Zwei sonnige Tage in Tbilissi
Ich war mit meiner zehnjährigen Tochter Soana in den Osterferien nach Georgien gereist. Vom Flughafen Kutaissi über Gori nach Vashlovani in diesen herrlichen Nationalpark im östlichsten Zipfel des Landes. Dann weiter über das von deutschen Siedlern gegründete Bolnissi in die Hauptstadt Tbilissi, wo Soana bestimmen durfte, was läuft.
Der Kollege hier sähe wohl so aus wie ich.
Papa ist ein Esel
Die letzten Kilometer vor Tbilissi waren die Hölle gewesen, doch schließlich hatten wir es auf den Mtatsminda geschafft. Der Hausberg der georgischen Metropole erhebt sich direkt über der Innenstadt, hat auf seinem Gipfel einen ausgreifenden Kinderpark zu bieten und war seit jeher Soanas Lieblingsort in Georgien. Unser Rundgang begann im Streichelzoo, wo sie mit großer Freude allerlei Tiere fütterte. Anders als in den Jahren zuvor musste nun alles mit dem Handy dokumentiert werden. Bei Reisen an wiederkehrende Orte lässt sich gut nachvollziehen, wie verdammt schnell die Dinger groß werden. Besonders angetan war sie von diesem Esel, der ihrer Meinung nach genauso dämlich-traurig dreinblickte wie ihr Vater.
Die verschiedenen Fahrgeschäfte auf dem Mtatsminda teilen sich nach Altersklassen auf. Vorne, wo die Zahnradbahn ankommt, eher für kleinere Kinder, während es im hinteren Teil deutlich wilder wird. Gezahlt wird mit der Mtatsminda-Karte, die an den verschiedenen Eingängen an sogenannten Cash Boxes mit Geld aufgeladen werden kann. Ob ein Kind „groß genug“ für die jeweilige Attraktion ist, wird anhand von Metermaßen geprüft. Soana war mittlerweile qualifiziert für alles, denn selbst die Achterbahn mit ihrem Looping verlangte nur Minimum 1,50 Meter Körpergröße. Ich hatte große Lust, doch bei ihr war nichts zu machen. Sie traute sich nicht. Damit waren wir aber in einem Dilemma gefangen, denn die einen Sachen waren zu pillepalle und die anderen zu beängstigend, wobei uns dazwischen die Alternativen ausgingen.
Der Fernsehturm auf dem Mtatsminda.
Ein erster Russen-Konflikt
Lediglich die Geisterbahn war noch übrig. Nachdem die Arbeiter dort kurz brauchten, um ein technisches Problem zu lösen, waren wir die ersten in der Schlange. Soana wollte unbedingt ganz vorne Platz nehmen, was aber nicht funktionierte, weil irgend so ein Bengel sie wegschubste und sich selbst hineinsetzte. Also Wagen Zwei, wiewohl ich mir beim Ausstieg die Eltern vorknöpfen wollte, die ihrem Lausebub von unten so fröhlich zuwinkten. Russen natürlich, denn nicht nur der Kinderpark, sondern später auch die ganze Stadt schien fest in deren Hand. Russisch war hier oben deutlich häufiger zu hören als Georgisch. Gut, dass ich mein Dinamo Kyjiv-Trikot mit der ukrainischen Flagge trug. Wussten sie also gleich, mit wem sie es zu tun hatten. Sie hätten wohl schon vor uns bezahlt, sagte der Vater, worauf ich entgegnete, dass dies ja wohl keine Rolle spiele beim Anstellen in der Reihe. Soana war weise genug, ihren Papa wegzuziehen, doch immerhin konnte ich ein paar Beleidigungen loswerden. Beim Asia-Imbiss in der Nähe der Seilbahn trafen wir sie wieder, doch sie trollten sich schon, bevor wir überhaupt Platz nehmen konnten.
