Über das malerische Wolhynien zurück nach Berlin

Wie jeden Sommer seit Beginn des russischen Vernichtungskrieges war ich auch dieses Jahr wieder in die Ukraine gereist. Vollbeladen mit Hilfsgütern, aber auch mit dem Ziel, die touristische Infrastruktur zu erkunden. Seit Herbst vergangenen Jahres lassen sich bei Ostwärts Reisen Touren in die Ukraine buchen und weil ich damit werbe, jeden einzelnen Programmpunkt aus eigenem Anschein zu kennen, gab es noch ein paar Leerstellen zu füllen. Ich war bereits einen langen Weg gekommen. Von Galizien über das podolische Hügelland in die Steppen des Südens, weiter ins herrliche Poltawa und schließlich zu Freunden nach Kyjiv. Nun ging es wieder zurück nach Berlin, allerdings nicht ohne mir vorher den Nordwesten des Landes zu erschließen. Die Region Wolhynien mit ihren Wäldern, Flüssen, Klöstern, dem Oblastzentrum Luzk und einem erstaunlich vielfältigen kulturellen Erbe.

Abschied von Kyjiv

Ich war bei Freunden untergekommen, wurde den Abend zuvor fürstlich bewirtet, hatte aber angesichts der Hitzewelle, die aus Mitteleuropa ins Herz der Ukraine herübergeschwappt war, nur dürftig geschlafen. Als ich halb sieben Uhr wach wurde, versuchte ich mich heimlich davonzumachen, doch das hatte nicht funktioniert. Unmittelbar nach mir waren auch die anderen auf den Beinen. Nicht nur um mich zu verabschieden, sondern vor allem, weil der Sohn Nikolas zum Schwimmtraining musste. Auch in den Ferien waren täglich vier Stunden im Becken angesetzt, hatten sein Papa Jevgeni und seine Mama Ekaterina ihm hier in Kyjiv einen privaten Trainer organisiert. Man darf gespannt sein, ob und, wenn ja, für welches Land Nikolas in den kommenden Jahren nach Edelmetall tauchen wird.

Zum Abschied machten wir keine großen Worte, denn wir würden uns nach den Ferien in Berlin bald wiedersehen.

Bei der Ausfahrt aus Kyjiv hatte mich Google.maps noch einmal am Bessarabischen Markt vorbeigeschickt.

Ich startete den Skoda, querte noch einmal den Dnipro und wurde von Google.maps im Anschluss ein Stückchen durch das Zentrum der ukrainischen Hauptstadt geführt. Vorbei am Bessarabischen Markt, an der Uni und der Kathedrale des heiligen Wolodymyr. Ich fürchtete mich ein wenig vor dem Berufsverkehr an diesem Montagmorgen, hatte aber schon wieder Glück und kam ungeschoren durch. Laut Google.maps sollte ich über drei Stunden bzw. 230 Kilometer auf der stringent nach Westen führenden Schnellstraße bleiben.

Selbst in der Ukraine ein Geheimtipp

Bei dem Ort Novohrad Wolynski überquerte ich den kleinen Fluss Sludsch, was mir das erste Tagesziel in Erinnerung rief. Die Schweiz am Sludsch bzw. Nadsljudzhanska Shwitseria sei nämlich ein beschauliches Tal mit herrlichen Flussschleifen, Granitfelsen, süßen Dörfchen und lieblich bunten Holzkirchen, hatte ich so oder so ähnlich im Ukraine-Buch meines Kollegen Peter Koller gelesen. Eine besondere Empfehlung, die selbst in der Ukraine kaum jemand kannte und die ich als Zwischenstopp auf dem langen Weg zwischen der Westukraine und Kyjiv auserkoren hatte.

Die Auen des Sludsch.

