Vom mächtigen Kosakenfürsten zu lieben Freunden
Wie jeden Sommer seit Beginn des Krieges bin ich auch dieses Jahr wieder in die Ukraine gefahren. Vollbeladen mit Hilfsgütern für die Armee. Eigentlicher Zweck der Reise war es jedoch, die touristische Infrastruktur zu erkunden. Anspruch von Ostwärts Reisen ist es, jeden Punkt in den Programmen aus eigenem Anschein geprüft und für gut befunden zu haben. Und weil ich im Herbst vergangenen Jahres die Ukraine in mein Portfolio aufgenommen habe, gab es noch einige Leerstellen zu füllen. Aus Berlin war ich über Galizien und Podolien in die Steppen des Südens gekommen. Nun wollte ich mich aufmachen in den Osten nach Poltawa und weiter in die Hauptstadt Kyjiv.
Khmelnyzkyj und die Saporoger Kosaken
Nach drei extremen Fahrtagen hatte ich mir heute etwas weniger vorgenommen, weil am Nachmittag noch ausreichend Zeit für Poltawa bleiben sollte, das, gemessen an seiner Einwohnerzahl und der Dichte der Sehenswürdigkeiten, die größte Neuheit auf der Reise sein würde. Also nochmal volltanken und anschließend zunächst auf die Trasse nach Kyjiv, von der ich nach knapp 60 Kilometern heruntergelotst wurde, um für die restlichen 35 Kilometer eine durchlöcherte Zumutung zu befahren. Die teilweise mannshohen Schlaglöcher, die allesamt ineinander übergingen, war ich schon gewohnt. Neu war, dass der Weg zu allen Seiten kreisrund mit Gestrüpp umwachsen war, sodass man sich wie im Tunnel fühlte und keinen Gegenverkehr gebrauchen konnte. Als das aufhörte, lernte ich es sogleich wieder schätzen, denn in der blendenden Morgensonne waren die Abgründe in der Straße weit schlechter zu erkennen.
Dorfkirche in Subotiv.
Irgendwie habe ich es dann doch zum ersten Zwischenziel des Tages geschafft. Im kleinen Dorf Subotiv soll am Ende des 16. Jahrhunderts Bogdan Khmelnyzkyj geboren worden sein, jener Kosakenführer, der zusammen mit seinen Getreuen Mitte des 17. Jahrhunderts die Polen besiegte und den Osten der Ukraine befreite. Der Nationalheld schlechthin, wobei die Geschichte durch den Umstand getrübt wird, dass er seinen freien Staat der Saporoger Kosaken ausgerechnet unter das Patronat des russischen Zaren stellte. Im Gegenzug wurde jedoch eine weitgehende Autonomie zugestanden.
Das ist alles interessant, doch leider war das Museum geschlossen, ließ sich nur die hübsche Kirche daneben ablichten. Wäre es offen gewesen, hätte ich mir die weitgehend originalgetreu restaurierte Residenz der kleinadligen Familie anschauen können, der Khmelnyzkyj entstammte. Kriegsbedingt öffnet diese aber nur an zwei Tagen in der Woche ihre Pforten.
Das Palastareal des großen Kosaken.
Der Palast des Hetman
Die zwölf Kilometer südöstlich von Subotiv gelegene Kleinstadt Chyhyryn hatte deutlich mehr zu bieten. Hier hatte sich Khmelnyzkyj seine Hauptstadt errichtet und hier war der Hetman, also der Oberbefehlshaber der Kosaken, im Jahre 1657 auch gestorben. Die Residenz war zwar nicht erhalten, wurde aber – soweit möglich – nach Vorlagen aus der Zeit restauriert. Ich war hier mal wieder der Einzige, wobei das Personal freundlich darauf verwies, dass die Beschreibungen mittlerweile auch auf Englisch verfasst sind.