Soana durfte alles haben. Sushi, Eis, Bubble Tea, doch abseits des leiblichen Wohls war nicht mehr viel zu tun, weshalb wir langsam wieder zu unserem Auto liefen. Nicht jedoch, ohne zuvor die herrlichen Blicke von der Terrasse der Zahnradbahn, auf die sich unter uns ausbreitende georgische Metropole genossen zu haben.
Blick von der Terrasse der Zahnradbahn.
Das Auto durfte ruhen
Unser Hotel war nach einer kurvenreichen Talfahrt von etwa 20 Minuten erreicht. Wie fast immer in Georgien war ein Schild entweder nicht vorhanden oder aber kaum erkennbar. Ich hielt kurz, damit wir uns umschauen konnten, doch wir standen aus reinem Zufall schon direkt vor der Tür. An der Rezeption erwartete uns eine unfassbar süße Omi, die nicht aufhören wollte, Soanas Schönheit zu preisen. Weil wir beide das Laster des Rauchens teilten, gab sie uns das einzige Zimmer mit Balkon. Nur Umparken sollte ich noch, weil unser Mitsubishi in der Querstraße nebenan kostenfrei stehen könne. Also nochmal im Kreis und Parken am Berg. Danach freute ich mich auf die vor uns liegenden knapp anderthalb autofreien Tage. Nachdem ich das Gepäck nach oben gebracht hatte, war nach dem üblichen Anreisestress alles in Sack und Tüten. Selbst die Schmutzwäsche bin ich losgeworden. Für knapp 20 Lari bzw. sechs Euro lag sie am darauffolgenden Abend sauber, gebügelt und gefaltet vor unserer Tür.
Wie schon bei der letzten Reise hatte ich die Unterkunft im Norden Tbilissis gebucht. Dort, wo die große Uni nicht weit und die progressive Jugend zuhause ist. Das Zentrum wird mittlerweile von Heerscharen russischer Touristen heimgesucht, doch in unsere Ecke der Stadt verirrten sich nur wenige von ihnen. Schließlich prangten an jeder Hausecke ukrainische Flaggen, war auf tausenden Graffitos „Rashka Go Home“ und Ähnliches zu lesen.
Seit mehr als 500 Tagen wird jeden Abend gegen die gefälschten Wahlen vom Oktober 2024 protestiert. Foto: Jelger Groeneveld
Die Proteste dauern an
Wir mussten erstmal Geld tauschen, danach durfte Soana wieder bestimmen, was passiert. Ich hatte gelernt, dass die jungen Leute „Meggels“ zu Mac Donalds sagen, und genau dort wollte sie hin. In dieser Filiale direkt am Rustaweli-Platz fanden wir einen Fensterplatz im zweiten Stock und konnten das geschäftige Treiben unter uns beobachten. Soana ist ein Stadtmädchen. Ohne Frage. Der Trubel hier bereitete ihr deutlich mehr Laune als Wanderungen in irgendwelchen Nationalparks.
Nach dem Essen sahen wir, wie sich hunderte junge Menschen auf den Weg den Rustaweli-Boulevard hinunter zum Parlament machten. Seit mehr als anderthalb Jahren wird täglich gegen Wahlfälschung, Korruption, die Unterdrückung der freien Meinung und die Annäherung an Russland protestiert. Die Opposition blockiert noch immer das Parlament, weil die Wahlen im Herbst 2024 gesichert verschoben waren. Das hernach ausschließlich aus Regierungsabgeordneten bestehende Haus hatte in der Folge einen neuen Staatspräsidenten gewählt, der von der demokratischen Opposition konsequenterweise auch nicht anerkannt wird.
