Pelikane, Wasserschildköten und Delfine

Meine zehnjährige Tochter Soana und ich waren von Berlin nach Bukarest geflogen, hatten dort die erste Nacht verbracht und waren anschließend mit dem FlixBus nach Tulcea gefahren, jener Stadt, die mit ihren knapp 65.000 Einwohnern als Tor zum Delta gilt und in der wir am Abend zuvor das WM-Finale zwischen Spanien und Argentinien geschaut hatten. Nun endlich stand das Delta selbst auf dem Programm.

Am Hafen von Tulcea.

Viereinhalb fantastische Stunden auf dem Sankt-Georg-Arm

Nach zwei langen Transfers ging es nun endlich ins Delta selbst. Ich hatte eine Passage der staatlichen Schifffahrtsgesellschaft Navrom gebucht. Ab 13:30 Uhr vom Fährhafen, sodass wir ausschlafen und gemächlich noch etwas Wegzehrung kaufen konnten. Auf dem Schiff trafen wir bald ein niederländisches Pärchen, welches wir schon am Tag zuvor auf der langen Busfahrt kennengelernt hatten. Sie hatten sich ein Jahr Auszeit genommen und wollten immer der Nase nach Eurasien entdecken, berichteten stolz davon, dass sie nur zwei Wochen zuvor am Blautopf im Schwarzwald waren, der Quelle der Donau, die hier im Delta ihr Ende nahm.

Zu viert machten wir es uns auf dem Außendeck bequem, wo Familien ihre Picknickdecken ausbreiteten. Eine fantastische Atmosphäre. Es war noch immer heiß, doch im Schatten und mit dem Fahrtwind äußerst angenehm. Nach wenigen Kilometern trennte sich der Sulina-Arm, waren wir von nun an auf dem südlichen Sankt-Georg-Arm unterwegs. Eine Fahrt von knapp viereinhalb Stunden, die kontinuierlich großartige Blicke auf die Flussauen und abzweigende Kanäle feilbot. An den Ufern immer mal wieder ein paar Camper und ganz selten auch ein Dörfchen. Dass das Donaudelta der biodiverseste Ort Europas ist, ließ sich bestens nachvollziehen. Im, auf, neben und über dem Wasser.

Auf dem Oberdeck unserer Navrom-Fähre nach Sankt-Georg.

Sankt-Georg, oder auf Rumänisch Sfantul Gheorghe, liegt am Ende des gleichnamigen Donauarms kurz vor seiner Mündung ins Schwarze Meer. In der Hochsaison wird es nahezu täglich von unserer Navrom-Gesellschaft angelaufen. Als wir am kleinen Hafen anlegten, konnte man sehen, wie sich der Fluss nach einigen weiteren hundert Metern ins Schwarze Meer ergießt.

Dichtbewachsene Ufer.

Mit dem Tuktuk in die Südsee

Die Gastgeberin unserer Unterkunft hatte mir vorher am Telefon versichert, dass sie mit einem schwarzen Tuktuk am Hafen warten werde. Sie war bei weitem nicht die Einzige, weshalb es gut war, dass sie uns auch die Nummer ihres Gefährts mitgeteilt hatte. Auch eine Familie aus Darmstadt wurde hierher gelotst und weil wir zu sechst ganz sicher nicht hineingepasst hätten, fand nur das große Gepäck Platz, während wir mit den Taschen in der Hand hinterherstapften.

Auf den staubigen Straßen wimmelte es nur so von diesen knarzigen Dreirädern. Man kam sich vor wie in Mumbai. Die Darmstädter erzählten, dass sie schon drei Wochen lang Rumänien bereisten. Mit dem Mietwagen, den sie am Hafen von Tulcea stehenlassen hatten. Besonders begeistert waren sie von Siebenbürgen und den dortigen Karpaten. Womöglich eine Inspiration für den Sommer 27.

Anfahrt auf Sankt-Georg.

Die Unterkunft vermittelte mit ihren vielen strohbedeckten Hüttchen das Flair der Südsee oder was man dafür halten mag. Eine wunderbare Anlage, was aber nichts daran änderte, dass unsere Hütte sehr beengt war und es aus dem Sanitärbereich herübermüffelte. Egal. Für diese eine Nacht würde es schon gehen. Immerhin war unsere Gastgeberin überaus zuvorkommend, wies uns fünf deutsche Gäste bei einer kurzen Führung in die Gegebenheiten vor Ort ein. Unter anderem würden wir uns die bereitgestellten Räder jederzeit ausleihen können. Schlösser bräuchte es nicht, weil in diesem beschaulichen Örtchen am Ende der Welt nichts wegkommen würde.