Während ich die Räume durchstreifte, drangen wunderbare Choräle zu mir herüber. In der Peter-und-Paul-Kirche, die herrlich über der Residenz gelegen war und in der Morgensonne glitzerte, wurde offenkundig gerade der Morgengottesdienst abgehalten. Natürlich spazierte ich auch dort vorbei, wobei ich den Ritus und die vielen Gläubigen aber nicht stören wollte. Schließlich war ich mit meinen kurzen Hosen und dem Handy im Anschlag, erstens nicht passend gekleidet und zweitens eindeutig als Außenstehender zu erkennen.
Die Peter-und-Paul-Kirche von Chyhyryn.
Stattdessen kletterte ich den Hügel hinauf zum mächtigen Khmelnyzkyj-Monument, welches hoch über der Landschaft thronte. Ich hatte gehofft, von dort einen Blick zum Dnipro-Stausee zu erhaschen, doch der war offenkundig zu weit weg. Auf dem Weg hinunter in die Stadt kam ich an den Resten der Burg von Chyhyryn vorbei, besichtigte unten noch das Schloss, eine süße Kirche sowie den im typischen Sowjet-Klassizismus gehaltenen Rathausplatz. Alles in allem bildet Chyhyryn ein außerordentliches geschmackvolles Ensemble, welchen den kleinen Umweg allemal lohnt.
Das Schloss mit dem Khmelnyzkyj-Monument im Hintergrund.
Die Stauseen des Dnipro
Auf der Straße in Richtung Südosten zur Industriestadt Krementschuk konnte ich einige Male den Krementschuker Stausee erkennen, doch ich war nicht sicher, ob man hier auch fotografieren darf. Insgesamt wird der Dnipro in der Ukraine sechsmal aufgestaut, wobei dies hier der größte Stausee war. Mit mehr als 2.200 Quadratkilometern Fläche mehr als viermal so groß wie der Bodensee. Bei einer Brücke über eine Bucht traute ich mir doch ein Foto, das aber nicht ansatzweise die riesige Wasserfläche erfassen konnte.
Blick über eine Bucht des Dnipro-Stausees.
2023 hatten die Russen bei ihrem Abzug aus Kherson den Damm des südlichsten der sechs Stauseen, des Kachowka, gesprengt, was in einer humanitären und ökologischen Katastrophe endete. Der Kachowka war nur geringfügig kleiner als der Krementschuker Stausee, ist aber heute nicht mehr vorhanden. Immer wieder wird von Propagandisten des Russo-Faschismus die Zerstörung auch der anderen Dämme gefordert, womit sich meine Vorsicht in Bezug auf das Anfertigen von Fotos erklärt.
Ohne GPS auf der Suche nach der Unterkunft
In Krementschuk querte ich die Brücke über den Dnipro, des nach Wolga und Donau drittlängsten Flusses Europas. Hier fanden auch die Mühen der Straße ihr Ende, weil ich fortan die hervorragend ausgebaute Trasse in Richtung Poltawa befahren durfte. Schon am frühen Nachmittag war ich da. Als ersten Besichtigungspunkt hatte ich mir das Kreuzerhöhungskloster herausgesucht, welches zwar hoch oben über der Stadt thronte, vom Zentrum aber fußläufig nicht zu erreichen war, zumindest nicht mit einem angemessenen Aufwand. Eine schöne Anlage, die in ihrer verspielten Architektur und den bunten Farben dem Kyjiver Höhlenkloster ähnelte, deren Mönche aber reichlich mürrisch auf mich wirkten
Das Kreuzerhöhungskloster hoch oben über der Stadt. Foto: МаксимБондаревский
Für Poltawa hatte ich mir auf Booking etwas reserviert, weil ich schon am Tag zuvor wusste, dass ich hier nächtigen werde. Der Typ vom Apartment hatte mich mehrfach angerufen und wir wollten uns gegen 14 Uhr am Gebäude treffen. Problematisch war allerdings, dass auf dem Rückweg vom Kloster das GPS ausfiel, ich mich weitgehend verloren fühlte, weil Google.maps mich im Stich ließ. Ich wusste mir aber zu helfen, fragte zwei nette Damen am Wegesrand, ob sie per Telefon mit dem Vermieter sprechen und mir hernach den Weg erklären könnten. Russisch war hier im Osten des Landes kein Problem, wiewohl die Leute dennoch erkennbar mit vollem Herzen zur Ukraine standen. Als ich ihn endlich gefunden hatte, erklärte er mir, dass die Russen hier – so nahe der Front – regelmäßig die Signale stören würden. Aber gut. Es hatte auch so funktioniert.