Die Residenz Iwanischwilis hoch über der Stadt. Foto: Alexxx1979
Hinter all dem steckt der Oligarch Bidsina Iwanischwili, der in den 1990er Jahren in Moskau zu sagenhaftem Reichtum gelangt ist und dort offenbar noch einige Verbindlichkeiten zu erfüllen hat. Er propagiert den Kampf für Gott und Vaterland, unterstützt aber offen genau jenen Feind, der seit mehr als 30 Jahren fast ein Viertel des georgischen Staatsgebietes besetzt hält. Irre, wenn Iwanischwili und seine Getreuen die Opposition des Vaterlandsverrats bezichtigen. Das haben die in Moskau gelernt. Einfach nur oft genug sagen, dass schwarz weiß und oben unten ist, dass man sowieso nichts genau weiß und eigentlich doch jeder lügt. Und schon ist nichts mehr sicher, gibt es nur noch Meinungen und keine Fakten mehr. Ich hoffe sehr, dass Georgien sich gegen den stetig aus dem Norden hereintreibenden Schimmelbefall behaupten kann. Aktuell sieht es leider nicht gut aus.
Ich hätte mich zu gern angeschlossen, doch mein Freund Davit hatte mir das ausdrücklich verboten. Kein Ort für Soana und auch für mich nicht, solange ich mich um sie kümmern müsse. Denn nicht nur die Polizei sei das Problem, sondern auch die von der Regierung bezahlten Schlägerbanden, die keinen Unterschied machten, ob man Ausländer sei oder ein Kind an der Hand hätte.
Das Blaue Kloster im Vera-Park.
Papa musste tanzen
Außerdem war ohnehin Soana-Zeit und so liefen wir in die entgegengesetzte Richtung durch die von etlichen Bars gesäumte Akhvlediani-Straße zum Blauen Kloster und weiter in den herrlichen Vera-Park mit seinen schönen Ausblicken auf das Zentrum und das Gründerzeitviertel Marjanishvili am anderen Ufer der Kura. Auf dem Weg zurück ins Hotel streiften wir noch ein wenig durch die Straßen. Hier hatten sich mittlerweile etliche gute Restaurants und Bars etabliert. Morgen wollten wir ausgehen, doch heute Abend optierte Soana fürs Hotel und Handyzeit auf dem Zimmer. Später am Abend wollte sie doch noch einmal los. Die liebe Omi hatte uns wissen lassen, dass wir die Terrasse auf dem Dach keinesfalls verpassen sollten. Und tatsächlich boten sich fantastische Aussichten hinunter auf das Lichtermeer der Metropole und hinauf auf den Mtatsminda, wo der Fernsehturm und das Riesenrad angestrahlt wurden und später ausgiebige Feuerspiele gezündet wurden. Und weil Soana noch immer bestimmen durfte, musste Papa mit ihr vor dieser Kulisse verschiedene Tänze aufführen, wurde dabei auch noch gefilmt.
Tanzen auf dem Dach.
Eine Seilbahn nur für den Oligarchen
Soana durfte immerhin bis 9:30 Uhr schlafen. Unten wartete die liebe Omi im Frühstücksaum, der mit all den herrschaftlichen Möbeln und dem erlesenen Geschirr ähnlich antik eingerichtet war wie die Unterkunft in Bolnissi zuvor. Allerdings bei weitem nicht so dunkel und schwer. Leider aber konnten wir nicht so recht zuordnen, was uns da kredenzt wurde, beließen es bei Toast mit Schinken und schoben es der Omi gegenüber auf den fehlenden Hunger. Ihre Aura machte Vieles wett, doch Sauberkeit war ein Problem, allerdings klein genug, um es für diese eine folgende Nacht nicht auch noch ignorieren zu können. Schlimmer war, dass unsere Matratze völlig durchgelegen war und ich nicht sehr gut geschlafen hatte. In der kommenden Nacht wollten wir die Seiten tauschen, was dann auch half.
