Im Herzen des Deltas

Meine zehnjährige Tochter Soana und ich waren in den Sommerferien nach Rumänien gereist. Zuerst mit dem Flieger nach Bukarest und anschließend mit dem FlixBus sieben Stunden in die Stadt Tulcea, die als Tor zum Delta fungiert. Am Tag darauf ging es mit der Navrom-Fähre ins Dorf Sankt-Georg, welches ganz am Ende des südlichen Donau-Hauptmündungsarm gelegen war. Nach Sulina ins Herz des Deltas hatte uns dann ein Touri-Boot gebracht. Einen ersten beeindruckenden Tag hatten wir dort schon verlebt. Nun standen zwei weitere an.

Leuchtturm der Donauschifffahrtsgesellschaft in Sulina.

Sorgen und Probleme

Ich hatte schon gestern auf dem Handy gelesen, dass für den kommenden Tag Dauerregen angesagt war. Teilweise mit schweren Gewittern. Ein weiteres Problem war, dass ich am ersten Tag im Donaudelta in Sankt-Georg meine Brille vergessen hatte. Ein kurzes Telefonat mit der Wirtin dort sorgte schnell für Abhilfe. Sie würde dem Vize-Kapitän der Navrom-Fähre nach Tulcea die Brille mitgeben und der würde sie der Crew des Mittagsschiffes von Tulcea nach Sulina überreichen. Ich müsse nur gegen 17 Uhr am Hafen sein, dort nach einem Herrn Nicolescu fragen und diesem 20 Lei, umgerechnet vier Euro, für seine Dienste geben.

Die nächste Aufgabe bestand darin, dass sich meine Schuhe langsam auflösten. Noch in Bukarest war ich auf irgendeinen Obstkern getreten, der in die dünne Sohle ein Loch gerissen hatte, welches sich stetig ausweitete, was insbesondere bei Spaziergängen im angekündigten Dauerregen äußerst unangenehm werden würde. In der zweiten Straße hinter der Promenade gab es einen Gemischtwarenladen. Google-Übersetzer half mir, mich bei den beiden älteren Damen dort verständlich zu machen. Ich war froh über das vermeintliche Schnäppchen, für knapp 25 Euro jeweils ein paar Sportschuhe und Badelatschen erstanden zu haben, auf der weiteren Reise sollte sich allerdings zeigen, dass man dafür auch nur eine gewisse Qualität erhält.

Mieses Wetter.

Ein böser Verdacht

Die letzte Herausforderung bestand darin, wenigstens kurz zum Strand von Sulina zu kommen, um dort ins Wasser zu springen. Ich hatte ein Jahr zuvor bei der Mündung des nördlichen Kilija-Arms im Schwarzen Meer gebadet und erst vor zwei Tagen an der Mündung des südlichen Sankt-Georg-Arms. Weil ich zu zwangsneurotischen Anwandlungen neige, musste es nun auch hier am mittleren Arm sein. Ohnehin hatten wir an diesem Tag kaum etwas zu tun. Dankenswerterweise war der Starkregen zumindest vorübergehend in leichten Niesel übergegangen.

Wir mieteten uns an der Promenade zwei wieder nur sehr schlechte Räder und machten uns auf den Weg zur drei Kilometer entfernten Beach. Wie schon in Sankt-Georg: Schöner weißer Sand, kostenlose Liegen und ein paar Bars. Überraschend, dass es trotz des Mistwetters noch recht belebt war. Wir zogen uns um und wurden dabei derart von einer älteren Dame beglotzt, dass es mir irgendwann zu bunt wurde. Schon in Bukarest war mir aufgefallen, dass uns komische Blicke und allerlei Getuschel begleiteten und erst jetzt ging mir ein äußerst ekliges Licht auf. Dass Väter allein mit ihren Töchtern unterwegs waren, hatte ich in Rumänien nur selten gesehen. Zudem trägt Soana eher die Gesichtszüge ihrer mongolischen Mutter und weniger die ihres rosafarbenen Papsis, wirkt zudem älter als ihre zehn, bald elf Lebensjahre. Ein widerlicher Gedanke, doch womöglich dachten die alle, dass ich mir irgendwo in Asien eine Kindfrau gekauft hätte.

Am Strand von Sulina.

Meine Brille war wieder da

Immerhin war das Wasser viel wärmer als noch in Sankt-Georg, konnten wir für eine knappe Stunde eine Pause vom Dauerregen genießen. Als wir zurück in Sulina die Räder wieder abgaben, stellte sich heraus, dass der Bruder des Vermieters ebenfalls Bootstouren anbot, weshalb wir für den morgigen Tag eine Fahrt zum Letea-Wald buchten, welcher aus biologischer Sicht ein Höhepunkt des Donau-Deltas sein soll.

