Über Kutaissi zurück nach Berlin
Osterferienreise mit Töchterchen. Zunächst über die Stalinstadt Gori zu guten Freunden in den äußersten Osten des Landes. Anschließend in den Süden nach Bolnissi mit seiner langen deutschen Geschichte. Danach durfte Soana an zwei sonnigen Tagen in Tbilissi bestimmen, was geht. Nun stand die Zielgerade an. Über die Autobahn zurück in den Westen nach Kutaissi. Dort ein letzter Tag und schließlich der Rückflug nach Berlin.
Unten führt die Autobahn vorbei an der alten Hauptstadt Mtskheta.
Im Dauerregen über die Autobahn
Das Frühstück am Morgen wollte schon wieder nicht schmecken, doch das tat der Herzlichkeit keinen Abbruch, mit der wir uns von unserer lieben Oma in Tbilissi verabschiedeten. Das Wetter hatte massiv umgeschlagen. Die gesamten drei Stunden, die Google.maps bis Kutaissi veranschlagt hatte, musste wir uns durch anhaltenden Dauerregen kämpfen. Ich war froh, dass Samstag war, was die Chancen erhöhte, unfallfrei aus dem verrückten Stadtverkehr von Tbilissi herauszukommen. Hinter der alten Hauptstadt Mtskheta wurde es besser. Nur die Drängler regten mich auf. In Georgien ist es offenbar erlaubt, dass Privatautos sowohl mit der Lichthupe als auch den Signaltönen die Polizei imitieren. Es müssen dennoch recht spezielle Charaktere sein, die sich so etwas einbauen lassen.
Soana und ich hatten vereinbart, uns bei der Auswahl der Songs im Autoradio abzuwechseln, doch irgendwann musste ich ihr den US-Rapper XXXTENTACION verbieten, dessen dämliches Gestöhne bei ihr in Dauerschliefe lief und mich zur Raserei trieb. Textlich, wie musikalisch der einzige Horor. Der gute Junge ist vor ein paar Jahren irgendeinem Bandenkrieg zum Opfer gefallen. Schlimm, aber nun kann er immerhin keine Songs mehr schreiben. Der Deal lautete, dass Soana alles bestimmen durfte. Alles, nur halt eben den nicht.
Durch das Surami-Gebirge wird aktuell auch eine Schienenschnellstrecke gebaut.
Wir fuhren durch die Steppen Kartliens, passierten Stalins Geburtsstadt Gori und kamen hinter Khashuri in den Surami-Gebirgszug, der den Kleinen mit dem Hohen Kaukasus verbindet und auf diese Weise eine natürliche Barriere zwischen dem Osten und dem Westen des Landes schafft. Dies war der entscheidende Lückenschluss, welcher bei der Schaffung einer leistungsfähigen Ost-West-Magistrale bewältigt werden musste. Tausende chinesische Arbeiter hatten sich in den vergangenen Jahren diesbezüglich engagiert. Mittlerweile war zwar alles fertig, zeigen sich aber auch schon die ersten Risse, weil die Bauunternehmen über alle Maßen versucht hatten, die Kosten zu drücken.
Hoch über dem wilden Rioni
In Kutaissi musste ich nochmal volltanken und dann brauchte es ein wenig, um die Unterkunft zu finden. Wieder einmal die Sache mit den Schildern… Nachdem das geschafft war, schien der an der Rezeption lungernde junge Mann alle meine Fragen gleich dämlich zu finden. „Klar kannst Du vor der Tür parken. Es ist unser Eigentum.“ „Klar darfst Du auf dem Balkon rauchen. Es ist ein Balkon.“ Klar kannst Du morgen in aller Frühe allein auschecken. Lass einfach den Schlüssel im Zimmer.“ Wir wohnten oben im fünften Stock und hatten einen fantastischen Blick auf den dank der Schneeschmelze besonders wild tosenden Rioni sowie auf die Innenstadt am anderen Ufer. Das Zimmer selbst war pragmatisch eingerichtet. Deutlich weniger liebevoll als bei unserer süßen Omi in Tbilissi, dafür aber wesentlich sauberer.
Unter uns tobte der wilde Rioni.
Es war kalt geworden, doch zumindest der Regen hatte aufgehört. Unser erster Weg führte uns über die weiße Brücke in einen kleinen Park zur Station der Seilbahn. Soana amtierte noch immer als Reisekönigin, hätte jederzeit auf diesen Hügel am anderen Ufer schweben können, doch der dortige Kinderpark war ihr schon drei Jahre zuvor zu pillepalle gewesen. Stattdessen wollte sie zum Markt, wo wir unsere letzten Besorgungen machten. Noch einmal Geld tauschen, günstige Zigaretten für den Papa kaufen und Süßkram besorgen. Schließlich war Ostersamstag und ich wollte später noch ein bissel was verstecken. Ich entschuldigte mich, dass ich ihr durch den gemeinsamen Einkauf sämtliche Illusionen in Bezug auf die Existenz des Osterhasen genommen hatte, doch sie schaute mich nur an, als ob ich nicht mehr ganz dicht sei. „Ernsthaft?“ Auch darf ich keine Städte, Fahrzeuge, Kuscheltiere oder sonstwas mehr sprechen, um ihnen eigene Persönlichkeiten zu verleihen. Das hatte mir und ihr in der Vergangenheit stets großen Spaß bereitet, ist nun aber verboten.
