Auf dem Weg ins Delta

Im vergangenen Sommer war ich auf einer kombinierten Hilfs- und Recherchefahrt in den ukrainischen Teil des Donaudeltas gekommen. Genauer ins Dörfchen Wylkowe, das ich für diesen wunderbaren Nachmittag immer im Herzen behalten werde. Danach war es am größten Mündungsarm entlang weitergegangen zum Donauhafen Izmail, über den Lagunensee Yalpuh nach Reni und schließlich über die moldauische Grenze. Die gewaltige Schönheit hatte im Kontrast zum mühseligen Alltag des Krieges nur noch stärker auf mich gewirkt. Grundsätzlich musste ich mir jedoch eingestehen, dass ich mich eher an den Rändern abarbeitete, denn angesichts der russischen Bedrohung waren Touren tief in die Kanäle hinein nicht möglich.

Was also lag näher, als das Delta für diesen Sommer noch einmal auf die Agenda zu setzen? Schließlich nimmt der ukrainische Teil nur ein knappes Fünftel ein, liegt der deutlich überwiegende Teil in Rumänien, wo man sich auch in Grenznähe frei bewegen kann. Grenzen im anderen Sinne werden allerdings von der Topografie gesetzt. Das Auto kann man hier vergessen. Die letzte Straße endet in der Stadt Tulcea 80 Kilometer vor der Mündung ins Schwarze Meer.

Der Kilija-Arm, hier beim Städtchen Wylkove, bildet die Grenze zwischen Rumänien und der Ukraine.

Ich gab mein Bestes, um meine zehnjährige Tochter Soana für diese besonderen natürlichen und logistischen Gegebenheiten zu faszinieren, bin mir aber nicht sicher, wie weit ich dabei vorgedrungen war. Immerhin murrte sie nicht und war bereit, mich auf dieser Entdeckungsreise zu begleiten.

Von Berlin nach Bukarest

Bei den Flügen war mir ein dummer Fehler unterlaufen, denn ich hatte mich in der Zeit vertan und genau für jene Woche gebucht, in der Soana ein Trainingscamp der Berliner Leichtathletik-Verbandes besuchen sollte. Billiganbieter wie Wizz Air sind wenig flexibel, halten für den kleinsten Service die Hand auf. Telefonisch um Nachsicht bitten, ist nicht drin. Friss oder stirb. Stornieren oder 180 Euro für die Umbuchung zahlen. Ich entschied mich für Letzteres und griff anschließend bei den Unterkünften eine Ebene tiefer ins Regal, um den Verlust zumindest etwas auszugleichen.

Wie jeden Tag zuvor in der Woche stand ich mit dem Auto kurz vor 16 Uhr am Olympiastadion und holte meine Tochter vom Training ab. Zu Hause begannen die Vorbereitungen für die Reise, was nicht mehr so einfach war wie in den Jahren zuvor, als man noch wahllos ein paar Klamotten, Zahnpasta und Kinderduschbad in den Koffer stopfen konnte. Dieses Jahr wollte sie selbst packen, was sich hinzog. Da ich nur Handgepäck gebucht hatte, musste sie sich bei all ihren Fläschchen und Cremes einschränken. Mein Stand war, dass pro Person zehn Flüssigkeiten a maximal 100 ml mitgeführt werden dürfen. Das musste sie akzeptieren, dabei stimmte es gar nicht mehr so ganz.

Hier am Olympiastadion sitzt der Berliner Leichtathletik-Verband. Foto: Asio otus.

Unser Flieger sollte schon um 7:30 Uhr nach Bukarest abheben. Also in aller Herrgottsfrühe aufstehen und mit Bus und Flughafenexpress zum BER. Eingecheckt hatte ich online, weshalb wir gleich durch zur Sicherheitskontrolle konnten. Für Berliner Verhältnisse war das Personal eigentlich ganz nett, wartete mit der Info auf, dass man sich um die Flüssigkeiten nicht mehr allzu sehr sorgen müsse. Zumindest nicht an unserem Terminal 2, wo bis zu zwei Liter erlaubt seien.