Pünktlich um 17 Uhr waren wir am Hafen, wo sich das gesamte Städtchen zu versammeln schien. Das Schiff aus Tulcea war pünktlich und nach einigen Nachfragen traf ich diesen Herrn Nicolescu. Meine 20 Lei wollte er nicht annehmen und gab mir kommentarlos mein Paket. Zusätzlich zur Brille hatte mir die Wirtin aus Sankt-Georg ein Fläschchen Obstschnaps für mich und ein Armband für Soana mitgegeben. Eine wunderbare Dame, die uns so sehr geholfen hatte. Beim Abendessen dann wieder diese ekligen Blicke von gegenüber und ich wünschte mir, dass mir vorhin am Strand nicht dieses Licht aufgegangen wäre.

Hier am Navrom-Hafen kam meine Brille wieder an.

Im zweiten Anlauf funktioniert es doch

Auch am nächsten Morgen wollte der Regen nicht aufhören, weshalb ich per SMS die Nachricht erhielt, dass unsere Tour zum Letea-Wald storniert wurde. Das ärgerte mich, weil wir schon gestern fast den ganzen Tag im mir so wertvollen Delta verdattelt hatten. Doch was blieb anderes übrig? Wir spazierten zur Promenade, wo ich einen Kaffee und Soana eine hausgemachte Limonade bestellte. Als wir danach am Wasser entlangflanierten, trafen wir Marius, den Vermittler der Bootstouren, wieder. Ich zeigte ihm, dass meine Wetter-App ab Mittag eine deutliche Verbesserung ankündigte und fragte, ob man nicht doch noch irgendwas anstellen könne. Seine Antwort war, dass wir um 12:30 Uhr wieder hier sein sollten und er bis dahin versuchen wolle, genügend Gäste für eine Tour aufzutreiben. Die Hoffnung war noch nicht verloren.

Es klarte tatsächlich auf und Marius hatte gute Nachrichten. Das Boot würde voll werden und demnächst ablegen. Schon wieder waren wir die einzigen Ausländer, was mich verwunderte, denn das Donaudelta ist eine einzigartige Attraktion in Europa und als solche gar nicht so schwer zu erreichen. Soana beharrte darauf, wieder ganz hinten Platz zu nehmen, damit sie ihre Hände während der wilden Fahrt ins Wasser tauchen konnte.

Auf dem Weg zum Letea-Wald.

Zum berühmten Wald von Letea

Von Sulina aus ging es zunächst nordwärts durch einen Kanal, auf dem wir wieder die ganze Vielfalt von Flora und Fauna des Deltas genießen konnten. Schilfinseln, Seerosen, Schildkröten, Biber und alle Arten von Vögeln, wobei zuvorderst die Pelikane zu nennen sind, die als eine Art Maskottchen des Deltas fungieren.

Nach einer knappen Stunde wurde im kleinen Weiler Cardon angelegt, weil es von hier nur noch auf dem Landweg weiterging. Letea ist die größere von zwei ausgedehnten Dünenlandschaften im Delta. Vor zwei Jahrhunderten noch an der Küste gelegen, findet sich dieser Bereich nun knapp 15 Kilometer landeinwärts, war im Jahre 1935 der erste Ort im Delta, der unter strengen Naturschutz gestellt wurde.

Ab dem Weiler Cardon ging es nur noch mit dem Motorkarren weiter.

Der Ukraine so nahe

Nach einer kurzen Toilettenpause sollte es mit einem Motorkarren weitergehen, auf dem hinten ein paar lange Holzbänke aufgelegt waren. Stoßdämpfer gab es nicht, sodass alle Gäste bei jedem Huckel ordentlich nach oben hopsten. Meine Wenigkeit derart heftig, dass ich mir meinen Kopf an einer rostigen Stahlstrebe stieß. Es hatte ordentlich gerumpst und ich schrammte vermutlich nur sehr knapp an einer Platzwunde vorbei, die ich hier im Nirgendwo nur bedingt gebrauchen konnte.

Im kleinen Ort C.A. Rosetti kamen wir an hübschen Bauernhäusern und einer herrlichen Dorfkirche vorbei und ich hätte mir dringend gewünscht, einen kurzen Stopp für ein paar Fotos einlegen zu können, doch das war leider nicht vorgesehen. Im weiteren Verlauf näherten wir uns stetig der ukrainischen Grenze und schon bei der Abfahrt wurde nahegelegt, die Handys auf Flugzeugmodus zu schalten, um nicht ins ukrainische Netz zu geraten und Roaming-Gebühren zahlen zu müssen. Soana und ich hätten uns das allerdings sparen können, denn unser EU-Tarif schließt die Ukraine ein.

Die hübsche Dorfkirche von C.A. Rosetti.

Der Letea-Wald ist ein schmaler Baumgürtel, der sich am Grat der Dünen von Nord nach Süd über mehrere Kilometer, von Ost nach West aber nur über knapp hundert Meter erstreckt. Wir hielten im Nordteil des Geländes und bekamen bei einem kurzen Rundgang eine ausführliche Einweisung in die biologischen Gegebenheiten. Allerdings nur auf Rumänisch, sodass ich mal wieder nichts verstand. Ich hatte vorher natürlich recherchiert und wusste, dass dies der Ort auf der Welt war, an dem tropische Arten am weitesten in Richtung Norden vorgedrungen waren. So etwa die griechische Baumschlinge, die sich parasitär um die armen Bäume windet und diese langsam erwürgt. Noch interessanter war, dass ich von hier aus in weniger als einer Stunde zum Kilija-Arm hätte wandern können, an dessen anderem Ufer sich das ukrainische Städtchen Wylkove erstreckt, wo ich ein Jahr zuvor einen fantastischen Abend erlebt hatte.

