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Ostwärts Reisen

Kachetien - vier wunderbare Tage in der ostgeorgischen Weinregion

Nach einigem Planungswirrwarr waren wir in den ersten Osterferien unserer Tochter von Berlin nach Kutaissi geflogen, hatten die Kazchi-Säule und die Bergbaustadt Chiatura besichtigt und zwei sonnige Frühlingstage im herrlichen Tiflis genossen. Nun ging es weiter ganz in den Osten des Landes an die aserbaidschanische Grenze.

Gombori-Pass, Gremi-Festung, Nekresi-Kloster und das Kwareli-Weingut

In Tiflis auf den Kakheti-Highway und kurz nach dem Ende des Vorstadtgürtels links auf die Straße durch das Gombori-Gebirge, einen Ausläufer des Hohen Kaukasus, der das fruchtbare Tal des Alazani vom versteppten Süden der ostgeorgischen Provinz Kachetien trennt. Unserer Tochter Soana hatte ich „Anti-Kotz-Kaugummis“ besorgt, weil sie sich auf den Bergstraßen des (gar nicht so) Kleinen und des Hohen Kaukasus in den vergangenen Jahren schon ausreichend „erleichtern“ musste. Hier kamen sie erstmals zum Einsatz, denn bis zur Passhöhe auf 1.600 Metern galt es etliche Kehren zu überwinden. Oben machten wir ein paar Fotos, kauften Honig und tranken einen Kaffee, stiegen aber alsbald wieder ins Auto, weil wir noch viel vorhatten und für den Nachmittag ein Wetterumschwung drohte. Auf der anderen Seite der Berge im Tal des Alazani durchquerten wir Telavi, wo wir zwei Jahre zuvor zwei schöne Tage verlebt hatten. 20 Kilometer nordöstlich davon lag mit der alten kachetischen Hauptstadt unser erster Zwischenziel an diesem Tag. Das eigentliche Dorf Gremi bietet wenig Sehenswertes, die alte Festungsanlage jedoch umso mehr. Das Areal liegt direkt an der Hauptstraße unmittelbar am Abzweig zum Dorf Gremi und wurde in den vergangenen Jahren sukzessive restauriert und erweitert. Gremi war im Mittelalter ein bedeutsamer Handelsposten auf der Seidenstraße zwischen China und Europa. Hier lässt sich die Lebenswelt des kachetischen Hofstaates im 16. und 17. Jahrhundert nachvollziehen. Bevor die Perser einfielen, fast alles zerstörten, die Hauptstadt ins nahe Telavi verlegt wurde und – wenige Jahrzehnte später – Kachetien seine Unabhängigkeit an das Russische Zarenreich verlor. Höhepunkt der Anlage ist die weithin sichtbare Festungskirche, von der sich schöne Blicke über das Tal des Alazani und die ab hier aufsteigende Bergkette des Hohen Kaukasus bieten. Wir waren die einzigen Touristen. Neben uns nur ein paar Souvenir-Verkäuferinnen und zwei Museumsführer. Letztere gaben ihr Bestes, uns in russischer Sprache einem Schnellkursus in kachetischer Geschichte zu unterziehen. Derart detailliert hätte es nicht sein müssen und unsere kleine Tochter interessierte sich ohnehin nur für die etlichen Straßenhunde am Wegesrand. Gremi ist ein heißer Kandidat für die Aufnahme ins UNESCO-Welterbe und hätte deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient. Nach Corona ist Putins Krieg in der Ukraine der nächste Schlag für die eigentlich aufstrebende georgische Tourismuswirtschaft.

Festung Gremi.

Nur zehn Kilometer östlich von Gremi bogen wir von der nach Aserbaidschan führenden Hauptstraße ab und steuerten das Kloster Nekresi an. Die Anlage erschien uns zunächst recht unspektakulär, bis wir lernten, dass wir weiter hinaufmussten und die kleine Kirche samt Friedhof am Fuß der Berge nicht alles waren. Das eigentliche Kloster lag anderthalb Kilometer und etliche Kehren über uns. Angesichts des drohenden Regens und vielleicht auch aus Mitleid mit unserer kleinen Tochter öffneten die Wärter die Schranke und erlaubten uns ausnahmsweise mit dem Auto hinaufzufahren. Das Kloster schmiegt sich wie ein Adlernest in das Vorgebirge des Hohen Kaukasus. Von hier lässt sich die Alazani-Ebene in ihrer gesamten Länge überblicken. Ein grünes, weites Tal. An allen Ecken und Enden unzählige Weinreben. Im Kloster selbst muss man die Kathedrale des Erzengels besichtigen. Kulturhistorische Laien werden sich jedoch vornehmlich für die spektakuläre Lage begeistern.