Hitze und Schlepperei

Da wir früh losgeflogen waren, kamen wir auch früh an, konnten schon kurz nach elf Uhr in den Flughafenbus steigen. Ich hatte gelesen, dass man dort mit der Kreditkarte bezahlen könne, doch das funktionierte nicht. Wir riskierten es und fuhren trotzdem mit, stiegen an der Universität aus, von wo wir laut Google.maps etwa 15 Minuten zu unserem Apartment benötigen würden. Das durften wir allerdings erst ab 15 Uhr beziehen, sodass wir uns mitten in der unerträglichen Hitze und mit all dem Gepäck die Zeit vertreiben mussten. Zunächst in einem mittelalterlichen Restaurant, welches zwar viel rühriges Personal bot, aber leider nur sehr dürftiges Essen.

Einrichtung ganz nett, aber das Essen nicht gut.

Nun schleppten wir uns ins nahe Zentrum, wo ich Geld tauschen und eine 24-Stunden-Karte für den Nahverkehr erwerben wollte. Das Viertel Lipscani markiert das Herz der Altstadt. Herrschaftliche Wohnbauten, Cafés und Restaurants erinnern daran, dass Bukarest einmal als Paris des Ostens gegolten hatte. Das war, bevor Nicolae Ceausescu mit seinem radikalen Stadtumbau begonnen hatte, in dessen Rahmen die historischen Viertel weiträumig zerstört wurden, um Raum zu schaffen für den monumentalen sowjetklassizistischen Zuckerbäckerstil, der dem Diktator besser zusagte.

Ausflug zum New Yorker

Wir liefen ein wenig herum, schossen Fotos und machten uns mit dem Trolleybus auf den Weg zum Apartment. Der altersschwache und überaus enge Fahrstuhl hoch in den fünften Stock machte ein wenig Angst, doch die Unterkunft war praktisch und geschmackvoll eingerichtet. Mitsamt Balkon, wo ich abends rauchen konnte.

Bei unserem ersten Ausflug in die Stadt hatten wir einen New Yorker entdeckt und weil dies die Lieblingsmodekette meiner Tochter ist, ging es am Abend zum Shoppen dorthin. Vier neue Oberteile später wurde der Tag in einem hübschen Gartenrestaurant in der Nähe unseres Apartments beschlossen. Es war noch immer sehr heiß, doch unter den Ranken und Weinreben ließ es sich aushalten.

Fußgängerzone im Altstadtviertel Lipszani.

Mit Bus und Bahn nach Militari

In Berlin lege ich fast alle Wege mit dem Rad zurück, doch im Urlaub liebe ich die Flexibilität und Autarkie, die einem das Auto bietet. Vor allem auf dem platten Land, wo die Öffis nur selten fahren und man sich keine Sorgen ums Parken machen muss. Im Donaudelta allerdings sind Autos sinnlos, denn sie können nicht schwimmen. Ich hatte überlegt, für den langen Transfer von Bukarest nach Tulcea einen Mietwagen zu nehmen, doch entweder würde man die teure Rückführung bezahlen oder das Auto vier Tage umsonst herumstehen lassen müssen.

Die Alternative hieß FlixBus. Mit dem Zug hätte es etwa genauso lang gedauert, doch da hätten wir kurz vor Constanta umsteigen müssen. Nachteilig war, dass der Busbahnhof weit außerhalb im Stadtteil Militari lag. Es dauerte mehr als eine Stunde, bis wir uns mit den Koffern und Tüten dorthin vorgearbeitet hatten. Zuerst mit dem Trolleybus und anschließend mit der Metro. Es war heiß, die Olivensuppe tropfte aus der Fressalien-Tüte und wir waren schon fertig, bevor wir überhaupt aus Bukarest losgefahren waren.

Unser FlixBus beim Auftanken.

Der Busbahnhof wirkte nicht sehr heimelig. Soana trieb ein menschliches Bedürfnis, weshalb sie sich mit dem ekligen Klo arrangieren musste. Ich musste ihr lange zureden, denn eine andere Möglichkeit gab es nicht. Ein Becken im Boden, weshalb wir später Schuhe und Socken wechseln mussten.

