der Turpan-Depression gemessen. Niederschläge fallen vornehmlich in den Frühjahrs- und Sommermonaten. Die Winter sind äußerst trocken. In den Wüsten Taklamakan und Gurbantünggüt fällt fast gar kein Regen oder Schnee. Vergleichsweise feucht ist der Ili-Bezirk zwischen dem Nord- und dem Südkamm des Tienschan.

Die Vegetation variiert recht stark. Ganz im Norden hat Xinjiang einen kleinen Anteil am borealen Nadelwaldgürtel. Südlich davon schließt Steppe, Halbwüste und Wüste an. Das südliche Tarimbecken ist noch einmal deutlich trockener als der Norden. Lediglich in den Oasen rund um die riesige Taklamakan-Wüste lassen einige Flächen eine dauerhafte Besiedlung zu. Sie werden durchflossen vom Tarim und seinen Nebenflüssen.

Ein weiteres Feature von Klima und Vegetation in Xinjiang ist die extreme Höhenlage. Die Bergregionen liegen zumeist im Regenschatten und lassen sich daher als Höhenwüsten bezeichnen. Die Böden sind über weite Flächen dauerhaft gefroren, womit Xinjiang den südlichsten Teil des Permafrostgürtels markiert.

Wirtschaft und Verkehr

Xinjiang besitzt für die Volksrepublik China in zweierlei Hinsicht eine zentrale Bedeutung. Zum einem als Rohstoffquelle und zum zweiten als Handelsweg.

Schon im 19. Jahrhundert war Xinjiang bekannt für seine reichen Vorkommen an Salz, Gold, Jade und Kohle. In den vergangenen Jahren sind auch große Gas- und Erdölfelder entdeckt worden, vornehmlich inmitten der Taklamakan sowie in deren Randbereichen. Auch das Dzungarische Becken bzw. hier die Region um Karamay werden stark von der Öl- und Gasförderung geprägt. Zudem wird in großen Mengen Kohle abgebaut. Allerdings sind die starken Kohlevorkommen durch Kohlebrände gefährdet, die wiederum die Luftqualität in Xinjiang gefährden. Zunehmend wird aber auch in erneuerbare Energien investiert. So entsteht beispielsweise im Regierungsbezirk Turpan ein Photovoltaik-Kraftwerk mit einer Leistung von einem Gigawatt.

Daneben ist Xinjiang das zentrale Bindeglied für das chinesische Neue-Seidenstraße-Projekt. In diesem Zusammenhang sind insbesondere die Übergänge nach Kasachstan sowie der Karakorum Highway in Richtung Pakistan zum dortigen Hafen Karachi am Indischen Ozean von Bedeutung. Die Verkehrsinfrastruktur konnte in den vergangenen Jahren erheblich von Investitionen in die transnationalen Verkehrswege profitieren.

Einwohner: 23,6 Mio. (vgl. Neue Bundesländer plus Bayern 25,65 Mio.)

Fläche: 1,64 Mio. qkm (vgl. Frankreich, Benelux, Deutschland, Schweiz, Österreich, Polen, Tschechien und Slowakei – 1,54 Mio. qkm)

Bevölkerungsdichte: 14 EW/qkm

Hauptstadt: Ürümqi – 3,52 Mio. EW (vgl. Berlin 3,67 Mio. EW)

Amtssprache: Uigurisch, Chinesisch

Währung: Chinesischer Yuan (CNY)

Regierungsform: Einparteiendiktatur

Zeitzone: +7 MEZ