Die erste Adresse in Kutaissi
Das Sisters ist eines des besten Restaurants im ganzen Land. Neben dem fantastischen Essen sticht die liebevoll-kreative Einrichtung heraus. Soana hatte es vor allem die Schaukel angetan, die direkt neben unserem Tisch an der Decke angebracht war, doch auch die Pizza und die hausgemachte Limonade mundeten ihr hervorragend. Wir wussten schon, wo wir hinmussten, doch anderen Gästen würde ein Schild womöglich dabei helfen, diesen feinen, aber doch versteckt gelegenen Ort zu finden. Ich sag‘s ja nur.
Gutes Essen in kreativem Interieur.
Nach dem Essen streiften wir noch etwas durch die Altstadt. Durch den Stadtpark zum zentralen Platz mit dem Opernhaus und dem Kolchis-Brunnen in der Mitte. Kutaissi reklamiert für sich, dass sich die Argonauten-Sage rund um das Goldene Vlies hier zugtragen habe und tatsächlich ist die heutige Region Imeretien mit Kutaissi als Hauptstadt fast deckungsgleich mit dem antiken Land Kolchis, welches eine Gründung griechischer Siedler war, die sich weit entfernt von der Heimat, jenseits des Schwarzen Meeres niedergelassen hatten.
Der Kolchis-Brunnen in der Innenstadt.
Osterspaß im Hotelflur
Auf dem Weg zurück zum Hotel freute sich Soana wie Bolle über den Bubble Tea-Laden, den ich für sie aufgetan hatte. Ich wiederum konnte mein Glück kaum fassen, dass ich hier sämtliche Münzen bis auf den letzten Tetri loswerden konnte. Wieder auf unserem Zimmer, wollte ich sie auf eine kurze Runde durch die Stadt schicken und erklärte ihr dazu vom Balkon aus den Weg. Denkbar einfach: Über die eine Brücke rüber, dann links am Ufer entlang zur nächsten und über diese wieder zurück zum Hotel. Ich bin ein bescheidener Mensch und will mich nicht selbst loben, doch Orientierung gehört definitiv zu meinen Stärken. Meiner Tochter habe ich in dieser Beziehung offenbar nicht allzu viel mitgegeben, denn nur drei Monaten später erreichte mich ein verzweifelter Anruf. Sie hatte es nur kurz bis hinter die erste Brücke geschafft. Ich konnte sie sehen vom Balkon! und lotste sie zurück zum Hotel. Immerhin hatte die Zeit ausgereicht, um im Zimmer und im Hotelflur die ganzen Osternaschereien zu verstecken. Da stellte sie sich dann deutlich besser an, was womöglich an der Motivation lag.
Das war die Ausbeute.
Im Brauhaus Victoria
Ich hatte noch 40 Lari, die ich gerne loswerden wollte und weil es noch früh am Abend war, steuerten wir ein bayerisches Brauhaus an, das nur wenige Meter vom Hotel entfernt lag. Aus irgendwelchen Gründen gibt es im kleinen Kutaissi eine ganze Handvoll deutscher Braustuben. Hacker Pschorr, Paulaner etc., doch Deutsch sprach dort niemand und meist gab es auch keine deutsche Küche, sodass nur das Bier und die Einrichtung an Deutschland respektive Bayern erinnerten. So oder so ähnlich hatte ich es auch im Brauhaus Victoria erwartet, doch weit gefehlt, denn unser Kellner sprach uns selbstverständlich auf Deutsch an. Ich fragte noch: „Oh, Sie sprechen Deutsch?“ Und er: „Offenkundig. Wir sind ja ein deutsches Restaurant.“ Schon wieder hatte ich eine dämliche Frage gestellt.
Am Tisch gegenüber saß eine russische Familie, deren erwachsene Tochter sich über mein Ukraine-Shirt echauffierte. Ich ließ sie wissen, dass Russisch für mich keine Geheimsprache sei und dass sie sich gefälligst um ihren eigenen Scheiß kümmern sollten, was sie dann auch taten. Schön auch, dass unser Kellner vorgab, kein Russisch zu verstehen, und sie sich bei der Bestellung in ihrem radebrechenden Englisch abmühen mussten.
Nette Jungs.