Mariä-Himmelfahrt-Kirche.
Überraschend prächtig
Nun also Poltawa selbst, welches im 19. Jahrhundert unter Zar Alexander II. als Planstadt a la Sankt Petersburg oder Odesa neugestaltet wurde. Für das Zarenreich hatte der Name Poltawa einen mythischen Klang, weil hier im Jahre 1709 die Schweden besiegt wurden, was im Allgemeinen als Geburtsstunde des russischen Imperiums gesehen wird. Der zweite ukrainische Nationalheld, Iwan Mazepa, hatte seinerzeit auf der Seite der Schweden gestanden, weil er sich von denen die Befreiung vom russischen Joch erhofft hatte. Allerdings war er weniger erfolgreich gewesen als sein Vorgänger Bogdan Khmelnyzkyj in der Auseinandersetzung mit den Polen knapp 50 Jahre zuvor. 232 Jahre später rückte Poltawa erneut in den Fokus der Geschichte, weil die Nazis hier das Hauptquartier der Heeresgruppe Süd errichteten, von hier aus den Massenmord an Millionen Zivilsten koordinierten.
Das Apartment lag etwas außerhalb, weshalb ich den Skoda nahm und ihn unmittelbar an der berühmten Weißen Rotunde abstellte, die 1909 zum 200. Jahrestag der siegreichen Schlacht gegen die Schweden errichtet worden war. Hier boten sich fantastische Blicke auf das Kreuzerhöhungskloster und in unmittelbarer Nähe stand mit der Mariä-Himmelfahrt-Kirche das wichtigste Gotteshaus im Stadtzentrum.
Die Weiße Rotunde.
Insgesamt weiß Poltawa als klassizistisches Gesamtkunstwerk zu beeindrucken, zählt für mich zu den schönsten Städten der Ukraine. Höhepunkt der Innenstadt ist der kreisrunde Corpus-Park ist, um den sich etliche repräsentative Bauten gruppieren. Immer mal wieder fanden sich auch herrliche Gründerzeithäuser. Tatsächlich so viel Pracht, dass ich mir im Laufschritt die Füße wund lief. Über den Sonnen- und den Peter-Park zum Rathaus und weiter über den Birkenplatz zum Siegespark mit all seinen Fahrgeschäften, weiter zur Uni und zurück über herrschaftliche Gassen in die Altstadt, wo ich ein hübsches ukrainisches Restaurant für das Abendessen fand. Das musste ich allerdings schnell hinunterschlingen, weil die Polizei herbeikam, nach Parksündern Ausschau hielt und mir der Kellner empfahl, den Skoda möglichst schnell hinfort zu bewegen.
Im zentral gelegenen Corpus-Park. Blick auf die Stadtverwaltung.
Pfauen und Fasane
Am nächsten Morgen war die Ausfahrt aus Poltawa nicht einfach gewesen, denn schon wieder streikte das GPS. Ich orientierte mich grob an der Himmelsichtung und rechnete damit, dass die breite Trasse, die ich befuhr, schon irgendwo hinführen würde. Dem war auch so, denn nach einigen Minuten folgte die Autobahn. Dass ich auch dort wieder richtig raufgefahren war, ist nur mit Glück und/oder Intuition zu erklären, denn sämtliche Wegweiser waren unkenntlich gemacht, damit sie den Russen nicht zur Orientierung dienen können. 100 Kilometer weiter funktionierte das Signal dann wieder und ich war außerordentlich beruhigt, nicht die ganze Zeit in der falschen Richtung unterwegs gewesen zu sein.
Im Kloster Mhar mit seinen exotischen Vögeln.