Runter von der Schnellstraße zu müssen, ist immer nicht schön, denn je weiter man sich entfernt, desto schlimmer wird es. So auch hier. Bis Chizhyvka ging es noch, doch dann sollte ich über 30 durchlöcherte Kilometer dem Ostufer des Sludsch folgen. Bis Horodnyzia, wo es über eine Brücke wieder auf die andere Seite ging und richtig lustig wurde. Der Weg, den mir Google.maps wies, endete in einer Mischung aus Sandwüste und Mondlandschaft. Das konnte ich vergessen. Ich stand kurz vor der Aufgabe, wollte aber zumindest noch jemanden am Wegesrand gefragt haben. Viel Auswahl bot sich nicht, denn der einzige Mensch weit und breit war ein burschikoses Mütterchen, das gerade herzhaft in eine rohe Zwiebel gebissen hatte, als ich sie fragte, ob sie Englisch oder Russisch verstünde. „Ukrainisch“, lautete die Antwort, wobei große Stücke der Zwiebel wieder aus dem Mund flogen. In letzter Verzweiflung bellte ich mehrfach den Namen meines Zielortes Marynyn, den ich offenkundig so falsch aussprach, dass sie mich erst beim zehnten Mal verstand. „Ah Marynyn“ (gänzlich andere Aussprache denken). Ja. Da müsse ich rechts in den Sandweg und dann käme ich schon hin. Ich wies auf meinen Skoda und fragte, ob der das mitmachen würde, doch sie zuckte nur mit den Achseln und deutete gen Himmel.

Brücke bei Ustya.

Mein heldenhaftes Auto

Vorhin schon hatte ich an dieser Gabelung gestanden und war nach links gefahren. Nun also rechts, wobei Google,maps nicht mehr wusste, wo wir waren. Auf dem Display konnte ich lediglich erkennen, dass wir uns dem Fluss näherten. Der Weg wechselte zwischen tiefstem Sand und unterspültem Waldboden mit riesigen Verwerfungen. Ich hatte große Angst, wusste aber auch nicht, wie ich hier wenden sollte. Nach anderthalb Kilometern war ein Weiler erreicht, der aus einer Handvoll verlassener Hütten bestand und bald endete. Den nächsten Menschen traf ich erst im nächsten Dorf namens Ustya. Ein Bauer auf seinem Pferdekarren. „Marynyn. Ja.“ Da müsse ich über diese kleine Brücke und dann rechts. Ich kam auf eine Straße. Zwar auch nur grobes Kopfsteinpflaster, aber wieder Zivilisation. Mein kleiner Skoda ist eine Heldin.

Blick vom Zarenhügel.

Vom Sludsch hatte ich noch nicht viel gesehen und so wollte ich mich in Ustya seinem Ufer nähern. Aus reinem Glück fand ich über einen Sandweg eine kleine, sehr abenteuerliche Brücke, von der sich vortreffliche Fotos schießen ließen. Auch im nächsten Dorf hatte ich wieder Glück, weil mich ein ebenso wilder Sandweg auf den sogenannten Zarenhügel hoch über dem Fluss führte. Mit herrlichen Blicken. Im Lauf der Fahrt war es spürbar touristischer geworden, hatte ich zwischendrin ein paar Urlauber beim Kajak-Ausflug getroffen und auch an den Zarenhügel war ein Gasthaus angeschlossen.

In meinem Ukraine-Reisebuch hatte gestanden, dass sich der Kernbereich des Naturparks zwischen den Dörfern Marynyn im Osten und Hubkiv im Westen erstreckte und genau hier fuhr ich gerade durch, natürlich immer gewillt, einen Abzweig hinunter zum Fluss zu entdecken. Der erste brachte mich zu einem Gasthaus namens Chan, welches offenbar gerade erst eröffnet hatte. Ich fragte einen Mann, ob er der Besitzer sei, was er bejahte, woraufhin ich ihm meine Karte gab. Er schien verwundert ob des unangemeldeten Besuchs, aber er würde sich später am Tag noch einmal an mich erinnern.

Dorfkirche in Hubkiv. Foto: любком

Viel zu wenig Zeit in dieser fantastischen Landschaft

Den nächsten Versuch unternahm ich an einer Art Forsthaus. Die Einfahrt war zwar verboten, doch ich bin nur ein dummer Ausländer und kann nicht lesen. Auch hier stellte ich mich als Reiseveranstalter aus Deutschland vor, was einen Ranger in wilde Aktion versetzte. Ich möge ihm in meinem Auto zu einem weiteren Forsthaus folgen und dort auf seinen Kollegen warten. Mir wurden Kaffee und Kuchen kredenzt und der Kollege kam auch bald, sprach sogar ein wenig Deutsch. Zusammen fuhren wir auf die andere Seite des Flusses, wo gegenüber des Granitfelsens Sokolnye Hory (Falkenberge) eine riesige Ferienanlage entstanden war, deren Besitzer ich vorgestellt und wo ich stolz herumgeführt wurde. Unten am Fluss gab es eine herrliche Beach und an jedes der edlen Ferienhäuser waren ein Pool und eine gemütliche Grillecke angeschlossen.