Eigentlich wollten wir sofort auf den Mtatsminda. Die Seilbahn hinauf war erst im vergangenen Jahr eingeweiht worden, verbindet die Metrostation Rustaweli mit dem Kinderpark, bietet somit eine Alternative zur historischen Zahnradbahn, die vom westlichen Ende der Innenstadt auf den Berg führt. Die neue Seilbahn sollte aber erst um 11 Uhr öffnen, weshalb wir zunächst den Rustaweli-Boulevard hinabliefen, um vom Freiheitsplatz mit der Metro zurückzufahren. Auf halber Höhe passierten wir das Parlament, wo abgesehen von einigen ukrainischen Flaggen kaum mehr etwas an die Demo des gestrigen Abends erinnerte. Am Freiheitsplatz überraschte mich, dass von dort eine weitere Seilbahn verkehrte, die ich auch noch nicht kannte. Ein Tourguide erklärte mir, dass die aber nicht öffentlich sei und nur dazu diene, etwaige Konferenzgäste von einem 5-Sterne-Hotel mitten im Zentrum hinauf zu Iwanischwilis modernem Palast zu bringen, der weithin sichtbar über Tbilissi thront. In etwa so, als wenn die Familie Quandt oder sonstwer komplett die Union kontrollierte und sich eine exklusive Seilbahn vom Brandenburger Tor zum Kanzleramt bauen würde. Der Vergleich hinkt nur, weil die Quandts eine von vielen sind und Berlin keine Berge hat.
Hier vor dem Parlament wird seit Oktober 2024 jeden Abend protestiert.
Der Kerl hat jedes Maß verloren. Allen Interessierten empfehle ich den Dokumentarfilm „Taming the garden“. In sanften, ruhigen Bildern wird gezeigt, wie die schönsten, größten und ältesten Bäume des Landes in den Garten eines Milliardärs am Schwarzen Meer gebracht werden, wie zu diesem Zweck eigens etliche Straßen gebaut werden. Der Name wird nicht genannt, doch es ist Bidsina Iwanischwili. Sein Nachname bedeutet im Übrigen „Sohn des Iwan“ – nomen est omen.
Nochmal der Kinderpark
Die Metros im postsowjetischen Raum sind mit ihren polternden Zügen eine Attraktion für sich – so auch in Tbilissi. Den Zugang bilden ellenlange Rolltreppen, die in tiefste Tiefen hinabführen. Und zwar mit erheblicher Geschwindigkeit, was Soana bislang immer große Angst bereitete, sodass ich sie stets tragen musste. Auch dies gehört der Vergangenheit an. Auf ihr Handy glotzend, stapfte sie wie selbstverständlich hinauf. In Rustaweli sahen wir schon, wie sich die Kabinen über uns bewegten. Auf der Mtatsminda-Karte war noch genug Guthaben für uns beide drauf, sodass wir gleich durchmarschieren konnten. Mit uns fuhr ein junger Schweizer, der zum ersten Mal in Tbilissi weilte und dem ich den einen oder anderen Tipp geben konnte.
Blick von der neuen Seilbahn auf den Norden der Stadt.
Oben durfte Soana mit dem Luftgewehr auf Scheiben, mit Pfeilen auf Luftballons und mit Bällen auf Dosen schießen. Alles genauso erfolglos wie unsere Versuche am Basketballkorb. Anschließend gab es Eis und Bubble Tea, die Sonne schien, doch irgendwie waren wir durch mit Mtatsminda. Zum Abschluss wollten wir mit dem Riesenrad fahren, das uns gestern auf der Hotelterrasse so schön angestrahlt hatte. Unterhalb gab es einen Bereich, wo riesige Liegen aufgestellt waren und man in der Sonne herrliche Blicke auf den Norden Tbilissis genießen konnte. Hier warteten wir darauf, dass sich das Ding endlich in Bewegung setzte. Ich erkundigte mich bei zwei jungen Mädels, die neben dem Riesenrad einen kleinen Touri-Foto-Stand betrieben, doch die sangen mir mit schelmischem Grinsen nur „Que Sera“ vor – whatever will be, will be. Dann ließen sie sich doch erweichen, sagten „ten minutes“ und checkten gleich meine Guthabenkarte, die ich unten an der Cashbox nochmal aufladen müsse.