Ein langer, schmaler Waldgürtel.

Wildpferde und Fischsuppe

Auf dem Weg zurück zum Weiler Cardon sahen wir etliche Wildpferde, die hier vor Jahrzehnten ausgesetzt wurden und seitdem frei umherlaufen. Auch dies ein Unikum in Europa. Was zumindest den rumänischen Gästen ein wenig Sorgen machte, war, dass in geringem zeitlichem Abstand Luftalarme der rumänischen Sicherheitsbehörden auf dem Handy aufliefen. Vermutlich hatten die Russen wieder die ukrainischen Donauhäfen attackiert, wobei sich in bis dato viereinhalb Jahren Krieg nur zwei Drohnen auf rumänisches Gebiet verirrt hatten und zumindest dort nie etwas passiert war.

Hinter dem Wald wartete eine weite Dünenlandschaft.

Zurück im Dorf Cardon wurde uns allen in einem kleinen Gasthof lecker Fischsuppe und anschließend ein fetter Karpfen aufgetischt, was allerdings genauso extra kostete, wie die schmerzhafte Fahrt samt Führung mit dem Motorkarren. Soana war froh, dass den Kindern etwas anderes vorgesetzt wurde, nämlich leckere Chicken Nuggets mit Pommes. Hier wurde verstanden, dass Kinder und Fisch nicht so recht zusammenpassen. Das rumänische Pärchen mir gegenüber nutzte die Gelegenheit für einen kurzen Plausch. Scheinbar waren alle äußerst neugierig, in welcher Konstellation Soana und ich nach Rumänien gekommen waren. Ein anderes Pärchen hatte eine Tochter in Soanas Alter. Wir versuchten, die beiden zusammenzubringen, damit sie ihr Englisch trainierten, was so lala gelang.

Der letzte Abend im Delta

Auf der Fahrt zurück nach Sulina waren wir spürbar in der Gruppe angekommen. Das Boot nahm dieses Mal einen anderen Weg und steuerte den offenen Golf von Musura an mit seinen endlosen Seerosenteppichen. Auch hier wieder etliche Pelikane und Soana meinte, in der Ferne auch einen Delfin erkannt zu haben. Es war schon Abend und gerade rüstete sich unser gestriger Bootsführer für die Tour zur Mündung ins Schwarze Meer mit anschließender Sonnuntergangskulisse. Soana und ich ließen den Tag im gemütlichen Garten unseres Gasthauses ausklingen. Gegessen hatten wir ja schon.

Ein kilometerweiter Teppich aus Wasserpflanzen.

Ich war sehr zufrieden mit mir, denn wir hatten an diesem entlegenen Ort fast alles gesehen. Weitgehend problemlos, wie ich fand. Nur die Nächte im Delta würde ich beim nächsten Mal anders aufteilen. Nicht mehr 1 (Sankt-Georg) zu 3 (Sulina), sondern 2 zu 2. Sulina mag zentraler liegen und sich besser für Ausflüge eignen, aber auch von Sankt-Georg aus lässt sich Einiges erleben und es ist tausendmal gemütlicher.

Pelikane im Golf von Musura.

Noch ein paar Tipps zum Schluss

Vor dem Krieg verkehrte eine Fähre von Sulina ins ukrainische Städtchen Wylkove am Nordufer des Kilija-Arms. Aktuell ist der Kilija-Arm jedoch kriegsbedingt für Passagierschiffe und jegliche touristischen Zwecke gesperrt. Nicht zuletzt, weil über diese Passage ein Großteil der ukrainischen Getreideexporte erfolgt. Im Gegensatz zu Sulina und Sankt-Georg lässt sich Wylkove aber mit dem Auto ansteuern.

Danube delta near Wylkove

Kanäle im ukrainischen Wylkove.

Sulina verfügt über eine langgezogene Beach und weil die Donau etliche Sedimente dort ablagert, ist das Meer flach und warm, also bestens geeignet für Kinder. Allerdings müssen zwischen Stadt und Strand drei Kilometer überwunden werden. Wer nicht laufen möchte, kann mit dem Taxi oder dem Minibus fahren.

Zwischen Sulina und Sankt-Georg gibt es auch eine Art Straße. Ebenso zwischen Sulina und den Dünenlandschaften von Letea. Beides allerdings eher sandige Pisten, für die ein Allradfahrzeug genutzt werden sollte. Zudem gibt es in Sulina keine Brücke, sodass man mit dem Auto nicht von Sankt-Georg nach Letea durchfahren kann, sondern irgendwie in Sulina über den gleichnamigen Mündungsarm übersetzen muss. In den restlichen Teil Rumäniens kommt man mit dem Auto gar nicht, allerdings verkehrt wöchentlich eine Autofähre von Sulina nach Tulcea.

Die Letea-Düne mit ihrer steppenartigen Landschaft.

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