Beach gegenüber des Granitfelsens Sokolnye Hory (Falkenberge).

Die lieblichen Auen des Sludsch hatten Potential. Ich hätte noch viel länger bleiben, mir noch viel mehr anschauen können, doch ich musste auf die Zeit drängen. So schön es war, wollte ich doch zurück auf die Schnellstraße, einen zweiten Zwischenstopp erkunden und schließlich nach Luzk an den Zielort des Tages. Es war schon Nachmittag.

Der freundliche Ranger brachte mich zurück zu meinem Auto, allerdings nicht ohne mir vorher noch die Aussicht auf die Burgruine von Hubkiv zu zeigen und mir ein Glas leckeren Honigs zu schenken. Danach führte er mich und meinen Skoda noch zum richtigen Abzweig, denn mein WLAN-Signal funktionierte hier nicht.

Die Burg von Hubkiv. Foto: Rbrechko

Zum Tunnel der Liebe

Ich wusste nicht, was mich in der Schweiz am Sludsch so alles erwarten würde, hatte nicht damit gerechnet, dass es so lange dauert, wollte mein Tagesziel aber nicht aufgeben, zumal ich in Luzk verabredet war, um meine letzten Hilfspakete abzugeben. Also Gas geben. Was ich auf den 30 durchlöcherten Kilometern bis zur Schnellstraße meinem Skoda angetan habe, tut mir bis heute leid. Andererseits bin ich reichlich stolz darauf, sämtliche Einheimischen abgehängt zu haben.

Der Tank war fast leer. Auf den Nebenstraßen zur Schweiz am Sludsch hatte ich keine Tankstelle gesehen, doch auf der Schnellstraße reihte sich eine an die andere. Nachdem das erledigt war, musste ich durch das Oblastzentrum Riwne mit seinen knapp 250.000 Einwohnern. Im Städtchen Klewan 25 Kilometer nordwestlich davon war dann das zweite Ziel des Tages erreicht.

Tunnel der Liebe beim Städtchen Klewan.

Und zwar die Trasse einer Kleinbahn, die derart kreisrund umwuchert ist, dass sie unter dem Namen „Tunnel der Liebe“ zu einer Touristenattraktion geworden war. Ich musste schon deshalb dorthin, weil ihr Bild auf dem Cover meines Ukraine-Buches prangte, welches mich die gesamte Reise über begleitete. Tatsächlich äußerst romantisch und dankenswerterweise nur ein kleiner Umweg.

Die letzten Hilfspakete

Ich sprang aus dem Auto, rannte für ein paar Meter in den Tunnel hinein, schoss Fotos und raste weiter nach Luzk, in die Hauptstadt der Oblast Wolhynien im äußersten Nordwesten der Ukraine. Gut, dass sie mich hier nicht erwischt haben, denn ich war mit knapp 160 Sachen auf der holprigen Landstraße unterwegs. Als sich an einem Bahnübergang ein Stau ankündigte, fuhr ich im Gegenverkehr an der Schlange vorbei, merkte, dass dort keine Schranke war, sondern nur das Licht blinkte und weit und breit kein Zug zu sehen war. Also schnell rüber, wobei andere es mir nachtaten.

Hier bin ich meine letzten Pakete losgeworden.

In Luzk hatte mir eine Larissa ihren Standort übermittelt, den ich so gegen 18:30 Uhr erreichte. Sie betrieb eine Werkstatt für Menschen mit Down-Syndrom und engagiert sich darüber hinaus für den ukrainischen Widerstand. Ich lud also meine restlichen Pakete aus, ließ noch schnell ein Foto über mich ergehen und verabschiedete mich wieder. Witzig war, dass der Weitertransport vom Inhaber des Chan-Gasthauses koordiniert wurde, den ich ein paar Stunden zuvor am Sludsch getroffen hatte und dem ich meine lieben Grüße ausrichtete.

Für die Nacht hatte mir Larissa das zentral gelegene Hotel Ukraina empfohlen. Dort angekommen, machte mich am Parkplatz ein Passant darauf aufmerksam, dass meine Kofferraumklappe offenstand und ich den letzten Kilometer von Larissa zum Hotel offenkundig auf diese Weise zurückgelegt hatte. Ich war durch den Wind, doch immerhin klappte der Check-in problemlos, sodass ich mich im Anschluss auf eine Tour durch die Stadt begeben konnte. Wie immer im Laufschritt.