Auf dem Weg hinaus zeigte sich, dass auch der Typ am Counter Deutsch verstand. Die beiden erzählten, dass sie mehrere Jahre in verschiedenen süddeutschen Städten verbracht hatten und dass auch ihnen die Russen gehörig auf die Nerven gingen. Witzig auch, dass wir zwischendrin auf Russisch kommunizierten, was besagte Familie, weil in Hörweite, natürlich mitbekommen musste.
Es war ein schöner Abschluss einer insgesamt eher zwiespältigen Reise. Nachdem ich Soana aufs Zimmer gebracht hatte, kam ich noch einmal zurück, schenkte ihnen ein Exemplar meines Georgien-Reisebuches, versprach, sie in der kommenden Auflage lobend zu erwähnen und dass ich auch sonst versuchen werde, ihnen möglichst viele deutschsprachige Gäste zu bringen. Als sie mir ihre Visitenkarten gaben, sah ich, dass auch unser Hotel zu ihrer Gründung gehörte. Sie hatten offenbar ordentlich investiert und ich wünsche alles Glück dieser Welt, denn ein neuer Tourismusboom nach Georgien würde auch mir helfen.
Der letzte Abend.
20 Lari Strafe
Nun musste ich dringend ins Bett, denn schon um kurz vor drei Uhr in der Nacht würde mein Wecker klingen. Die Flugzeiten in Georgien sind oft unanständig unchristlich, sowohl in Tbilissi als auch in Kutaissi. Soana war am nächsten Morgen entsprechend müde, doch immerhin würden wir in Berlin noch den gesamten Ostersonntag haben. Weil Georgien ein orthodoxes Land ist, steigt das Fest der Auferstehung Jesu dort erst eine Woche später, sodass wir nicht viel davon mitbekommen hatten. Bis auf die vielen rotgefärbten Eier, die auf dem Markt und überall sonst erhältlich waren und laut meinem Freund Davit ein typischer georgischer Osterbrauch seien, wobei das Rot für das Blut des Erlösers stünde.
Die Fahrt zum Flughafen dauerte eine halbe Stunde. Vor Ort wartete der Typ von Cars4Rent und ich hoffte, dass er unseren Mitsubishi trotz aller Unbill auch wieder abnehmen würde. Dem war auch so. Nur musste ich noch 20 Lari für irgendeinen Verkehrsverstoß zahlen, was aber super passte, weil ich genau diesen Betrag in der Tasche hatte. Offenbar bin ich irgendwo weit im Osten des Landes widerrechtlich links abgebogen, was er mir auf seinem Handy vorspielen wollte, mich aber nicht mehr interessierte. Die Kameras lauern in Georgien überall.
Der internationale Flughafen Kutaissi Kopitnari. Foto: Andrew Milligan sumo
Der Flug war pünktlich. Soana verbrachte fast die gesamten dreieinhalb Stunden schlafend auf meinem Schoß. Am BER in Berlin wartete die Mama und es konnte mit dem Osterprogramm nahtlos weitergehen. Es war insgesamt eine schöne Reise, die mich aber mit zwiespältigen Gefühlen zurückließ.
Noch ein paar Tipps zum Schluss
Wer es nicht so eilig hat, dem sei zwischen Tbilissi und Kutaissi unbedingt ein Abstecher in die Bergbaustadt Chiatura und zur Kazchi-Säule empfohlen. Auch hier ist die Straße asphaltiert, wobei aber auf Bodenwellen Acht gegeben werden muss. Über Sachkhere lässt sich mittlerweile auch die Region Racha im Hohen Kaukasus erreichen. Über Oni und das Regionalzentraum Ambrolauri könnte es in diesem Falle weiter nach Kutaissi gehen.
Die Passstraße nach Oni in der Region Racha.
Kutaissi selbst ist eine kleine Stadt und als solche schnell erlaufen. Allerdings bietet sie sich hervorragend an als Ankerpunkt für Touren in die Region. In unmittelbarer Nähe finden sich etliche touristische Ziele erster Güte. Als da wären: Das Thermalbad Tskaltubo, die Höhlen Prometheus und Sataplia, die Ausgrabungen von Vani oder die Akademie von Gelati. Auch die berühmten Canyons von Okatse und Martwili sind jeweils nur etwa eine Autostunde entfernt.
Seit dem vergangenen Jahr verbindet eine neue Straße Kutaissi über den Zagari-Pass mit Ushguli und Mestia im Oberen Swanetien. Von Kutaissi in südlicher Richtung soll in Bälde eine Straße eingeweiht werden, die über den Zekari-Pass zum Thermalbad Abastumani im Kleinen Kaukasus führt.
Der Flughafen von Kutaissi ist auch an das georgische Schienennetz angebunden. Tbilissi lässt sich von hier aus in vier und Batumi am Schwarzen Meer in zwei Stunden erreichen.



