Nun waren es noch 50 Kilometer bis zum Lagodechi-Nationalpark an der aserbaidschanischen Grenze, wo unsere nächste Unterkunft wartete. Auf dem Weg dorthin wollten wir unbedingt eines der vielen Weingüter besuchen, zu Mittag essen und den einen oder anderen Tropfen probieren. Fündig wurden wir in der Kleinstadt Kwareli, wo gleich zwei Winzereien zur Auswahl standen. Beides ausgedehnte Areale, die erkennbar auf Besuch eingestellt waren. Prächtig verzierte Terrassen, sorgfältig gepflegte Gärten, ein herrschaftliches Gutshaus und oben ein Restaurant mit Blick auf die weiten Rebstöcke. In Vielzahl und Pracht müssen sich die georgischen Weingüter nicht hinter jenen in Frankreich, Italien oder Kalifornien verstecken. Geschmacklich ohnehin nicht. Es ist ein Muss für jeden Kachetien-Reisenden. Man wird gut gegessen und vermutlich das eine oder andere Fläschchen erstanden haben. Die Preise sind um etliches geringer als in vergleichbaren westeuropäischen Gütern, die Qualität oft höher. Georgien ist das Mutterland des Weinbaus und ich kenne kein Land weltweit, welches derart von dieser Tradition geprägt ist. Speziell hier in Kachetien. Eine Besonderheit sind die Quevri, die tönernen, unterirdischen Kammern, in denen der Wein ausreift.

Kwareli-Weingut.

Angekommen in Lagodechi

Der kleine Ort Lagodechi ist die größte Siedlung im äußersten Nordosten Georgiens. Vier Kilometer östlich folgt einer der wichtigsten Übergänge nach Aserbaidschan. Hier wären wir durchgekommen, wenn wir unsere ursprünglich geplante Tour von Tiflis nach Baku und wieder zurück hätten realisieren können. Doch Aserbaidschan hält seine Land- und Seegrenzen für den touristischen Verkehr noch immer geschlossen. Vorgeblich wegen Corona, doch möglicherweise spielt auch die instabile politische Situation eine Rolle. Richtung Norden markiert der Kamm des Hohen Kaukasus die Grenze zu Russland. Dazwischen erstreckt sich ein Nationalpark, der trotz aller politischen Friktionen noch immer gemeinsam von russischen, aserbaidschanischen und georgischen Rangern gepflegt und geschützt wird.

Unsere Unterkunft befand sich unweit des Haupteingangs zum Park. Ein älteres Pärchen hatte im zweiten Stock ihres Hauses vier Gästezimmer eingerichtet. Im Garten wurden etliche Obst- und Gemüsesorten angebaut. Es gab Hühner, Hasen, ein paar Schafe, eine Katze und den Hund. Im Keller reifte Wein. Die Umgebung schattierte in allen erdenklichen Grüntönen. Es war ein Paradies, in dem sich unsere Tochter erkennbar wohlfühlte, schaukelte und mit großer Begeisterung die Hasen fütterte. Der Himmel war zwar noch bedeckt, doch der Regen hatte sich verzogen. Für das Abendessen fanden wir direkt am Nationalparkeingang ein gutes Restaurant. Und Soana hatte am Straßenrand wieder einen Hund gefunden, der ihr treuherzig folgte.

