Die letzten anderthalb Tage für Seoul und Incheon
Meine zehnjährige Tochter Soana ist dem K-Pop verfallen und ich will demnächst Reisen nach Korea anbieten. Zwei gute Gründe für eine Winterreise nach Seoul. Es war das Hauptgeschenk zu Weihnachten und hatte große Freude ausgelöst. Nach einigen Startschwierigkeiten waren wir gut angekommen, hatten Vieles erlebt – in Seoul selbst und bei einem Ausflug in die Demilitarisierte Zone. Nun blieben noch anderthalb Tage, an denen vor allem Soana bestimmen durfte, was gemacht wird. Kalt war es geworden…
Der größte überdachte Vergnügungspark der Welt.
Zwei Stationen östlich des Olympiaparks erhob sich der Lotte World Tower in den klaren Winterhimmel. Direkt daneben sollte sich nach meinen Informationen der Lotte World Vergnügungspark erstrecken, doch der Zugang war nicht einfach zu finden. Man musste durch ein Kaufhaus ins Untergeschoss zu den Ticketschaltern, was unfassbar schlecht ausgeschildert war. Die Eintrittskarten kosteten rund 70 Euro für uns beide. Annehmbar, wie ich fand. Schließlich gilt Lotte World als der größte überdachte Unterhaltungspark der Welt. Mit hunderten Fahrgeschäften und weiteren Attraktionen auf fünf Ebenen. Als wir die riesige Halle betraten, lief gerade eine bunte Prozession an Tänzern, Artisten, Clowns und Comicfiguren. Bunt und schön, allerdings ärgerten uns die langen Warteschlangen. Mit dem Magic Pass hätten wir überall gleich durch nach vorn gehen können, doch das wussten wir nicht und teuer war der bestimmt auch.
Die große Schiffschaukel im Stile der spanischen Armada kostete uns 30 Minuten Wartezeit, an anderen Venues kündeten Schilder von voraussichtlich einer Stunde und mehr. Den Koreanern schien das nicht viel auszumachen, doch wir hatten diese Zeit nicht. Die 70 Euro am Einlass schienen doch kein so gutes Investment mehr zu sein, doch immerhin konnten wir die Atmosphäre in uns aufsaugen. Über eine Brücke gingen wir in den Außenbereich des Parks. Ich hatte gedacht, dass der im Winter geschlossen sein würde, doch weit gefehlt. Auch hier verteilten sich zwischen Märchenschlössern und Wasserspielen etliche Fahrgeschäfte. Uns imponierten die vielen jungen Mädchen, wie sie in kurzen Röcken und mit blanken Beinen in der Eiseskalte ausharrten, um einmal kurz mit dem Kettenkarussell zu fahren.
Sehr kalt im Außenbereich.
„Lotte“ kannte ich schon aus Japan, denn Chiba Lotte war der Lieblings-Baseball-Club einer guten Freundin und überall gab es Süßigkeiten mit der Aufschrift „Lotte“ zu kaufen. Nun wollte ich wissen, woher dieser für ostasiatische Zungen ungewöhnliche Name kam. Meine Recherche hatte Folgendes ergeben: Ein Koreaner namens Shin Kyuk-ho hatte im Jahre 1948 in Tokyo ein Unternehmen für die Herstellung und den Vertrieb von Kaugummis gegründet. Der Mann war ein großer Fan des deutschen Dichters Goethe. Insbesondere die Figur der Lotte aus „Die Leiden des jungen Werther“ hatte es ihm angetan, weshalb auch seine Firma so heißen sollte. Aus dem Kaugummivertrieb ist bis heute ein riesiger ostasiatischer Mischkonzern entstanden, der also den Namen einer älteren deutschen Dame aus dem frühen 19. Jahrhundert trägt.
Im Hintergrund der Lotte World Tower.