Durch den rumänischen Osten der Donau entgegen

Immerhin kam bald der Bus, funktionierte auch der Check-in. Unsere Plätze lagen in der letzten Reihe, die wir bis auf eine freundliche junge Dame exklusiv für uns hatten. Wir hatten uns reichlich mit Wegzehrung eingedeckt für die knapp sieben Stunden Fahrt durch den rumänischen Osten. Zunächst auf der neuen Autobahn in Richtung Constanta und dann nordwärts immer der Donau entgegen. Nach dem ersten Halt im Städtchen Slobozia ging es durch schier unendliche Sonnenblumenfelder. Eine dünn besiedelte und extensiv agrarisch genutzte Ebene.

Die Stadt Braila lag als zweiter Halt schon an der Donau, die wir aber noch nicht sehen konnten. Eigentlich hätten wir von hier aus gleich über die letzte Brücke und weiter nach Tulcea fahren können, doch leider sah der Fahrplan einen Abstecher in die Industriestadt Galati vor, wo wir aber immerhin unseren verheißenen Fluss zum ersten Mal sahen. Nur knapp 15 Kilometer weiter östlich hatte ich vor einem Jahr im ukrainischen Reni die Grenze nach Moldau überquert. Ein witziger Ort, weil die Republik Moldau hier auf nur 500 Metern einen Anteil am Nordufer der Donau besitzt und genau in diesem Winkel einen Tiefwasserhafen errichtet hatte. Nach den 500 Metern folgt am Grenzfluss Pruth die Grenze nach Rumänien, doch ich war seinerzeit nordwärts in Richtung der moldauischen Hauptstadt Chisinau abgebogen.

port Reni on Danube river Ukraine

Donau bei Reni/Giurgiulesti an der ukrainisch-moldauischen Grenze 15 km östlich von Galati.

Die letzte Brücke

Nach dem Umweg über Galati und einem kurzen Zwischenstopp ging es endlich über die erst vor drei Jahren eröffnete Braila-Brücke. Ein majestätisches Bauwerk, welches die Anbindung der rumänischen Schwarzmeerregion Dobrudscha deutlich verbessert. Bis zum Ende der Ceausescu-Zeit hatte in Rumänien nur eine alte Eisenbahnbrücke die Donau gequert. Mittlerweile gibt es zusätzlich drei Brücken für den Straßenverkehr, wobei dies hier die längste und modernste war.

Auf der anderen Seite änderte sich die Landschaft. Ein Jahr zuvor hatte mir jemand in der Ukraine von den sogenannten Donaukarpaten erzählt, doch ich hatte keine Ahnung, wo ich die hätte verorten sollen. Das hier mussten sie sein. Liebliches Hügelland, das dem Auge schmeichelte und in allen Pastelltönen schimmerte. Kleine, gepflegte Dörfchen mit hübschen Holzkirchen. Dazwischen Weinreben und Sonnenblumenfelder. Eine Region, die mir touristisch als ideale Ergänzung zum Donaudelta erschien.

In den Donaukarpaten westlich von Tulcea.

Der letzte Stopp vor Tulcea war das Dörfchen Isaccea, wo auch in Kriegszeiten noch eine Fähre ins ukrainische Orlivka verkehrt. Der Fährhafen selbst war zwar nicht zu sehen, doch an der Lkw-Schlange war zu erkennen, dass es nicht weit mehr sein konnte. Südlich von Moldau ist dies die einzige Möglichkeit, auf direktem Wege von Rumänien in die Ukraine zu kommen.

Blick auf die Donau, die hier bei Isaccea die Grenze zwischen Rumänien und der Ukraine bildet.

Das Tor zum Donaudelta

Tulcea ist das Tor zum Donaudelta, weil unmittelbar vor der Stadt der Kilija-Arm sich abspaltet und unmittelbar dahinter der Sulina- und der Sankt-Georg-Arm sich trennen. Dieses sind die drei Hauptströme, die das Delta einrahmen und zwischen denen sich immer mehr kleine Kanälchen und Seen auftun, je weiter man zur 80 km entfernten Mündung ins Schwarze Meer gelangt.