Reiten im Nationalpark

Wunderbar das alles, doch die Wettervorhersage machte Sorgen. Für den folgenden Tag war Regen angesagt. Dauerregen, weshalb wir kurz davor waren, unseren ursprünglich geplanten Reitausflug zu stornieren. Unser Gastgeber in Lagodechi hielt uns ab. Wir sollten den Morgen abwarten und spontan entscheiden. In Georgien sei das kein Problem. Und tatsächlich blieb es erstmal trocken, weshalb wir das Risiko in Kauf nehmen wollten. Schließlich hatten wir unserer Tochter diesen Tag als eines der Highlights der gesamten Reise verkauft. Wir gingen zum Nationalparkeingang und fragten die Ranger, ob sie etwas auf die Schnelle arrangieren können. Das klappte bemerkenswert gut. Wir mussten uns nur registrieren und dann wurde der Kontakt zu einem Guide hergestellt. Er würde eine halbe Stunde später an einem anderen Eingang auf uns warten. Mit dem Auto wären wir in zehn Minuten dort. 70 Lari pro Pferd, 70 Lari für den Guide. Zusammen 210 Lari, umgerechnet 65 Euro, für eine ganztägige Tour. Eigentlich hatte ich mir den Rocho-Wasserfall als lohnendes Ziel herausgeguckt, doch die Ranger meinten, dass die Pfade dorthin für Pferde zu schwer seien, zumal für ungeübte Reiter und so kurz nach der Schneeschmelze. Also sollten wir immer am Matsimis Tskali-Fluss entlangreiten bis wir das Machi-Kloster erreichen. Und weil der Fluss die Grenze zu Aserbaidschan markiert, mussten wir die Reisepässe mitnehmen, um sie bei einem kleinen Militärposten auf dem Weg vorzeigen zu können.

Aserbaidschan auf der anderen Seite des Flusses.

Unser Guide sah aus wie die georgische Version meines mongolischen Lieblingsschwagers Tulga. Er half meiner Frau und unserer Tochter aufs Pferd und sagte nicht viel. Um mich kümmerte er sich im Grunde gar nicht. Eine kleine Einführung wäre allerdings hilfreich gewesen, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben allein auf einem Pferd saß. Anfangs war der Weg noch eben und mein Pferd trottete dem anderen brav hinterher. Später wurde es schwieriger und mein Pferd unruhiger. An einer Weggabelung bog es in die falsche Richtung ab und ich hatte überhaupt keine Ahnung, wie ich es stoppen, geschweige denn steuern kann. Einige, von meiner Frau herübergebrüllte, Empfehlungen später konnte ich mir selbst helfen. Learning by doing. Zügel nach hinten und Brrrr – Stopp. Leicht nach links – links. Leicht nach rechts – rechts. Lockerlassen und Atschit – Los.

Nach zwei Stunden war das Ende des Pfades erreicht. Hier ging es nur noch zu Fuß weiter. Eine abenteuerliche Brücke über einen kleinen Fluss, dann der steile Aufstieg auf einen Bergsattel und wir waren da. Vom Klosterkomplex sind nur vereinzelte Ruinen erhalten. War aber nicht schlimm, denn erstens konnten wir in einer kleinen Kapelle immerhin eine Kerze anzünden und zweitens war die prächtige Natur um uns herum ohnehin viel wichtiger. Unter uns lag das breite Tal des Matsimis Tskali und auf der anderen Seite Aserbaidschan. Wir waren in einem herrlichen Mischwald, atmeten gute Luft und sahen über uns die Bergriesen des Kaukasus.

Auf dem Weg zurück in die Zivilisation fühlte ich mich deutlich sicherer. Mein Pferd gehorchte aufs Wort. Die Chemie zwischen uns schien zu stimmen. Der Regen begann just in dem Moment, als wir das Auto erreichten. Wir hatten mal wieder Glück gehabt.

Frühstück in Sighnaghi.

Sighnaghi und Bodbe

Es regnete den ganzen Nachmittag, den Abend und die Nacht lang durch und war auch richtig kalt. Am nächsten Morgen waren die Bergwälder über uns vollkommen verschneit. Ansonsten aber stahlblauer Himmel und Sonne. Die Schlechtwetterfront war vorübergezogen und wir steuerten den nächsten Nationalpark an. Vashlovani im äußersten Südosten Georgiens. Auf dem Weg wollten wir in Sighnaghi Station machen, wo wir angesichts der frühen Stunde und der kurzen Fahrzeit frühstücken wollten. Noch unter Präsident Saakashvili war die kleine Stadt aufwendig restauriert worden, um einen Eindruck von einer mittelalterlichen georgischen Siedlung zu ermöglichen und den Tourismus anzukurbeln. Sighnaghi liegt oben im Gombori-Gebirge, bietet einen freien Blick auf das Alazani-Tal und den schneebedeckten Hohen Kaukasus dahinter. Runter ins Tal kann man auf der alten Stadtmauer laufen und oben locken verwinkelte Gassen mit allerlei Lädchen, Ständen und Restaurants. Drei Kilometer südöstlich von Sighnaghi erhebt sich das Nonnenkloster Bodbe mit ebenso herrlichen Blicken, der prächtigen Hauptkirche und den liebevoll gepflegten Gärten. Wir waren 2020 schon einmal hier gewesen und uns einig, dass Sighnaghi und Bodbe zu den schönsten Orten im Kaukasus gehören.