Die Dreifaltigkeitskirche im Zentrum von Luzk.

Die Perle Wolhyniens

Luzk ist mit seinen 220.000 Einwohnern die einzige größere Stadt in der ansonsten ländlich geprägten Oblast Wolhynien. Das Zentrum gliedert sich in Burgberg und Altstadt im Süden sowie die Neustadt im Norden mit ihren gründerzeitlichen Wohnbauten und dem sowjetisch geprägten Theaterplatz, an den auch mein Hotel anschloss.

Stadtpark und im Hintergrund die Universität.

Nach einem kurzen Blick ins Buch und auf Google.maps hatte ich mir eine große Runde vorgenommen. Erst das Theater und die prächtige Dreifaltigkeitskirche, dann in Richtung Osten zur Universität, um dort rechts in den Stadtpark abzubiegen und diesen bis zum beschaulichen Fluss Styr zu durchqueren. Nun hoch zur Liubart-Burg, wo ich kurz vor Schließung gerade noch rechtzeitig ankam und neben der sich auf dem Schlossplatz gerade ukrainische Patrioten versammelten. Larissa hatte mir vorhin erzählt, dass heute ein Bus mit Rückkehrern aus russischer Gefangenschaft erwartet werde, was mir nach all den Prozessionen für tote Kämpfer als tröstlicher Gedanke erschien. Auch Larissas kleine Werkstatt war nicht weit. Ich schaute kurz vorbei, doch alle waren schon ausgeflogen.

Am Platz vor der Liubart-Burg wurden Rückkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft erwartet.

Stattdessen besuchte ich die vielen hübschen Gotteshäuser, die die religiöse Vielfalt verdeutlichen, die hier einstmals geherrscht haben muss. Die Choral-Synagoge, das Dominikaner-Konvent, die protestantische Lutherkirche, die katholische Peter-und-Paul-Kirche sowie die orthodoxe Heilig-Schutz-Kirche. Mit ein wenig Farbe und Putz könnte der Burgberg durchaus was hermachen. Zumal er sich schön über einer Schleife des Styr erhebt und einige Renaissance-Bauten erhalten sind.

Alt- und Neustadt sind durch eine langgezogene Fußgängerzone verbunden, in der ich dringend Geld tauschen und mir ansonsten, ebenso dringend, was zum Essen suchen wollte. Das Hradnyy-Restaurant neben der Kathedrale kann ich sehr empfehlen, auch wenn sich die anderen Gäste darüber lustig machten, wie ich am Tisch fast eingeschlafen bin. Dieser Tag war der heftigste von vielen heftigen gewesen, doch ich hatte es geschafft und war auf der Zielgeraden angekommen.

In der Luzker Fußgängerzone.

Der letzte Tag

Ursprünglich hatte ich geplant, direkt von Luzk wieder nach Berlin zu fahren, doch das wurde aus verschiedenen Gründen verworfen. Erstens hatte ich am Übergang Ustyluh 90 Kilometer westlich von Luzk schonmal acht Stunden gestanden und wollte da nicht wieder hin. Zweitens erschien mir die Idee romantisch, an den Lauf des jungen Dnister zurückzukehren und den Kreis schon in der Ukraine zu schließen. Weniger romantisch, mehr pragmatisch, versprach ich mir davon eine schnelle Grenzquerung, denn als ich reingekommen war, hatte an diesem Übergang auf ukrainischer Seite nur eine Handvoll Autos gestanden. Drittens musste ich noch drei Hausaufgaben erledigen, die allesamt auf dem Weg nach Lemberg lagen, von wo es nicht mehr weit war zum Dörfchen Stary Sambir, in dem ich gestern über Booking die letzte Unterkunft gebucht hatte.

Im Mariä-Entschlafens-Kloster von Pochaiv.

Ein spektakulärer Pilgerort

Mein Freund Jevgeni hatte mir das Mariä-Entschlafens-Kloster von Pochaiv als Attraktion ersten Ranges ans Herz gelegt. Irgendwie war es mir bislang durchgegangen, doch nach einem Blick in mein Ukraine-Buch war ich überzeugt, dass es in meinen Programmen unbedingt ergänzt werden muss. Ein schier überwältigendes Ensemble, welches sich knapp hundert Kilometer südlich von Luzk aus einer weiten Hügellandschaft erhebt und schon bei der Anfahrt zu beeindrucken weiß.