Ziel des Tages war Kyjiv, wo liebe Freunde warteten. Auf dem Weg dorthin wollte ich am Kloster Mhar vorbeischauen, das laut Google.maps direkt auf dem Weg lag. Es kam auch bald in Sicht und erhob sich majestätisch über der Autobahn. Von der Ausfahrt waren es nur fünf Minuten nach oben. Während die Mönche gestern im Kreuzerhöhungskloster von Poltawa eher abweisend waren, wirkten die Nonnen hier in Mhar zugewandt und fröhlich. Eine von ihnen hatte mich persönlich durch ein Nebengebäude geführt, um mir die Ikonen dort zu zeigen. Zum Abschied schärfte sie mir ein, unbedingt noch die Hauptkirche zu besichtigen. Das tat ich natürlich, wobei aber gerade der sonntägliche Ritus vollzogen wurde und ich zwischen all den betenden Gläubigen keine Fotos anfertigen wollte. Stattdessen genoss ich draußen den herrlichen Garten, der mit Pfauen, Fasanen und allerlei anderen exotischen Vögeln bevölkert war.
Soanas Klassenkamerad
Ein herrlicher Sommersonntagmorgen. Ich wäre gerne geblieben, doch in Kyjiv warteten liebe Freunde ungeduldig auf mich. Jevgeni war in seiner Jugend ein erfolgreicher Moderner Fünfkämpfer gewesen und dann irgendwie zur Philosophie gekommen, die er an der Nationalen Sportuniversität von Kyjiv lehrte, seit 2014 als ordentlicher Professor. Nach dem Tod seiner ersten Frau hatte er Ekaterina geheiratet, die deutlich jünger ist, die bis zum Krieg in der Kyjiver Tourismusagentur gearbeitet hatte und mit der er einen gemeinsamen Sohn namens Nikolas hat, der wiederum seit drei Jahren mit meiner Tochter Soana die gleiche Klasse besucht.
Die ukrainische Hauptstadt, das stolze Kyjiv.
Nach dem Beginn des vollumfänglichen Krieges waren die drei aus Kyjiv geflüchtet. Jevgeni hatte das Land aufgrund seines Alters – er ist schon deutlich über 70 – verlassen dürfen. Ich bin einer der beiden Elternvertreter in Soanas Klasse und hatte es mir zur Aufgabe gemacht, der Familie bei der Integration in Deutschland zu helfen, wobei wir uns stetig besser kennenlernten. Erst kurz vor den Ferien hatte ich Nikolas, der ein guter Schwimmer ist, erfolgreich an die Eliteschule des Sports am Berliner Olympiastadion vermitteln können.
Das war ein wenig witzig, denn wir hatten uns mit Lehrern, Kindern und Eltern unserer Klasse wenige Tage vor Ferienbeginn zu einem Abschlusspicknick getroffen, an dessen Rande Ekaterina, Jevgeni und ich über die Pläne für eine weiterführende Schule sprachen. Jevgeni meinte, dass er nichts Gutes über die Sportschule am Olympiastadion gehört habe, und ich sagte ihm, dass das totaler Quatsch sei, dass Soana davon träume, dort aufgenommen zu werden, dass es womöglich die beste Sportschule ganz Deutschlands ist, dass Soana und ich uns die genau angeschaut hätten und vollkommen begeistert waren. Jedenfalls hatte ich den beiden versprochen, eine E-Mail zu schreiben, mit der Frage, wann und wie sie sich das mal anschauen könnten. Der Lehrer/Trainer der Schwimmklasse hatte mich gleich am Tag darauf zurückgerufen. Er kannte Nikolas von Wettkämpfen und wollte ihn unbedingt haben. Nicht erst zur siebenten, sondern schon zur sechsten Klasse, also nach den Ferien. Dann musste alles sehr schnell gehen mit all den Dokumenten und Attesten, wobei ich nochmal meinen Beitrag leisten konnte, und eine Woche nach besagtem Picknick war Nikolas schon aufgenommen.