Auf dem Weg zurück wurde ich bedrängt von den ganzen Russen, die mit uns an den Liegen warteten und nach Infos gierten. Es kotzt mich an, wie die mit aller Selbstverständlichkeit losbrabbeln, ohne auch nur auf die Idee zu kommen, dass man ihrem Idiom womöglich nicht mächtig sein könne. Ich ließ sie auf Russisch wissen, dass ich in dieser Dreckssprache nicht kommunizieren werde und dass sie gefälligst Englisch reden sollen, wenn Sie was von mir wollten. Zumindest ein Gamarjoba (Georgisch für „Hallo“) oder Вы говорите по-русски? (Sprechen Sie Russisch?) hätte doch drin sein können. Meine Reaktion wäre in diesem Fall eine andere gewesen.
Überdimensionale Liegen mit schönen Blicken auf den Norden der Hauptstadt.
Zu Fuß hinunter in die Stadt
Es dauert eine knappe Viertelstunde, bis man sich einmal gedreht hat. Angesichts der grandiosen Aussichten ist das Riesenrad auf dem Mtatsminda ein Muss für jeden Reisenden – zumindest bei gutem Wetter. Wir besuchten danach noch ein süßes Wachsfigurenmuseum und nahmen anschließend den Weg zu Fuß hinunter in die Stadt. Auf halber Höhe werden im Pantheon von Tbilissi die Geistes- und anderen Größen Georgiens geehrt. Bis 1990 waren es üblicherweise die hohen Parteikader, die hier bestattet wurden. Danach wurden sie entfernt und durch „echte Helden“ ersetzt. Lediglich Stalins Mutter darf noch immer hier liegen. Mal schauen, ob sich das alles wieder ändert. Ganz rechts auf dem Gelände war das Grab von Sviat Gamsakhurdia mit allerlei Blumen geschmückt. Der erste Präsident des freien Georgiens war 1993 von KGB-Agenten ermordet worden.
Das Pantheon von Tbilissi.
Unten kamen wir in der Neustadt an, wo wir im hübschen Radio Café Rast machten. Soana stimmte einem kurzen Stadtrundgang zu. Unter der Bedingung, dass sie dabei regelmäßig allerlei Wünsche erfüllt bekommt. Über den Orbeliani-Park ging es in die Altstadt und an der Sioni-Kirche vorbei zur Synagoge. Kurz ein Doughnut und ein Bubble Tea und schließlich auf die andere Seite der Kura zur Metekhi-Kirche und in den Rike-Park. Es war kaum zu ertragen. Überall nur dieses Volk. Ein älteres deutschen Pärchen, doch ansonsten nur die… 90 Prozent plus. Die Atmosphäre in Tbilissi hatte sich im Vergleich zu den Jahren zuvor derart eklatant verändert, dass es mich richtig traurig machte. Bis 2024 hatte Putin noch Direktflüge nach Georgien verboten, um das Land für seine angeblich russophobe Haltung mit dem Entzug von Touristen zu bestrafen. Heute fallen sie in Heerscharen ein und schrecken andere ab, die nun nicht mehr kommen. Erst vor kurzem hatte mich einer meiner Gäste Folgendes wissen lassen. „Alles gut, vielen Dank. Schönes Land. Guter Service, doch wenn ich mich wie in Russland fühlen will, kann ich auch gleich nach Moskau fliegen.“ Auch die Guides etc. auf der Straße preisen ihre Leistungen nur noch auf Russisch an, was ich mir zwar regelmäßig verbat, bei dieser massiven Präsenz aber auch irgendwie logisch ist.
Doughnut mit Dubai-Schokolade und dazu ein Matcha Latte.
Seilbahn zur Mutter Georgien
Egal. Hauptsache, Soana war glücklich. Wir beschlossen, die Seilbahn hinauf zur Nariqala-Burg und zur Mutter Georgien zu nehmen. Am Tickethäuschen wollte ich checken, ob meine ÖPNV-Karte noch ausreichend Guthaben hatte, doch die Dame blaffte mich nur an. Ein Lar fehle und ob ich den nicht schneller rausrücken könne. Das passierte nicht das erste Mal auf dieser Reise, in den Jahren zuvor aber fast nie. Die Stimmung hatte sich erkennbar gedreht. Kein Aufbruch mehr, eher Frust und Zynismus. Oben an der Bergstation spielte ein Opi auf dem Akkordeon abwechselnd die ukrainische Nationalhymne und das Volkslied Chervona Kalyna. Soana wollte ihm ein paar Lari geben, doch er lehnte ab. Er sei hier nicht zum Gelderwerb, sondern wolle den ganzen Russen nur gehörig auf die Nerven gehen.