Wo Seoul am internationalsten ist
Zum Abend ging es mit der Metro nach Itaewon, wo mit der Yongsan Garrison die größte US-Militärbasis in Korea anschließt. Darüber hinaus ist das Viertel der Sitz etlicher Botschaften, sodass es in Korea als „Western Town“ gilt. Nirgendwo sonst im Land gibt es eine derart große Auswahl an Köstlichkeiten aus aller Herren Länder. Nirgendwo sonst herrscht eine derart liberale Atmosphäre, weshalb sich auch die queere Community hier besonders wohlfühlt. Traurige Aufmerksamkeit erhielt das Viertel im Jahr 2022, als bei einem Massengedränge zu Halloween 159 Menschen ums Leben kamen. Hauptschauplatz war eine kleine Seitengasse, über die die Menschen von der Metrostation zur World Food Street mit ihren internationalen Lokalen gelangen wollten. Bis heute erinnert ein inoffizielles Mahnmal aus Blumen und weißen Trauerbändchen an die Katastrophe.
Die Gasse füllte sich schon wieder, denn es war Freitagabend und die Feierwütigen bereiteten sich auf die Nacht vor. Soana war dafür aber noch zu jung, weshalb wir nach einem herzhaften Shabu Shabu-Abendmahl und einem kurzen Spaziergang den Bus in Richtung Myeongdong nahmen. Auf dem Rückweg in die Unterkunft durfte Soana noch in den einen oder anderen Andenkenladen zum Thema K-Pop hineinschauen, um die letzten Souvenirs für sich und die daheimgebliebenen Freundinnen zu erwerben.
Jeder Band ist ein spezifisches Winkelement zugeordnet. Blackpink hat den rosa-schwarzen Hammer ziemlich genau in der Mitte. Soana besitzt zwei davon.
Abschied von Seoul
Der Flieger würde erst um Mitternacht starten, weshalb uns noch ein voller Tag für allerlei Besichtigungen blieb. Fraglich war nur, was aus unserem Gepäck werden sollte, denn wir mussten spätestens um elf Uhr unser Zimmer verlassen. Unsere überaus freundliche Gastgeberin hatte angeboten, die Koffer oben auf dem Dach im stets gut beheizten Frühstücksraum zu lassen, doch ich entschied mich anders. In Seoul hatten wir fast alles gesehen, weshalb ich die Hafenstadt Incheon auf den Tagesplan setzte, weil dort auch der Flughafen liegt.
Zunächst jedoch wollte sich Soana eine neue Handyhülle kaufen. In unserem Touri-Viertel Myeongdong gab es zwar einige Läden, doch die führten allesamt nicht die A-Reihe von Samsung. Verwunderlich wie sehr in Korea die Modelle von Apple dominierten. „Buy Korean“ schien kein populäres Motto zu sein. Auch nicht auf den Straßen, wo erstaunlich viele deutsche Modelle unterwegs waren.
Das Museum zum Koreakrieg.
Korea War Memorial
Soana hatte recherchiert, dass es im Studentenviertel Hongdae einen Laden gibt, in dem man sich selbst eine Handyhülle basteln kann und wo auch schon Jenny und Rose von Blackpink ihre mobilen Endgeräte verschönert hatten. Wir hatten noch den ganzen Tag vor uns und ich kann meiner Kleinen ohnehin nichts abschlagen. Weil der Laden aber erst um 12 Uhr am Mittag öffnen sollte, legten wir einen Zwischenstopp am Mahnmal zum Koreakrieg ein, wo wir ohnehin hätten umsteigen müssen. Ein ausgreifendes Gelände mit monumentaler Ästhetik, in dessen hinterem Bereich Flugzeuge, Raketen, Panzer und anderes Kriegsgerät aus der Zeit ausgestellt war. Auf der anderen Straßenseite stand das Verteidigungsministerium und direkt dahinter schloss die US-Basis Yongsan an.
Soana und ich diskutierten über die Wehrpflicht. Sie ist dagegen, ich hoffe aber sehr, dass sie in ein paar Jahren eingezogen wird. Freiheit und Demokratie gibt es nicht umsonst. Man muss in der Lage sein, sein Land und dessen Werte zu verteidigen. Und die Gleichstellung von Frau und Mann impliziert auch die gleichen Pflichten. Es müssen vielleicht nicht drei Jahre sein wie in Korea, doch was ist so falsch daran, in zehn bis zwölf Monaten das Schießen zu lernen, womöglich den Führerschein zu machen und ordentlich Sport zu treiben? In Korea hatte gerade Schlagzeilen gemacht, dass die Mega-Boyband BTS vom Dienst zurück ist. Es werden offenkundig keine Ausnahmen gemacht.