Der Flughafen Borispil in besseren Zeiten.
Über den verwaisten Flughafen in den Osten Kyjivs
Das musste gefeiert werden, aber es war nicht ganz klar, wo. Jevgeni und Ekaterina waren sich nicht sicher, ob sie die Ferien in Kyjiv verbringen sollten. Zu heftig war der russische Beschuss. Sie sind dann doch gefahren. Erst Jevgeni und Nikolas und gerade gestern war Ekaterina nachgekommen. Alle drei mit dem direkten Fernbus aus Berlin. Knapp 24 Stunden Fahrt.
Sie hatten mir ihren Standort geschickt. Die Wohnung lag im Osten Kyjivs jenseits des Dnipro, was sich gut traf, denn ich kam ja von Osten. Kurz vor Kyjiv passierte ich in Borispil den größten Flughafen der Ukraine, von wo aber schon lange kein ziviler Flieger mehr verkehrt. Solongo, Soana und ich hatten für das Frühjahr 2022 geplant, mit Ukraine International Airways in unser Herzensland nach Georgien zu reisen und uns bei der Gelegenheit für zwei, drei Tage in Kyjiv umzusehen. Es war dann anders gekommen…
Das Kyjiver Höhlenkloster und die Mutter-Heimat-Statue.
Kurz nach Mittag war ich da. Die Adressen in der Ukraine verwirren mich immer wieder, doch Jevgeni hatte mich unten auf der Straße aufgesammelt. Oben putzte Ekaterina gerade die Wohnung, weil sie unzufrieden war, wie die beiden Jungs sie in ihrer Abwesenheit hinterlassen hatten. Danach wurde zu Mittag aufgetischt. Jevgeni hatte Pilow vorbereitet, das usbekische Nationalgericht. Gesottener Reis mit Fleisch und Gemüse, zu dem Salat und allerlei Antipasti gereicht wurden.
Abstecher nach Bila Zerkwa
Beim Essen diskutierten wir die Pläne für den Tag. Jevgeni wollte es ruhig angehen lassen, denn er ist tatsächlich nicht mehr der Jüngste, doch ich versuchte sie zu einem Ausflug zu überreden. Ins 90 Kilometer südlich von Kyjiv gelegene Städtchen Bila Zerkwa, das in meinen Programmen als Zwischenstopp auf dem Weg nach Vinnytsa verzeichnet ist. Wenn ich das morgen machen würde, müsste ich erst nach Süden, dann wieder hoch nach Kyjiv und dann erst weiter Richtung Westen. Ich bettelte, dass heute noch viel Zeit sei und wir uns auch am Abend entspannen könnten. Schließlich willigten die beiden ein, während Nikolas aber zuhause bleiben wollte.
Die strahlend weiße Verklärungskathedrale von Bila Zerkwa.
Wir nahmen meinen Skoda und überquerten auf der langgezogenen Patona-Brücke den mächtigen Dnipro. Schöne Blicke auf das Kyjiver Höhlenkloster und die Mutter-Heimat-Statue. Dann immer geradeaus, bis die Schnellstraße in die Autobahn nach Odesa überging. An der Stadtgrenze von Kyjiv wurde kontrolliert, was immer einen leichten Stau verursacht. Danach kamen wir gut voran, standen nach etwas mehr als einer Stunde vor der weißen Kirche, die Bila (weiß) Zerkwa (Kirche) ihren Namen verliehen hat. Nächste Haltestelle war der schöne Stadtstrand am Ros, einem Nebenfluss des Dnipro. Während Jevgeni dort auf einer Bank ausruhen wollte, machten Ekaterina und ich einen kurzen Rundgang. Vom Khmelnyzkyj-Park zur Landwirtschafts-Uni und über den Burgberg und die Philharmonie wieder zurück. Am schönsten war es jedoch am Strand gewesen, wo mitten in der Großstadt ein ausgelassener Ferientrubel herrschte.
Strandspaß am Ros, einem Nebenfluss des Dnipro.