Hübsch, aber auch recht beengt.

Erstes Bad im Schwarzen Meer

Soana und ich wollten keine Zeit vertun und vor dem Abendessen noch schnell zum Strand, der laut Auskunft etwa einen km entfernt gelegen sei. Bald erkannten wir einen weiteren Grund, weshalb es für diese Räder keine Schlösser braucht. Zu Fuß hätte es kaum schweißtreibender sein können. Darüber hinaus wurden wir mit unseren quietschenden Schrottmühlen zur Attraktion für sämtliche Passanten.

Sankt-Georg bietet einen schönen Strand mit ein, zwei Bars, Liegen zur kostenfreien Nutzung und schlohweißem Sand. Wir sprangen gleich hinein, wobei das Wasser überraschend kalt war, laut Soana viel kälter als eine Woche zuvor an der Ostsee. Man gewöhnt sich aber schnell, sobald man mit der Brust drin ist. Wieder zurück am Strand, trafen wir unsere Freunde aus den Niederlanden wieder und während Soana Selfies mit Beach-Kulisse arrangierte, gab ich ein paar Tipps für die Weiterreise der beiden in den Kaukasus und nach Zentralasien.

Am Strand von Sankt-Georg.

Dauerregen und die Sorge um die Weiterreise nach Sulina

Das Dorf Sankt-Georg ist überaus romantisch. Hübsche kleine strohgedeckte Häuschen, sandige Gassen, auf denen die Kinder spielen, freilaufende Pferde und im Zentrum direkt am Hafen der Dorfladen, vor dem wir die Darmstädter wiedertrafen, mit denen wir uns sogleich zum Essen im nahen Restaurant verabredeten. Wir hatten den letzten freien Tisch ergattert. Neben uns tauschten all die Guides und Bootsführer die Erfahrungen des Tages aus. Die Darmstädter hatten für den nächsten Morgen eine Tour zu einer Vogelinsel gebucht. Wir wollten es nach Sulina schaffen, an den Endpunkt des mittleren großen Donauarms.

Abendstimmung.

Unsere nächste Unterkunft im Städtchen Sulina hatte mir die Telefonnummer eines jungen Mannes namens Marius vermittelt. Er würde schon irgendeine Tour finden, die uns gegen Nachmittag von Sankt-Georg nach Sulina bringen könne und genau das hatte er auch versprochen. Das Problem war, dass sich wolkenbruchartiger Regen ankündigte, weshalb Marius plötzlich absagte und ich nicht wusste, wie wir morgen vom einen Ort zum anderen kommen sollten. Unsere Gastgeberin fand Abhilfe, denn ein guter Freund von ihr hatte in seinem Boot für die morgige Tour über Sulina zum Wald von Letea noch genau zwei Plätze frei. Allerdings würde das Boot schon um neun Uhr und nicht erst am Nachmittag starten. Ich fand es ungemein schade um den halben Tag in diesem herrlichen Dörfchen, war aber vor allem froh, eine Lösung für die Überfahrt gefunden zu haben.

Erste Bootstour im Delta

Es hatte tatsächlich die ganze Nacht geschüttet wie aus Eimern. Als wir unser kleines Frühstück einnahmen, kamen die Darmstädter gerade von ihrer Tour zur Vogelinsel zurück. Kurz vor sechs Uhr waren sie aufgebrochen. Es sei ungemein interessant gewesen, aber eben auch sehr nass. Nachdem wir uns verabschiedet hatten, wies uns unsere Gastgeberin im nun wieder strömenden Regen den Weg zu einem Pier in der Nähe. Weil das Boot auf sich warten ließ, wurden wir samt den Koffern stetig nasser und nässer. Als es endlich da war, quetschten wir uns auf die letzten freien Plätze, waren froh über die beiden warmen Decken, die der Bootsführer für Soana bereithielt.

Langsam kam die Sonne wieder raus.