Soanas neue Handyhülle.
Die wichtigste Trophäe der Reise
In Hongdae war es ein kurzer Fußweg zu dem kleinen Lädchen, das Soana im Netz aufgetan hatte. Ich wuchtete die Koffer über eine enge Treppe in den dritten Stock und wir waren da. Die Dame am Tresen sprach hervorragend Englisch. Zu unserer großen Erleichterung führten sie Hüllen in Soanas A-26-Format. Nun wurde uns erläutert, was wir zu tun hätten. Zunächst einmal sollte sich Soana allerlei Nippes aussuchen. Bärchen, Herzchen, Kätzchen, Schleifchen etc. Dann standen verschiedene Klebepasten zur Auswahl, wobei Soana für pink bei der Umrandung und glitzerblau für die Innenseite optierte. Die wurden nun reichlich aufgetragen, um anschließend den ganzen Nippes reinzudrücken. Am Ende ging das Ganze noch kurz in einen Ofen. Die Dame ließ uns wissen, dass das mit dem Flug nicht optimal sei, denn normalerweise solle man die Hülle zwei Tage weglegen und ruhen lassen. Das stand leider nicht in den Sternen, doch wir hüteten sie auf der langen Rückreise wie den sprichwörtlichen Augapfel. Am Ende war nur ein kleines rosafarbenes Macaron abgefallen, doch auch das ließ sich wieder anbringen. Nun ist die Handyhülle sowas wie die Haupttrophäe der Koreareise und wird mit großem Stolz herumgezeigt.
Hongdae war unser Lieblingsviertel in Seoul.
Ich war gottfroh, Soana zum Abschluss diesen großen Wunsch erfüllt zu haben, zumal das ein äußerst günstiges Vergnügen war. Schön auch, dass wir nun nochmals durch mein Seouler Lieblingsviertel streifen konnten – Hongdae mit seinen vielen Studenten und der entspannten Atmosphäre. Der Weg in Richtung Bahnhof ist leicht zu finden, denn die Partymeile war mit roter Farbe auf dem Asphalt markiert. Es war zwar erst früher Nachmittag, dennoch war schon Einiges los. Wir machten Stopp an einem Wegweiser zu allen möglichen Metropolen auf dem Globus. Berlin war auch dabei, und zwar mit einer Entfernung von 8.138 Kilometern. Gleich dahinter fanden wir ein japanisches Nudelsuppenlokal und machten uns danach auf den Weg in Richtung Incheon.
Die größte und älteste Chinatown Koreas.
Der wichtigste Hafen Koreas
Mit der Airport Railroad hätten wir in etwas mehr als einer Stunde Fahrzeit direkt zum Flughafen fahren können, doch bis Mitternacht war noch viel Zeit. Von Yokohama oder Tianjn hatte ich gelernt, dass auch die großen Hafenstädte der Metropolen Tokyo respektive Peking was zu bieten hatten. Für Seoul und Incheon vermutete ich Ähnliches. Am Abend zuvor hatte ich recherchiert, dass die Must See’s Chinatown und die Gegend um den Sudong Central Park seien. Leider aber schien die Stadt sehr groß, waren laut meiner koreanischen Navi-App Naver lange Fahrten zwischen den Zielen und weiter zum Flughafen zu bewältigen. Dem war auch so, weshalb ich mich entschied, die ursprünglich intendierte Besichtigungsreihenfolge umzudrehen und zwischendrin auch Taxis zu nutzen.
Also zuerst mit einer S-Bahn direkt an den alten Hafen, wo Ende des 19. Jahrhundert die ersten chinesischen Händler siedelten und sich bis heute die älteste und größte Chinatown Koreas erstreckt. Soana war noch nie in China, ist in Berlin aber sehr eng mit zwei chinesisch-deutschen Mädels befreundet. So konnte sie also einen ersten Eindruck von der Kultur dieser riesigen Nation erhaschen. Warme Töne in Gelb und Orange, die prächtigen Eingangstore mit den unvermeidlichen Glücksdrachen, versteckte kleine Tempel sowie allerlei Andenkenläden, Imbisse und Restaurants. Treppen führten hoch zu einem kleinen Tempel und dem Freiheitspark. Ich glaube, dass hier noch nie jemand mit seinem gesamten Gepäck hinaufgeklettert war, doch die Sichten oben wussten für die Anstrengungen zu entschädigen. Etliche künstliche Inseln lagen vor uns in der Bucht. In der Ferne war die riesige Brücke zu erkennen, über die wir später zum Flughafen fahren würden.