Nonnenkloster Bodbe.

Dedoplis Tskaro, Adlerschlucht und die Vorbereitungen auf den Nationalpark

Nach einer weiteren Stunde Fahrt hatten wir Dedoplis Tskaro erreicht. Hier – südlich des Gombori-Massivs – war die Vegetation deutlich spärlicher als im fruchtbaren Alazani-Tal. Unser Dorf war die letzte größere Siedlung vor der weiten Steppe, die in Richtung Osten und Süden stetig wüstenhafter wird.

Wir hatten wieder etwas Mühe bei der Suche nach der Unterkunft und verstanden nicht, warum man nicht einfach ein Schild hinstellt oder zumindest einen Hinweis auf den Zaun schreibt. Der schöne Garten mit den vier selbstgezimmerten Ferienhäusern hätte diese Aufmerksamkeit verdient. Wir wohnten ganz hinten in einer Art Finnhütte und es war urgemütlich. David, unser Gastgeber, war äußerst bemüht, uns sämtliche Wünsche zu erfüllen. Das war gut, denn ich brauchte dringend Informationen, wie wir am kommenden Tag in den Nationalpark gelangen und welche Dinge zu beachten sind. Er erklärte mir alles. Zunächst zur Nationalparkverwaltung, um sich registrieren zu lassen, dann auf die andere Seite der Stadt zur Militärgarnison, um die Erlaubnis zum Betreten des Grenzgebietes zu erwirken. Bei der Gelegenheit sollte ich gleich tanken und einkaufen, denn hinter Dedoplis Tskaro würde es nichts mehr geben. Ich könne auch allein fahren und die Reisepässe von Frau und Tochter mitnehmen, was ich auch tat, denn Soana wollte sich im Garten vergnügen.

Am Eingang der Nationalparkverwaltung traf ich nach der Begegnung mit Marvin und seinem Vater an der Kazchi-Säule den nächsten deutschen Weltreisenden – Eduard, einen Russlanddeutschen aus dem Heidekreis, der mit seiner Freundin schon ein Jahr lang unterwegs gewesen war. Über den Balkan und die Türkei in den Kaukasus. Nun war fraglich, wie es weitergeht. Irgendwie warteten alle auf die Öffnung der aserbaidschanischen Grenze.

Es hatte mich ein wenig Mühe gekostet, diese Militärgarnison zu finden, doch immerhin erhielt ich recht schnell meine Akkreditierung. Auch Tanken und Einkaufen waren schnell erledigt. Geld wechseln dauerte allerdings, weil ich mich als Ausländer bei der TBC-Bank erst registrieren musste und die Dame am Schalter ewig auf die Bestätigung aus Tiflis wartete. Schlussendlich musste ich David bitten, schnell vorbeizukommen, damit ich auf seinen Namen tauschen konnte.

Wir entschieden uns, das Abendessen bei David und seiner Frau Teo zu bestellen, denn im Ort gab es nicht viel. Davor empfahlen uns die beiden eine kurze Wanderung durch die nahegelegene Adlerschlucht. Im Sonnenuntergang und bei aufgehendem Vollmond. Zunächst hielten wir uns oben am Rande der Schlucht mit Blick auf das Alazani-Tal und den Hohen Kaukasus, wobei wir allerdings verfolgt wurden von zwei nicht mehr ganz nüchternen jungen Männern, die in riesigen Bottichen circa 20 Liter Bier mit sich herumschleppten. In jedem anderen Land hätte eine solche Begegnung mitten im Nichts womöglich Beklemmungen ausgelöst, doch die beiden wollten gar nicht lästig sein, sondern nur darauf aufmerksam machen, dass wir unbedingt auch den Weg in bzw. durch die Schlucht nehmen sollen. Ein guter Tipp, denn es boten sich wieder herrliche Fotomotive auf einem gut ausgebauten Wanderweg. Wir ahnten langsam, dass sich der Vashlovani-Nationalpark am morgigen Tage zu einem besonderen Highlight entwickeln würde.

