Sulina-Tulcea-Bukarest-Berlin
Meine zehnjährige Tochter Soana und ich waren von Berlin nach Bukarest geflogen und weiter mit dem Bus nach Tulcea gefahren, dem Tor zum Donaudelta. Es folgten vier fantastische Tage mit herrlichen Bootstouren, einer reichen Natur und vielen lieben Leuten am Wegesrand. Nun ging es nur noch zurück. Mit der Fähre nach Tulcea und mit dem Bus nach Bukarest, wo uns anderthalb Tage für Besichtigungen blieben. Schließlich mit dem Flieger nach Berlin.
Wir hatten wieder einmal die besten Plätze ergattert.
Abschied vom Delta
Unsere Fähre zurück nach Tulcea sollte erst um 13:30 Uhr ablegen, sodass wir einen faulen Vormittag genossen, nochmal für einen Kaffee bzw. eine hausgemachte Limo zur Promenade liefen, ein paar Sachen kauften und ansonsten in unserem Garten abhingen. Soana hörte Musik auf dem Handy und telefonierte mit ihren Freundinnen und ich bearbeitete schnell noch die E-Mail-Korrespondenz.
Unser Gastgeber war so freundlich, uns zum Hafen zu fahren. Das Navrom-Schiff nach Tulcea war dieses Mal ein anderes. Kleiner, aber schneller und ohne Oberdeck, sodass wir froh waren, auf Anhieb die besten Plätze ganz hinten in der letzten Reihe gefunden zu haben. Der einzige nicht-überdachte Bereich, von dem sich eine halbwegs freie Sicht bot. Der Sulina-Arm war erkennbar dichter besiedelt als der Sankt-Georg-Arm vier Tage zuvor, wobei auch hier nur wenige Dörfer vorbeikamen. Das größte war Crisan mit seinen knapp tausend Einwohnern. Gleichzeitig der einzige Ort im riesigen Delta, wo etwas Felderwirtschaft betrieben wird – nämlich im Bereich nördlich des Sulina-Arms. Zu Crisan gehört auch der abgeschieden im Delta gelegene Weiler Mila 23, der im 18. Jahrhundert von russisch-orthodoxen Altgläubigen besiedelt wurde, die ihre Kultur bis heute fortgetragen haben.
Auf der Hälfte des Weges der Hafen von Crisan.
Nochmal Tulcea
Insgesamt waren die Ufer des Sulina-Arms weniger wild als am Sankt-Georg-Arm, glichen eher einem Kanal. Auch der Verkehr war deutlich intensiver, denn regelmäßig kreuzten große Frachtschiffe den Weg. Tulcea war schon nach knapp drei Stunden erreicht, was durch einen riesigen Schriftzug hoch oben auf einem Hügel deutlich gemacht wurde. Nun schloss sich der Kreis und nach dem Aussteigen schleppten wir unser Gepäck wieder über diese herrliche Promenade.
Ich hatte dieses Mal eine andere Unterkunft gebucht. Etwas stadteinwärts direkt am wuseligen Markt. Eine kleine Pension, deren Wirtin erst einmal von ihrem Marktstand herbeigerufen werden musste. Das Zimmer oben im dritten Stock war klein, aber gepflegt und praktisch eingerichtet. Vom Balkon aus konnte man das Markttreiben beobachten. Unten, im Garten gab es wieder eine Gemeinschaftsküche für alle Gäste.
Zurück in Tulcea.
Zum Abendessen wählten wir ein Lokal an der Hauptstraße und nicht mehr an der Promenade. Hier gab es auch Pizza, Hühnchen und Ceasars Salad und eben nicht nur Fisch. Soana hat’s gefreut. Natürlich liefen wir noch einmal kurz zur Promenade, doch eigentlich gab es an diesem Tag nicht mehr viel zu tun. Da passte es gut, dass bei Soana nach und nach sämtliche Freundinnen durchriefen. Wir hatten Zeit.
Angenehme Gespräche
Am nächsten Morgen wieder zum großen Fährterminal, wo kurz nach zehn Uhr unser FlixBus nach Bukarest abfahren sollte. Der Steig war nicht schwer zu finden, denn es stand nur ein Bus zur Auswahl. Soana musste wieder aufs Bahnhofsklo, doch das war deutlich ansprechender als eine Woche zuvor in Bukarest. Unsere Plätze lagen in der letzten Reihe, die wir wieder allein mit einer jungen Dame teilten. Alles wie gehabt.