Die Hauptkirche des Klosters.

Ich stellte meinen Skoda am zentralen Platz ab und machte mich auf den Weg. Der Zugang war umsäumt von den Mühseligen und Beladenen, die um eine kleine Spende baten. Hinter dem Eingangstor führten Treppen zur prächtigen Hauptkirche. Es war erst 9 Uhr am Vormittag, doch im Gegensatz zu allen anderen Klöstern auf meinen bisherigen Wegen durch die Ukraine wimmelte es nur so von Menschen. 90 Prozent davon waren weiblich und ich erinnerte mich daran, dass Jevgeni mir erklärt hatte, dass hier vor allem Frauen mit Kinderwunsch für ihre Fruchtbarkeit beteten.

Ich lief alles einmal ab, war begeistert von der Pracht der Kirchen, der fantastischen Aussicht, aber vor allem von der energiegeladenen Atmosphäre. Scheinbar auch ein wichtiger Pilgerort war, denn in etlichen Gebäuden hatten ISO-Matten und Rucksäcke ausgelegen und schon bei der Anfahrt waren größere Gruppen mit Wanderstöcken und Kopftüchern unterwegs gewesen.

Ich ließ mich von all der Spiritualität anstecken und kaufte mir ein Fläschchen dieses heiligen Wassers, an dem mich an diesem heißen Tag erlaben wollte.

Pilgerinnen beim Gebet.

Joseph Roths Brody

Das zweite Zwischenziel des Tages war nach nur knapp 40 Minuten ab Pochaiv erreicht. Die Kleinstadt Brody mit ihren heute knapp 25.000 Einwohnern und dem reichen jüdischen Erbe. Nicht zuletzt Geburtsort des großen Literaten Joseph Roth, der sich in seinen Werken auf den Alltag der vorbeiziehenden jüdischen Händler bezog. Leider hatten die Nazis kaum etwas übriggelassen. Die große Synagoge war nur noch eine Ruine und der einstmals prächtige jüdische Friedhof verwitterte auf einem Feld nördlich der Stadt. Interessant war aber, dass er mit seinen hohen Grabstelen dem Architekten Peter Eisenman als Inspiration für das Berliner Holocaust-Mahnmal gedient hatte.

Die Ruine der alten Synagoge von Brody.

Zurück in der Innenstadt wollte ich mir im üblichen Laufschritt das Zentrum erschließen. Also vom Markt über die als Fußgängerzone gestaltete Zolota-Straße zum Freiheitsplatz mit dem Rathaus. Es war gerade 12 Uhr und aus dem hübschen Uhrturm kam die Figur eines in ukrainischer Tracht gekleideten Trompeters heraus und spielte die Nationalhymne. Das war sehr schön und es hatten sich auch einige repräsentative Bauten aus der Gründerzeit erhalten, doch insgesamt gab Brody für meinen Geschmack nicht allzu viel her, lohnt einen Zwischenstopp auf dem Weg von Lemberg nach Luzk, aber nicht mehr.

Die zentrale Zolota-Straße in Brody.

Quer durch Lemberg

Nur 20 Kilometer südlich von Brody erhob sich das Schloss Pidhirtsi über der weiten Ebene, war aber leider geschlossen, sodass ich es nur vom Zaun aus kurz ablichten konnte. Immerhin stand daneben die prächtige Josefskirche aus dem 18. Jahrhundert mit ihren großartigen Wandfresken.

Ich hatte gehofft, dass mich Google.maps vorbeiführen würde, doch offenbar war es kürzer, direkt hindurchzufahren. Ich mag Lemberg, hatte die Stadt aber schon etliche Male besucht und brauchte den Stress mit all den Ampeln, Kreisverkehren, Eisenbahnübergängen, Kopfsteinpflaster, schnaufenden Lkws und altertümlichen Bussen nicht. Nach dem Abzweig in Richtung Uzhgorod entspannte ich mich, denn es wurde ruhiger und ruhiger. Nur noch anderthalb Stunden trennten mich von meiner letzten Unterkunft auf dieser intensiven Reise.

Zurück am Dnister.