In direkter Luftlinie sind es von Sankt-Georg nach Sulina knapp 35 km. Da wir aber keine Fähre gebucht hatten, sondern eine Bootstour durch das Delta, ging es nicht so stringent voran. Was gut war, denn nach ein paar Minuten schwächte der Regen ab, hörte bald ganz auf, sodass Soana nicht mehr zitterte und wir das Dach des Bootes öffnen konnten. Von den auf Rumänisch gehaltenen Erklärungen konnte ich nichts verstehen, doch plötzlich zeigte der Bootsführer auf einen Vogel am Wegesrand und fragte mich, ob mir der Begriff „Rohrweihe“ etwas sage. Als ich verneinte, quittierte er unter großem Gelächter, dass mein Deutsch wohl nicht besonders gut sei. Ich bin eben kein Vogelnerd, konnte dieser großartigen Landschaft aber dennoch Vieles abgewinnen. Immerhin die Pelikane konnte ich sofort benennen und da und dort huschten auch kleinere Echsen vorbei.

Es wechselte stetig zwischen engen Kanälen und weiten Lagunenseen. Auf einem der letzteren, dem Lacul Rosu, konnten wir eine der berühmten schwimmenden Schilfinseln entdecken. Schließlich steuerte das Boot in den breiten Sulina-Arm in der Mitte des Deltas, wo wir bald anlegten und uns von den Mitreisenden verabschiedeten.

Auf den letzten Metern nach Sulina.

In Sankt-Georg war es schöner

Sulina ist kein Dorf, sondern eine kleine Stadt, war im 19. Jahrhundert ein bedeutender Donauhafen und markiert bis heute das wirtschaftliche und logistische Zentrum des Deltas. Noch immer wird der meiste Verkehr im Delta über den Sulina-Arm abgewickelt, doch nachdem in den 1980er Jahren der Donau-Schwarzmeer-Kanal eröffnet wurde, erreichen die meisten Schiffe das Delta nicht mehr, sondern fahren bei Constanta ins Schwarze Meer. Was sicher gut ist für die Natur, war offenbar nicht so gut für die Stadt. Hässliche, weitgehend dem Verfall preisgegebene Betonquader und nicht mehr die hübschen reetgedeckten Häuschen aus Sankt-Georg. Sulina mag zentraler im Delta liegen und der ideale Ausgangspunkt für Touren sein, doch sonderlich schön ist es nicht. Auch die vielen Restaurants, Cafés und Bars am Ufer konnten darüber nicht hinwegtäuschen.

In Sulina an der Promenade.

Unsere Unterkunft lag in der vorletzten Straße, wo die Wege nicht mehr asphaltiert waren. Ein typisches Gasthaus, wie wir es schon oft auf unseren Reisen erlebt hatten. Ein Wohnbereich mit den Zimmern und davor ein überdachtes Areal mit Tischen, Grill und Küche für alle Gäste zur gemeinsamen Nutzung. Ringsherum allerlei Spielgerät für Kinder. Es war erst Mittag und wir kamen eigentlich viel zu früh an, doch unser Gastgeber führte uns sogleich in unser geräumiges Zimmer. Ich fragte nach der Wäsche und er sagte, dass seine Frau bald vorbeikommen und alles einsammeln würde. Soana schickte ich nach dem gestrigen Bad im Schwarzen Meer und dem heutigen Dauerregen erst einmal unter die warme Dusche. Ich selbst nahm den Laptop und bearbeitete meine Emails.

Spaziergang durch Sulina

Ich war ein wenig sauer auf diesen Marius, weil er uns am Tag zuvor so brüsk abgesagt hatte, doch die Wirtin meinte, dass wir ja nun anderweitig hierhergekommen seien und wir ihn unbedingt anrufen und fragen sollten, ob noch Plätze für die Abendtour frei seien. Besser früher als später, denn mit dem guten Wetter würde prompt die Nachfrage wachsen. Ich tat, wie mir hier geheißen, allerdings nicht ohne vorher an der Promenade noch ein paar andere Angebote eingeholt zu haben.

Die orthodoxe Kirche von Sulina.