Adlerschlucht in Dedoplis Tskaro.

Der spektakuläre südöstlichste Zipfel Georgiens

Nach dem Abendessen waren wir schnell schlafen gegangen, weil David uns eingeschärft hatte, früh genug aufzubrechen. Die Tour würde lang werden und wir sollten unbedingt sicherstellen, rechtzeitig vor Sonnenuntergang den Park wieder verlassen zu haben. Anderenfalls würde eine Nacht im Auto drohen, weil es dort weder Internet noch Mobilfunksignale und auch keine Straßen, kein Essen und vor allem kein Licht gäbe. In der Nationalparkverwaltung hatte man mich wissen lassen, dass die Kernzone des Parks noch gesperrt sei, was schade war, weil uns nur dieser eine Tag blieb. David tat dies nach zwei kurzen Telefonaten als Schwachsinn ab und hielt ohnehin nicht viel von der dortigen Bürokratie. Niemand würde uns aufhalten, weil außer ein paar Viehhirten schlichtweg niemand da sein werde.

Bis zum 40 Kilometer südöstlich von Dedoplis Tskaro gelegenen Ort Kasristskali gab es noch eine Straße. Zunächst eine sehr gute, dann zusehends schlechter, bis der Asphalt vollends abriss. Hier standen ein paar alte Hangars. Ausrangiert und mit Moss bewachsen, sahen sie aus wie überdimensionierte Hobbit-Höhlen. Niemand weiß, warum sich die Russen im Jahr 2008 dazu entschieden, diese öde und leere Gegend zu bombardieren. Vielleicht als Message an das nahegelegene Aserbaidschan, sich ja aus diesem Konflikt herauszuhalten. Jedenfalls sollten wir kurz hinter den Hangars nach rechts abbiegen und würden irgendwann den Eingang zum Nationalpark finden. Allerdings gab es keinerlei Hinweisschilder – zumindest keine in lateinischer oder kyrillischer Schrift – und auch Google.maps funktionierte nicht. Verschiedene Pisten führten in alle möglichen Richtungen und ich begann mich zu fragen, wie um alles in der Welt ich mich hier orientieren soll. Zumal wir die einzigen Touristen weit und breit waren. In dieser Not muss uns irgendein höheres Wesen diesen schwarzen Geländewagen gesandt haben, der bei einem kurzen Fotostopp an uns vorbeibretterte. Wir stiegen schnell wieder ins Auto und fuhren hinterher. Als sie bei einem Viehhirten nach dem Weg fragten, stieg ich aus, stellte mich vor und erkundigte mich nach den Plänen. Die deckten sich mit den unsrigen und ich kündigte an, mich einfach anschließen zu wollen. Etwas übergriffig vielleicht, doch sie reagierten wohlgesonnen, mit der landestypischen Lässigkeit. Eine georgische Familie aus Tiflis, die sehr gut Russisch und auch etwas Englisch sprach. Wir würden uns also verstehen. Jura – so hieß der Fahrer – fand auf Anhieb den kleinen Militärposten, an dem wir unsere Pässe vorzeigen mussten. Hier wäre Schluss gewesen, wenn es nach der Dame von der Nationalparkverwaltung gegangen wäre. Doch David hatte recht gehabt. Die Soldaten prüften nur die Dokumente. Alles andere war frei.

Im Vashlovani-Nationalpark.