Noch einmal durchfuhren wir die beschaulichen Donaukarpaten.
Uns ärgerte zunächst, dass in der Industriestadt Galati ein junger Mann zustieg und uns den Platz streitig machte. Allerdings erwies er sich nach einigen Minuten als äußerst interessanter Gesprächspartner. Ein Lokaljournalist, der für einen regionalen TV-Sender in Galati arbeitete und auf dem Weg zu einem Metal-Festival nahe der Karpatenstadt Brasov (dt. Kronstadt) war. Neben der Musik begeisterte er sich intensiv für Straßenbahnen, konnte aber auch sonst viel Interessantes über sein Land erzählen. Politik, Gesellschaft, wie sich die Infrastruktur entwickelt hatte, das Verhältnis zu den Landsleuten in Moldau etc.
In Galati sahen wir die Donau zum letzten Mal. Sie ist der Fluss auf der Welt, der die meisten Länder berührt – zehn an der Zahl. Quelle im Schwarzwald, rüber nach Österreich, kurz durch die Slowakei, Ungarn von Nord nach Süd, kroatisch-serbischer Grenzfluss, dann quert sie Serbien, bildet zunächst die serbisch-rumänische und anschließend die rumänisch-bulgarische Grenze, tritt dann vollständig auf rumänisches Territorium über, berührt auf 500 Metern die Republik Moldau und markiert schließlich die rumänisch-ukrainische Grenze, bevor und während sie sich in einem spektakulären Delta ins Schwarze Meer ergießt.
Moldauer und Burjaten, Rumänen und Mongolen
Zu Moldau muss man wissen, dass dort vornehmlich ethnische Rumänen leben, dass aber in der Sowjetunion intensiv versucht wurde, künstlich eine eigene moldauische Identität zu kreieren, damit die Menschen nicht auf die Idee kommen, sich mit ihren Landsleuten in Rumänien vereinigen zu wollen. So musste beispielsweise die sogenannte moldauische Sprache plötzlich mit kyrillischen Lettern geschrieben werden. Ähnliches wurde auch in den mongolischen Republiken Burjatien und Tuwa in Südsibirien versucht. Allerdings deutlich erfolgreicher, denn zumindest in Burjatien spricht niemand mehr die mongolische Sprache, nur noch Russisch, weiß kaum mehr jemand um die mongolischen Traditionen, lassen sich tausende junge Männer im Dienst der russischen Kolonisten in der Ukraine verheizen.
Beim Festival der Freiheit in der moldauischen Hauptstadt Chisinau.
Immer diese dämlichen Blicke
Giorgi hieß der junge Mann. Danke, dass er mir die lange Zeit im Bus vertrieben hat. Nach dem Aussteigen in Bukarest war er noch so freundlich, uns zur Metro zu begleiten und beim Kauf einer 24h-Karte für den Nahverkehr zu helfen. An der Oper mussten wir in den Trolleybus umsteigen, wo uns wieder diese dämlichen Blicke verfolgten. Bei zwei älteren Tratschtanten bin ich dann ausgerastet. Ich holte die Pässe heraus, las den gemeinsamen Nachnamen vor, sagte ihnen, dass das meine Tochter sei und dass sie gefälligst Ruhe geben sollten, was von anderen Fahrgästen freundlicherweise aus dem Englischen übersetzt wurde.
Unser Apartment war das Gleiche wie in der ersten Nacht. Wir hatten also schon eine Strategie entwickelt, wie man sich mit all dem Gepäck bestmöglich in den engen Fahrstuhl quetscht, hatten nicht mehr so viel Angst vor diesem altersschwachen Ding, das wir „das graue Monster“ tauften. Zum Abend aßen wir in einem gemütlichen georgischen Lokal. Nun lagen noch anderthalb Tage in der rumänischen Hauptstadt vor uns.
Die armenische Kirche lag in unmittelbarer Nähe zu unserem Apartment.
Ein irres Gebäude
Es war nicht mehr so heiß, wie am ersten Tag, sodass meiner armen Soana keine Ausrede blieb, die verhindern konnte, mit Papsi zusammen von morgens bis abends durch die rumänische Hauptstadt latschen zu müssen. Weil ich aber kein Unmensch bin, führte ich sie gleich zu Beginn in jene New Yorker-Filiale, in der wir schon am ersten Tag shoppen waren.