Über die Brücke ganz weit im Hintergrund sind wir später zum Flughafen gefahren.
Sudong Central Park
Wir hatten großes Glück, gleich ein Taxi zu finden, denn einen Stand gab es nicht und im Zeitalter der Apps war es unüblich geworden eines auf der Straße anzuhalten. Der Fahrer war schweigsam, doch auf dem Display erkannte ich, dass es eine knappe halbe Stunde zum Sudong Central Park war, was sich genauso mit meinen Recherchen deckte wie der Preis von 13.000 Won bzw. knapp acht Euro. Während Chinatown eher beschaulich daherkam, konnte einen das hier fast erschlagen. Der Park war nicht nur ausgesprochen ansprechend gestaltet, sondern umgeben von einem riesigen Geschäftsviertel, welches ich in einer solchen Pracht nur selten zuvor gesehen hatte. Wir kamen aus dem Staunen nicht mehr raus, latschten alles ab und ließen uns auch von der grimmigen Kälte nicht schrecken. Irgendwann wurde es dann doch zu viel, denn vom Meer kam ein schneidender Wind. Ein Taxi zu finden, hatte dieses Mal etwas länger gedauert, doch mit der Hilfe eines charmanten jungen Pärchens gelang es dann doch. Incheon ist mit seinen drei Millionen Einwohnern fast so groß wie Berlin und einen Ausflug allemal wert.
Sudong Central Park – ein letztes Highlight.
Der lange Weg nach Hause
Das letzte Highlight war die knapp 20 Kilometer lange Brücke von Incheon auf die vorgelagerte Flughafeninsel. Es war erst halb acht, sodass noch viel Zeit blieb bis zum Abflug gegen Mitternacht. Der Rückflug funktionierte deutlich besser als die Hinreise, wobei der Istanbuler Flughafen als Zwischenstopp wieder nur wenig Charme ausstrahlte. Zumal ein einfacher Cheeseburger dort geschlagene 15 Euro kostete.
Am Sonntagmorgen kamen wir in Berlin an. Soana war hundemüde, aber überglücklich mit der Reise. Morgen in der Schule würde sie ordentlich angeben können, zumal alle ihre Freundinnen mit großzügigen Geschenktüten ausgestattet wurden. Es ist ein wenig der Fluch der guten Tat, denn jetzt will sie natürlich noch einmal ins Land ihrer Träume. Wir müssen schauen. Vielleicht in den Herbstferien. Flug nach Seoul, KTX nach Busan, Fähre nach Fukuoka/Japan, Shinkansen nach Tokyo und von dort zurück. Nur so eine Idee. Soana lernt jedenfalls schon fleißig Koreanisch. Das Hangeul-Alphabet hat sie fast schon drauf.
Noch einmal Sudong.
Noch ein paar Tipps zum Schluss
Der Magic Pass im Lotte World Adventure Park kostet 50.000 Won für fünf Fahrten und knapp 100.000 Won für zehn, was 30 bzw. 60 Euro entspricht. Der Vergnügungspark ist bunt und unterhaltsam, doch vor einem Besuch sollte unbedingt recherchiert werden, wie groß der zu erwartende Besucherandrang ist.
Itaewon hatte in der Vergangenheit ein eher fragwürdiges Image als Rotlichtbezirk, hat sich aber mittlerweile zu einer Attraktion ersten Ranges gemausert. Neben Hongdae der Party-Hotspot schlechthin.
Die Sehenswürdigkeiten von Incheon liegen abseits der Airport Railroad, sodass sie sich nicht mal eben bei einem Zwischenstopp erschließen lassen. Immerhin aber fährt von Chinatown die Linie 1 durch bis Seoul Station.
und noch einmal, weil es so schön war.



