Wenige Kilometer später erreichten wir einen Aussichtspunkt, von dem sich fantastische Blicke auf die sich unter uns erstreckenden Badlands eröffneten. Wie im Grand Canyon oder dem Monument Valley. Keine Spur weniger spektakulär und deutlich abenteuerlicher. Nun ging es auf einer schwierigen Piste hinunter an den Alazani-Fluss, der hier die Grenze zu Aserbaidschan bildete. Direkt am Alazani stand eine kleine Rangerstation mit einem Picknicktisch und einem Plumpsklo. Ein einzelner Ranger empfahl uns den Weg auf einen Sandsteinfelsen, auf dessen Gipfel der Grenzpfahl zu Aserbaidschan zu erkennen war. Der südöstlichste Punkt Georgiens, an dem der Alazani aufhört, ein Grenzfluss zu sein und vollständig auf aserbaidschanisches Territorium übertritt. Der Aufstieg dauert eine halbe Stunde und hatte ein paar schwierige Stellen. Für Erwachsene leicht zu bewältigen, doch mit unserer Sechsjährigen etwas gefährlich. Anfangs hatten wir in dieser trockenen Gegend noch Angst vor den vielen Schlangen, die sich im Nationalpark tummeln sollen, doch David hatte uns gesagt, dass sie zu dieser Jahreszeit zwar recht zahlreich, aber nicht aggressiv seien. Letztlich haben wir keine einzige gesehen, ahnten aber, dass sie um uns sein würden. Oben auf dem Berg spazierten wir noch einige Meter hinter den Grenzpfahl. Wir waren nun in Aserbaidschan, doch das interessierte kaum. Wichtiger war die imposante Aussicht auf die Windungen des Alazani und die nicht enden wollenden Sandsteinformationen. In der Ferne sahen wir das schneebedeckte Murovdag-Massiv. Mit knapp 4.000 Metern einer der höchsten Gipfel des Kleinen Kaukasus. Dahinter liegt das zwischen Aserbaidschan und Armenien umkämpfte Berg-Karabach.

Nach der kurzen Wanderung zurück wartete eine weitere Überraschung. Die georgische Familie war gut vorbereitet und lud uns zu einem reichhaltigen Picknick. Direkt am Alazani, der hier nicht so gemächlich war, wie im gleichnamigen Tal, sondern mit brachialer Gewalt der Kura entgegendonnerte.

Alazani-Fluss am südöstlichsten Punkt Georgiens.

Schlangen, Schildkröten und allerlei mongolische Ansichten

Wir fuhren wieder hoch zu dem kleinen Militärposten, wo wir mit den Soldaten den weiteren Verlauf unserer Tour besprachen. Sie rieten uns, auf die andere Seite dieses langgezogenen Bergmassivs zu fahren, wo sich eine weite Wüstenlandschaft eröffnen würde, warnten aber auch auch, dass wir am Fuß der Berge und auf der vorgezeichneten Piste bleiben sollen, denn die Grenze zu Aserbaidschan sei dort nah und die Kollegen auf der anderen Seite würden bei illegalen Grenzübertritten keinen Spaß verstehen. Auf der Passhöhe erhaschten wir einen Blick auf den Mingacevir-Stausee, das größte Wasserreservoir Aserbaidschans, wo Alazani und Kura zusammenfließen. Die Gegend unten erinnerte uns an die Mongolei. Eine weite Geröllwüste. Da und dort eine Nomadenfamilie mit ihrem Vieh. Ansonsten nichts. Wir bretterten circa 20 Kilometer hindurch und erkannten in südlicher Richtung den Lauf der Kura, die sich wie ein grünes Band durch das Ödland zog. Dann ging es in einem ausgetrockneten Flussbett wieder auf die andere Seite des Massivs. An einem Aussichtspunkt ließen sich in alle Richtungen die verschiedenen Vegetationsformen der Region erkennen. Steppe, Wüste bis hin zu ausgedehnten Wäldern. Und überall Muscheln an den Sandsteinwänden, denn vor Millionen von Jahren war hier noch Meeresgrund gewesen. In tausenden Löchern nisteten Vögel in der Felswand. Wir sollten uns aber nicht nähern, so die georgische Familie, weil sich unten üblicherweise Schlangen tummeln, in freudiger Erwartung auf das eine oder andere Küken, das versehentlich aus dem Nest fällt. Und weil das noch immer nicht reichte, kreuzten mehrere Landschildkröten unseren Weg, hatte Soana bereits am Alazani einen leeren Panzer gefunden.

Wüste an der georgisch-aserbaidschanischen Grenze.

Wieder zurück in Kasristskali trennten wir uns von der georgischen Familie. Hier war die Landschaft in tiefes Steppengrün getaucht, das von etlichen Viehherden besiedelt war. Nun waren es noch 40 Kilometer zurück nach Dedoplis Tskaro. Einen Gutteil davon lenkte Soana das Auto, was ihr ausnehmend gefiel und wobei sie sich gar nicht so schlecht anstellte.