Danach stand das monströse Parlament auf dem Programm, welches womöglich das berühmteste Gebäude Rumäniens ist und wie kein anderes für die Absurditäten des real existierenden Sozialismus steht. Der Grundstein wurde 1984 gelegt. Um Platz zu schaffen, wurden schon seit den 1970ern weite Teile der historischen Altstadt, zehntausende Wohnungen, etliche Kirchen und Synagogen abgerissen. Heute gilt der im typischen Sowjetklassizismus errichtete Palast als das zweitvoluminöseste Gebäude der Welt, nach dem Pentagon in Washington D.C. Im seinerzeit bettelarmen Rumänien verschlangen die Baukosten knapp 3,3 Milliarden Euro, was etwa 40 Prozent des damaligen jährlichen Bruttoinlandsproduktes entsprach. Die Revolution 1989 endete mit dem Tod des Diktators, doch was sollte man mit dem halbfertigen Gebäude machen? Man entschied sich schließlich für die Vollendung des Baus. Heute sind neben dem rumänischen Parlament etliche weitere Institutionen hier ansässig.
Das Parlament von Osten aus gesehen.
Hühnchen, Eis und Bubble Tea
Soana und ich latschten einmal herum. So widerlich wie die Vorgeschichte auch klingen mag, es hatte doch eine gewisse Ästhetik. Im Rücken des Parlaments ist in den vergangenen Jahren mit der Nationalen Kathedrale Rumäniens ein ebenso überdimensionierter Kirchenbau entstanden. Zwar nur zwei Gebäude, aber angesichts deren Größe doch ein langer Marsch, weshalb wir uns in einer Hühnchenbraterei im Stile von Kentucky Fried Chicken niederließen und erst einmal zu Mittag speisten.
Rumänische Nationalkathedrale.
Weiter ging es mit dem Bus in den nördlichen Teil des Zentrums, wo wir das Nationale Kunstmuseum und das Rumänische Athenäum zumindest von außen besichtigten, also abfotografierten. Ein schöner Spaziergang, wobei Soana für ihre Engelsgeduld immer mal wieder mit einem Eis, Bubble Tea oder Matcha Latte entschädigt wurde. Auf diese Weise konnte ich sie erfolgreich zu einem letzten Programmpunkt überreden.
Sonniger Sommersonntag im Park
Wir nahmen am monumentalen Piata Romana (Rumänienplatz) einen Bus in Richtung Norden, wo wir nach einigen Gehminuten mit der Casa Ceausescu das Privathaus des Diktators besichtigten. Wir hätten eine englischsprachige Führung buchen können, was zeitlich gepasst hätte, doch die Dauer betrug zwei Stunden, die ich Soana nicht zumuten wollte. Stattdessen durchstreiften wir die Parks im Norden der Hauptstadt, wo sich Seen und Kanäle aneinanderreihen. Hübsche junge Menschen, viel Musik und Sport. Aperol Spritz, was vom Grill, was man halt so macht an einem sonnigen Sommersonntag im Park. In Berlin wie in Bukarest.
Nationales Kunstmuseum.
Unser Spaziergang endete am monumentalen Triumphbogen, der erstmals 1878 nach der Unabhängigkeit Rumäniens errichtet und nach dem Sieg im Ersten Weltkrieg zu seinem heutigen Antlitz umgestaltet wurde. Vorbild ist erkennbar der Bogen am l’Etoile in der französischen Hauptstadt, was nachvollziehbar ist, denn Bukarest galt in dieser Zeit als Paris des Ostens.
Triumphbogen von Bukarest.
Letzter Stopp an diesem schönen Tag war die Oper. Einfach nur, weil wir dort in unseren Trolleybus umsteigen mussten. Bukarest hatte sich von seiner besten Seite gezeigt. Ich hatte Vieles gesehen und Soana bekam fast jeden Wunsch erfüllt. Zu Abend aßen wir wieder in diesem herrlichen Gartenlokal hinter der armenischen Kirche nahe unserem Apartment. Das einzige Problem war, dass sich die Sohle meiner in Sulina günstig erworbenen Sportschuhe so langsam ablöste.
Rumänische Staatsoper.