Marius‘ Preis war ok, weshalb wir uns anmeldeten. Um 18 Uhr sollten wir uns vor dem Restaurant Eastland einfinden. Bis dahin war noch Zeit, die wir für Einkäufe, das Mittagessen und einen ersten Streifzug durch die Stadt nutzten. Wir liefen an der Promenade entlang zum Fährhafen, hinter dem sich der Palast der Europäischen Donaukommission erhob, die im 19. Jahrhundert die internationale Schifffahrt im Delta koordinierte und eine der ersten multilateralen Organisationen in Europa war. Ein paar Meter weiter war der historische Leuchtturm hübsch restauriert worden, leider aber geschlossen. Dahinter lag der internationale Friedhof. Ein letztes Highlight in der ansonsten recht trostlosen Stadt war die orthodoxe Kirche.

Fantastische Tierwesen

Wir kamen pünktlich an. Unser Bootsführer war ein burschikoser, aber dennoch freundlicher mittelalter Herr, der sogleich ordentlich Gas gab. In einer kleinen Lagune konnten wir etliche Pelikane beobachten. Danach ging es immer stringent den Sulina-Arm entlang, der sich hier auf beiden Seiten baulich verstärkt, weit ins Schwarze Meer erstreckte. Fünf Kilometer weiter war der Leuchtturm erreicht und 500 Meter dahinter die Mündung. In der Ferne sahen wir eine lange Reihe von Frachtschiffen, die sich vom ukrainischen Odesa, stetig an der Küste entlang, offenkundig bis zum Bosporus vorarbeiteten.

Schon die zweite Bootstour an diesem schönen Tag.

Wir befuhren nun eine weitläufige Schwarzmeerbucht und steuerten zunächst das Wrack eines Frachtschiffes an, welches im Jahre 2009 auf eine Sandbank aufgelaufen war und seitdem vor sich hin rostet. Uns begleiteten mehrere Delfine, die aber immer dann wieder abtauchten, als wir auf den Auslöser unserer Handys drücken wollten.

Sonnenuntergang vor der ukrainischen Küste

Die Sandbank Pasalor ist ein wichtiger Brutplatz für zahlreiche Vogelarten. Leider aber verharrten die Schwärme auf der ukrainischen Seite der ziemlich genau in der Mitte geteilten Insel, sodass wir sie nur aus der Ferne beobachten konnten. Immerhin ließ sich dahinter deutlich erkennen, wie sich der Kilija, der nördliche der drei großen Donauarme, ins Schwarze Meer ergießt. Er führt mehr als die Hälfte des Donauwassers, sodass dessen Mündung den wahren Donaukilometer Null markiert. Der Kilija bildet fast durchgehend die Landesgrenze zwischen Rumänien und der Ukraine, nur die letzten fünf Kilometer liegen alleinig auf ukrainischem Territorium.

Die Mündung des Sulina-Arms ins Schwarze Meer.

Ich war vermutlich der Einzige auf dem Boot, der sich für derartige Details der politischen Geografie begeisterte, denn in Richtung Westen versank langsam die Sonne in der weiten Lagune. Letzter Höhepunkt war ein weiter Teppich aus Seerosen, bevor wir über einen Stichkanal wieder in den Sulina-Arm einfuhren und bald darauf anlegten. Ich musste zugeben, dass es gut war, auf unsere Wirte gehört zu haben. Der Tag hatte etwas schwierig begonnen, ist dann aber stetig besser geworden.

Unsere Nachbarn im Boot hatten dankenswerterweise Brot dabei.

Noch ein paar Tipps zum Schluss

Die staatliche rumänische Schifffahrtsgesellschaft Navrom ist der beste Weg, um von Tulcea ins Delta zu gelangen. In der Hauptsaison zwischen Juni und September fahren zweimal täglich Schiffe von Tulcea nach Sulina. Nach Sankt-Georg besteht bis auf dienstags täglich eine Verbindung. Die Preise pro Fahrt bewegen sich um die 80 Lei, was umgerechnet etwa 15 Euro entspricht. Kinder und Schüler fahren umsonst. Tickets können online hier oder auch direkt am Hafen gekauft werden.

Diese Tour endet stets im Sonnenuntergang.

Sankt Georg liegt zwar nicht so zentral im Delta wie Sulina, bietet sich aber an als Ausgangspunkt zu den weiten Lagunen südlich des Deltas mit ihrer beeindruckenden Vogelwelt.

Zwischen Sankt-Georg und Sulina verkehren etliche kleine Touri-Boote. Bei sonnigem Wetter ist es nicht schwer, eine Mitfahrgelegenheit zu erhaschen, bei Regen kann es aber sein, dass die Touren kurzfristig storniert werden.

Soana hatte ihren Spaß.

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