Angekommen in der Unterkunft, merkte ich, dass sechs Stunden Fahrt in schwierigem Gelände ganz schön schlauchen können. Müde, aber glücklich. Es war ein besonderer Tag und Vashlovani rückte ganz nach vorn auf der Liste unserer kaukasischen Erlebnisse. Abendessen im Schein des Vollmondes in Davids und Teos Garten. Morgen weiter nach Armenien.

Auf dem Weg zurück nach Dedoplis Tskaro.

Noch ein paar Tipps zum Schluss

Kachetien ist im Prinzip alles, was sich zwischen Tiflis und der aserbaidschanischen Grenze erstreckt. Es ist die größte Provinz Georgiens, die auch georgisch kontrolliert wird. Nur Abchasien ist etwas größer. Die Berge mögen nicht ganz so hoch und das Meer fern sein, doch es gibt andere gute Gründe, hier einige Tage zu verbringen. Idealer Ausgangspunkt ist die Stadt Telawi, die zumindest etwas urbanes Flair versprüht und von der aus sich die meisten Höhepunkte der Region gut erschließen lassen. Das Alawerdi-Kloster, die Festung Gremi und das Kloster Nekresi liegen allesamt weniger als eine halbe Autostunde entfernt. Dazwischen finden sich etliche prächtige Weingüter, die unbedingt einen Besuch lohnen. Beste Reisezeit ist der September, wenn das weite Alazani-Tal mit der Weinlese befasst ist, es nicht mehr so heiß ist, aber die Bergpässe noch befahrbar sind. Eine besondere Attraktion ist die Straße nach Tuschetien, wo sich in wilder Bergwelt eine spezielle Kultur ausgeprägt hat. Georgien im Quadrat, wenn man so will. Alles noch eine Spur wilder und authentischer. Die Route dorthin wurde in verschiedenen deutschen Reisedokumentationen als Todesstraße beschrieben. Ganz so schlimm ist es nicht, doch es empfiehlt sich ein geländegängiges Fahrzeug, im Zweifelsfall auch ein Fahrer.

Der Lagodechi-Nationalpark zieht vornehmlich Bergwanderer an und ist mittlerweile hervorragend erschlossen. Wann man will, kommt man im Hochgebirge bis ran an den Kammweg des Kaukasus, der gleichzeitig die russische Grenze markiert. Aufpassen, dass man auf den Wegen bleibt und nicht versehentlich ins russische Dagestan hinübertritt. 50 Kilometer südlich von Lagodechi bzw. 60 Kilometer südöstlich von Telawi thront über dem Alazani-Tal die herrliche und aufwendig restaurierte Kleinstadt Sighnaghi mit dem nahegelegenen Nonnenkloster Bodbe.

Kachetien lässt sich grob in vier geografische Zonen einteilen, die sich jeweils von West nach Ost erstrecken. Zunächst ganz im Norden der Hohe Kaukasus an der russischen Grenze, dann das weite Tal des Alazani, dann der Gombori-Gebirgszug und südlich davon eine weite Steppenlandschaft. Hauptattraktion in der letzteren Region ist der Vashlovani-Nationalpark. Besucher sollten sich allerdings entweder gut vorbereiten oder die Hilfe ortskundiger Guides in Anspruch nehmen. In der Kernzone des Nationalparks fehlt es an jeglicher Infrastruktur und das Wegenetz ist nicht ansatzweise so gut beschildert, wie etwa in Lagodechi. Üblicherweise wird man mit dem Jeep vorankommen und weniger zu Fuß.

Das Davit-Gareja-Höhlenkloster lässt sich leichter erreichen. Es liegt ebenfalls direkt an der aserbaidschanischen Grenze. Noch vor einigen Jahren ließen sich auch die Kammern auf der aserbaidschanischen Seite des Bergmassivs besichtigen, doch mittlerweile lassen die Azeris das nicht mehr zu. Die Lawra, also die Hauptkirche, liegt aber in Georgien.

Davit Gareja lässt sich wunderbar in einem Tagesausflug von Tiflis aus erreichen. Morgens hin, nachmittags zurück. Für Vashlovani sollte man unbedingt einige Tage einplanen. Als Ausgangsort bietet sich Dedoplis Tskaro an, weil hier die Registratur für den Nationalpark und jene für das Grenzgebiet vorgenommen werden muss, sich daneben einige Supermärkte, zwei Banken, wenige Restaurants, drei Tankstellen und einige Gasthäuser finden.

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