Der letzte halbe Tag
Unser Flieger sollte erst um 19 Uhr abheben, sodass noch ein halber Tag für Bukarest blieb. Das Apartment mussten wir bis elf Uhr verlassen, doch das Gepäck konnte dort bis zum Nachmittag verbleiben. Also ausschlafen, nochmal kurz in den Supermarkt und dann raus auf eine letzte Runde durch die Stadt. Wir fuhren mit dem Trolleybus zur Uni und liefen anschließend durch das Altstadtviertel Lipszani mit den vielen Stadtpalästen und dem Kloster Stavropoleos, wo ich zum ersten Mal stolperte, weil sich mittlerweile beide Sohlen meiner Sportschuhe immer weiter vom Rest lösten. Es klapperte gar lustig bei jedem Schritt und auch mein storchenartiger Gang erwirkte Heiterkeit bei den umstehenden Passanten.
Hauptgebäude der Universität.
Der hübsche Cismigiu-Garten ist mit seinen Teichen die grüne Lunge der Innenstadt. Von hier aus liefen wir zu Sankt Josef, der größten katholischen Kathedrale Rumäniens, und erreichten schließlich die Calea Victoriei, die Siegesstraße. Hier am Prachtboulevard Bukarests reihen sich die Repräsentativbauten aneinander. Edle Hotels, Museen und einige Regierungspaläste. Wir liefen alles einmal ab und gelangten am Ende wieder zur Universität und dem Stadtmuseum, wo wir uns langsam in Richtung Apartment orientieren und uns auf dem Weg was zum Essen suchen wollten.
Cismigiu-Garten.
Soana lacht den Vater aus
An einer Kreuzung über den großen Braitianu-Boulevard war es endgültig geschehen. Es muss komisch ausgesehen haben, wie ich mich zuerst fast aufs Gesicht gepackt hatte und anschließend nur noch wie auf Kufen schleifend die breite Straße zu überqueren suchte. Natürlich habe ich es nur bis zur Mitte geschafft und musste auf die nächste Ampelphase warten. Auf der anderen Seite zog ich die Sohle komplett ab und beförderte sie in einen Mülleimer, war von nun zumindest rechts weitgehend auf Socken unterwegs. Soana konnte sich kaum mehr halten vor Lachen.
Wir aßen nochmal in unserem Gartenlokal zu Mittag, holten die Koffer aus dem Apartment und machten uns auf den Weg. Trolleybus zur Uni und dann der Flughafenbus, den ich schon wieder nicht mit der Kreditkarte bezahlen konnte, in dem aber auch niemand kontrollierte. Wir waren schon früh da, weil wir nicht wussten, was wir mit all dem Gepäck sonst noch machen sollten. Genug Zeit also für einen letzten Fauxpas, weil ich versehentlich Soanas Boarding-Pass weggeworfen hatte, ihn auf dem Handy nicht finden konnte und ergo am Check-in neu ausstellen lassen musste.
In der Prachtstraße Calea Victoriei.
Der Flug war pünktlich und angenehm. In Berlin am BER wartete die Mama. Mit ihr würde Soana anderthalb Tage später in die Mongolei reisen, während ich mich zur gleichen Zeit in die Ukraine aufmachen würde. Bei mir zu Hause landeten zuallererst die Sportschuhe aus Sulina im Müll. Ansonsten herrschte aber große Befriedigung über eine insgesamt ausgesprochene spannende und erfüllende Reise, bei der auch Soana ihren Spaß gehabt hatte. Nächstes Jahr vielleicht die Karpaten…
Noch ein paar Tipps zum Schluss
Die ungarische Billigairline Wizz, fliegt von Berlin und anderen deutschen Städten auch nach Timisoara im Westen und nach Cluj-Napoca (dt. Klausenburg) im Norden Rumäniens.
Die rumänischen Karpaten bei Mestecanis.
Von Bukarest dauert es mit dem Auto nur knapp zwei Stunden bis zu den Karpaten, nach zweieinhalb Stunden ist das von deutschen Siedlern geprägte Kronstadt (rum. Brasov) erreicht. Ein besonderer Tipp sind die Transfogarascher Hochstraße und die Transalpina, die auf mehr als 2000 Meter Höhe durchaus den berühmten Alpenpässen Konkurrenz machen können.
Wer länger in Rumänien bleiben möchte, dem sei die Anreise mit dem eigenen Auto ans Herz gelegt. Schließlich bieten sich, bspw. in Prag, Brünn, Bratislava oder Budapest, äußerst attraktive Zwischenstopps an. Auf dem Rückweg womöglich durch die ungarische Puszta zur Hohen Tatra an der slowakisch-polnischen Grenze und weiter über Krakau und Breslau nach Deutschland. Rumänien gehört seit 2025 zum Schengenraum, sodass keinerlei Grenzen überwunden werden müssen.



