Letzter Stopp in Bila Zerkwa waren die alten Handelshallen, die aber schon bessere Tage hinter sich hatten und bis auf zwei Cafés leer standen. Danach ging es wieder zurück nach Hause, wo wir gegen 18 Uhr ankamen. Selbst Jevgeni musste zugeben, dass es nicht so schlimm gewesen war, Ekaterina war regelrecht begeistert und ich wurde nicht müde, mich zu bedanken, denn diese immense Zeitersparnis würde morgen enorm helfen.
Viel Fleisch und reichlich Whiskey
Zum Abend wollten sie mich unbedingt einladen, weshalb wir mit Jevgenis kleinem Auto in ein Nachbarschaftsrestaurant in der Nähe fuhren. Während Nikolas um die Ecke mit irgendwelchen Straßenjungs Basketball spielte, wurden uns Unmengen an Fleisch vorgesetzt. Tendenziell kaukasische Küche, aber mit zentralasiatischen Einflüssen. Jevgeni goss Ekaterina und mir einen Whiskey nach dem anderen ein und langsam gingen uns die Trinksprüche aus. Auf die Kinder, auf den Sport und darauf, dass wir uns spätestens 2030 auf der dann freien Krim wiedertreffen mögen…
Meine lieben Freunde Inna und Serjozha hatten es leider nicht mehr ins Restaurant geschafft.
Als Nikolas wieder da war, spielten wir noch eine Runde Billard, wobei der Tisch, die Kugeln und auch das Besteck äußerst gewöhnungsbedürftig waren und ich immerhin eine Ausrede für mein miserables Spiel fand. Es war ein schöner Abend, doch ich war ein wenig traurig, dass ich meine anderen Kyjiver Freunde Inna und Serjozha samt den beiden Töchtern nicht treffen konnte. Wir hatten noch versucht, sie ebenfalls zum Restaurant zu lotsen, doch sie waren über das Wochenende verreist. Serjozha schimpfte mit mir, dass ich mich nicht so kurzfristig ankündigen dürfe und ich gelobte Besserung für das kommende Jahr.
Ekaterina hatte mir eher beiläufig davon berichtet, dass die Inhaber des Restaurants erst vor kurzem ihren Jüngsten an der Front verloren hätten. Ich wusste nicht genau, was ich sagen sollte. Musste ich auch nicht. Sie verstand mich auch so. Es ist die brutale Normalität des Krieges. So war auch die Reise. Sommer, Sonne, Ferienspaß, Abenteuer, Freunde, doch immer wieder kommt ein kleiner Stich, der einem bewusstmacht, was hier eigentlich passiert.
Kharkiv, hier die Universität, ist weit mehr als nur ein Geheimtipp. Foto: Konstantin Brizhnichenko
Noch ein paar Tipps zum Schluss
Von Poltawa lässt sich in weniger als zwei Stunden Kharkiv erreichen, das mit seinen Parks, Kirchen, Jugendstilbauten, dem Erbe des Sowjetklassizismus und der lebendigen Clubszene ein touristisches Ziel ersten Ranges ist. Noch liegt die zweitgrößte ukrainische Stadt nicht in der Reichweite der russischen Artillerie, sodass ich eine Reise dorthin für vertretbar halte.
Der Krementschuker Stausee ist ein beliebtes Ferienziel. Besonders malerisch sind die vielen Inseln, wobei der zivile Schiffsverkehr auf dem Dnipro derzeit stark eingeschränkt ist.
Auf den Schnellstraßen in der Ukraine wird nicht geblitzt, allerdings steht die Polizei oft an den Fußgängerüberwegen, wo in der Regel auf 70 km/h heruntergebremst werden muss. Wird man herausgewunken, ist eine Einheitsstrafe von 600 Griwna, zwölf Euro, zu erwarten, die bestenfalls unmittelbar vor Ort per Kreditkarte beglichen wird. Um der Korruption vorzubeugen, darf die Polizei kein Bargeld mehr annehmen.
Blick über den Dnipro auf den Norden Kyjivs.



