In Tulcea stoppte der Bus direkt am Fährhafen, an den eine herrliche Uferpromenade anschloss. Der Spaziergang mit unseren Koffern war weit weniger unangenehm als noch in Bukarest. Soana begeisterte der riesige Springbrunnen mit seinen musikalisch unterlegten Wasserspielen und ich war beseelt vom Gedanken, endlich an mein heiß ersehntes Delta anzuklopfen.

Abendessen im Fischlokal direkt an der Promenade.

Unser Apartment lag im sechsten Stock eines sich unmittelbar über der Promenade erhebenden Wohnkomplexes. Drei Schlafzimmer, zwei Bäder und ein umlaufender Balkon, von dem sich herrliche Blicke boten. Weil es schon Abend war, machten wir uns schnell auf die Suche nach einem Restaurant, wobei es schwierig war, etwas für Soana zu finden, der Fisch nicht so sehr zusagt. Wir kauften stattdessen im Supermarkt noch zwei Tütensuppen, die bei ihr deutlich höher im Kurs stehen.

Ein langweiliges Finale

Eine Aufgabe hatten wir noch zu erledigen. Es war Sonntag, der 19. Juli. Im WM-Finale standen sich Spanien und Argentinien gegenüber. Eigentlich hatte ich mir vorgestellt, das Spiel in dieser lauen Sommernacht in einer schönen Bar zusammen mit anderen zu schauen, doch ohne vorher reserviert zu haben, ließen sich keine guten Plätze mehr bekommen, zumal ich skeptisch war, ob Soana nach diesem langen Tag bis zum Schlusspfiff weit nach Mitternacht durchhalten würde. Wir machten es uns also im Apartment gemütlich mit ein paar Snacks und einem Glas Wein für mich. Das Spiel war langweilig, fand aber immerhin den richtigen Sieger. Die Kabbeleien nach dem Schlusspfiff und auch die Halbzeitshow hatte ich nicht mitbekommen, weil der übertragende rumänische Sender jede freie Sekunde mit Werbung überfrachtet hatte. Soana war schon während der zweiten Halbzeit eingeschlafen. Also mal wieder alles richtig gemacht.

Abendstimmung am Hafen von Tulcea.

Noch ein paar Tipps zum Schluss

Die Lockerungen bezüglich der Mitnahme von Flüssigkeiten betreffen am BER nur die neuen Sicherheitsbereiche ganz links und ganz rechts von Terminal 1 und das Terminal 2, von wo vor allem die Billigflieger starten.

Der internationale Flughafen von Bukarest liegt etwas nördlich der Stadtgrenzen. In den kommenden Jahren soll er an das Metronetz angeschlossen werden, aktuell lässt er sich aber nur auf der Straße erreichen. Der 100er Flughafenbus benötigt für die Fahrt ins Zentrum etwa 50 Minuten.

In Bukarest empfiehlt sich für den öffentlichen Verkehr das 24h-Ticket. Die integrierte Karte gilt sowohl für die Metro als auch für Busse und kostet 14 Lei, umgerechnet 2,80 Euro.

Von Bukarest nach Tulcea kommt man auch mit dem Zug, wobei aber in Medgidia kurz vor Constanta umgestiegen werden muss. Mit knapp sieben Stunden dauert die Fahrt ähnlich lang wie mit dem FlixBus.

Eine Alternative für die Anreise aus Deutschland könnte die moldauische Hauptstadt Chisinau sein, wohin die Billigairline FlyOne mittlerweile aus etlichen deutschen Städten Direktverbindungen anbietet. Von Chisinau nach Galati und Braila fahren regelmäßig Busse.

Wer nicht so viel Zeit hat, kann auch von Tulcea Touren ins Delta buchen. Den Sankt-Georg-Arm runter, durch die Kanäle nach Sulina ans Ende des mittleren Arms und diesen zurück nach Tulcea wäre eine lange Tagestour, für die je nach Anbieter um die 100 Euro kalkuliert werden müssten.

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