Der Kreis schließt sich

Im Dörfchen Stary Sambir angekommen, suchte ich mir zuerst eine Brücke über den jungen Dnister, weil es mich freut, wenn sich der Kreis nach einer langen und vor allem erfolgreichen Reise schließt. Dann ließ ich den Skoda volltanken, denn es waren nur noch knapp 35 Kilometer bis zur Grenze und sparte Zeit für den morgigen Tag. Nun ging es zur Unterkunft. Eine hübsche Ferienanlage mit Fischteich und gemütlichen Holzpavillons. Alles im Eigenbau entstanden, wie mir die Wirtsleute stolz versicherten. Hier würde ich mich heute Abend bei einem Gläschen Wein gemütlich von der Ukraine verabschieden.

Ich nahm nochmal den Skoda und fuhr das Dörfchen ab. Die orthodoxe Kirche bzw. der Friedhof daneben kündeten davon, dass auch Stary Sambir schon einige Helden verloren hatte. Anschließend kehrte ich im einzigen Restaurant weit und breit ein, wobei mein Essen und das Bier wieder nur knapp zehn Euro kosteten. Schließlich konnte ich im nahen ATB-Supermarkt bis auf den letzten Fünfer alle meine Griwna loswerden. Es hatte sogar noch für eine Schachtel Zigaretten gereicht. Ich durfte zwar nur zwei Packungen nach Polen einführen, doch wenn die Grenzer meckerten, würde ich mich dumm stellen und die dritte wegwerfen.

Der Friedhof an der Dorfkirche von Stary Sambir.

Zurück nach Berlin

Am letzten Morgen war ich wohlweislich schon um halb sechs Uhr aufgestanden. An der Grenze konnte ich tatsächlich ohne Warterei fast bis an die Abfertigung heranfahren, was ich auf ukrainischer Seite noch nie erlebt hatte. Die Kontrollen der Polen waren gründlich, aber freundlich. Anschließend über Przemysl wieder auf die Autobahn und durchknallen bis nach Deutschland. Alles funktionierte prächtig. Selbst in Krakau hatte es keinen Stau gegeben und kurz hinter Breslau konnte ich bis auf den letzten Groszy mein polnisches Bargeld loswerden. Das Nachtanken hatte wieder einmal genau bis zur Grenze gereicht, wo ich den Skoda zum letzten Mal vollmachte. Anderthalb Stunden später war ich in Berlin. Schon um drei Uhr nachmittags, weil ich an der ukrainisch-polnischen Grenze eine Stunde zurückgewonnen hatte und wieder schnell unterwegs gewesen war.

Knapp fünftausend Kilometern auf mitunter schlechtesten Straßen in nur einer Woche. Es hätte unmöglich noch besser laufen können. Sehr zufrieden, aber auch sehr müde.

Der Switiaz ist Teil der Schazker Seenplatte im äußersten Nordwesten der Ukraine.

Noch ein paar Tipps zum Schluss

Eines der touristischen Top-Highlights des ukrainischen Nordwestens sind die Schazker Seen, von denen der Switiaz der größte und schönste ist. Ein herrliches Feuchtgebiet mit einer enormen Biodiversität, das unter anderem bei Vogelkundlern beliebt ist, in dem man aber auch einfach nur am Strand liegen oder wandern kann. Allerdings erstrecken sich die Seen im Dreiländereck zu Polen und Belarus, ist der nächste für Pkw nutzbare Grenzübergang hundert Kilometer entfernt.

Die Stadt Luzk bietet eine spannende Unterwelt an Gängen, Kellern und Gewölben. Der Eingang findet sich nahe der Peter-und-Paul-Kathedrale. Man muss aber eine Führung beantragen und darf nicht auf eigene Faust hinunter.

Die längsten Wartezeiten an der Grenze ergeben sich stets auf dem Weg aus der Ukraine heraus. Leider gibt es bis heute keine Webseite oder Plattform, über die man sich stundenaktuell informieren kann. Vom Autobahnübergang Krakowiec/Korczowa ist eher abzuraten und es kann sich durchaus lohnen, auf die Übergänge nördlich und südlich davon auszuweichen. Der Übergang Yagodyn/Dorohusk liegt zwar auf der direkten Route zwischen Warschau und Kyjiv, bleibt jedoch bis auf Weiteres dem Frachtverkehr vorbehalten.

Warten an der Grenze.

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