Wir latschten von der Mutter Georgien hinunter ins Sololaki-Viertel und weiter zum Freiheitsplatz. Da und dort zeigte ich Soana, wo wir mal gewohnt, wo wir seinerzeit ihre mittlerweile gute Freundin Hannah zum ersten Mal getroffen oder in welchen Restaurants wir gegessen hatten. Sie konnte sich nicht an alles, aber doch an erstaunlich Vieles erinnern.
Die nächste Seilbahn. Dieses Mal hoch zur Nariqala-Burg und zur Mutter Georgien.
Nochmal tanzen
Der nächste Punkt auf Soanas Liste war Shopping und so kehrten wir bei New Yorker und H&M ein, kauften ein Oberteil, ein Täschchen für die Dame und eine Wimpernzange. Anschließend zog es mich in den weitgehend russenfreien Norden der Stadt. Ich erinnerte mich an ein Restaurant, an dem wir gestern vorbeigelaufen waren und das gute Vibes ausgestrahlt hatte. Das Giorgobistve war die perfekte Wahl. Ein wunderschöner Garten im Souterrain etwas unterhalb der Straße, schmackhaftes Essen und ein regelrecht fröhlicher Service. Unser Kellner hatte ein Berlin-Shirt an, was Soana erfreute und uns daran erinnerte, wo wir bald wieder sein würden.
Am Abend musste ich wieder aufs Dach, um vor prächtiger Kulisse Tänze aufzuführen. Der Seitentausch auf der Matratze hatte geholfen oder es war nur der georgische Wein, der mich schlafen ließ.
Die historische Mtatsminda-Zahnradbahn.
Noch ein paar Tipps zum Schluss
Auf den Mtatsminda kann man mit der Zahnradbahn und der Seilbahn gelangen. Auch ein Bus fährt die Serpentinen hinauf. Eine weitere Möglichkeit sind die vielen Uber-, Bolt- und Yandex-Taxis. Hinunter empfehle ich meinen Gästen stets die eigenen Füße. Mit der Mutter Georgien, dem Rustaweli-Boulevard und dem Vera-Viertel im Norden der Stadt lassen sich auf verschiedenen Wegen weit voneinander entfernt gelegene Quartiere erreichen. Und immer mit fantastischen Blicken.
Die Fahrgeschäfte drehen sich nur bei Bedarf. Das muss man wissen, denn sonst geht man womöglich davon aus, dass die geschlossen sind. Sind sie aber nicht, sondern warten nur auf Kundschaft.
Vor 12 Uhr mittags braucht man nicht auf dem Berg zu sein. Dafür geht der Trubel bis spät in den Abend.
Wie in vielen anderen Metropolen hat sich auch in Tbilissi mittlerweile eine ÖPNV-Guthabenkarte etabliert, die an den Bezahlschranken der Metro oder aber in Bus und Marschrutka präsentiert werden muss. Sie ist an den Ticketschaltern der Metrotationen zu haben und kostet nur 1 Lar. Auch einige Seilbahnen sind im System inkludiert, allerdings nicht jene auf den Mtatsminda. Für die wie auch für die Zahnradbahn wird die gesonderte Mtatsminda-Card benötigt.
Tbilissi besitzt nach wie vor eine bemerkenswerte kreative Szene mit Bars, Clubs und Restaurants von Weltniveau. Das Bassiani beispielsweise gilt mittlerweile als das kaukasische Berghain. Nicht zuletzt haben sich etliche queere Venues etabliert. Allen Partygängern sei empfohlen, einfach nördlich des Rustaweli oder jenseits der Kura zu bleiben und die Innenstadt zu meiden.



















