Mama Odesa
Die nächste sommerliche Hilfsfahrt in die Ukraine. Dieses Mal jedoch mit einem anderen Zuschnitt. Nicht nur Berlin-Lemberg-Kyjiv, sondern entlang der schönsten touristischen Orte bis hinunter ans Schwarze Meer. Hintergrund ist, dass ich mit Ostwärts Reisen baldmöglichst Touren in die Ukraine anbieten möchte und vorher alles aus eigenem Anschein gesehen haben will. Über Lemberg war ich durch die Karpaten und das podolische Hügelland in die Zentralukraine gelangt. Nun lag das Traumziel Odesa vor mir.
Granitsteppe bei Pervomaisk
Odesa hat für mich einen märchenhaften Klang. Schon lange träumte ich davon, dieser legendären Schönheit am Schwarzen Meer einen Besuch abzustatten, nun war es bald so weit. Schon gestern in Kamjanets-Podilsky hatte ich mir über Booking ein Apartment in der Innenstadt reserviert. Vorher jedoch wollte ich mir die Landschaften der Südukraine und speziell die Granitsteppe rund um das Durchbruchstal des Südlichen Bug erschließen. Leider wurde ich dazu schon nach knapp 20 Kilometern vom hervorragend ausgebauten Highway zwischen Kyjiv und Odesa heruntergelotst. Doch auch die Landstraßen waren zunächst akzeptabel und zudem kaum befahren in dieser menschenleeren Weite. Eine fantastische Landschaft, die so auch im Mittleren Westen der USA spielen könnte. Platteben, mit riesigen landwirtschaftlichen Flächen, die nur alle paar dutzend Kilometer von einer winzigen Siedlung unterbrochen wurden. Im Unterschied zum Mittleren Westen tauchten hier wie aus dem Nichts immer mal wieder verfallene Plattenbausiedlungen auf, die regelmäßig von ausgedehnten Industriebrachen flankiert wurden.
Der Südliche Bug gräbt sich durch die Granitsteppe bei Pervomaisk.
Die Granitsteppe war touristisch kaum erschlossen. Ein ausgedehntes Gebiet südlich der Stadt Pervomaisk (1.Mai-Stadt), die genauso aussieht, wie sie heißt. Google.maps lotste mich zu einem kleinen Weiler hoch über dem Fluss. Die Straße, die ich nach unten zum Ufer fahren sollte, war bald gesperrt. Ein Kraftwerk stand im Weg und ich wusste, dass ich hier definitiv nicht fotografieren darf. Zwei weitere Versuche scheiterten ebenfalls, bis mir zwei Einheimische den Weg zu einem wilden Pfad wiesen, auf dem ich wieder größte Angst um meinen Skoda hatte. Hier am Ufer des Südlichen Bug bekam man immerhin einen Eindruck von der Landschaft, doch so richtig zufrieden war ich nicht. Auf dem Rückweg zur Landstraße traute ich mich noch, durch die Häuserreihen zum Steilufer zu laufen und von dort ein Foto von der Szenerie zu schießen. Immer im Hinterkopf, dass dies hier ein verschlafenes Dörfchen ist, die Front nicht mehr weit war, wichtige Infrastruktur sich in unmittelbarer Nähe befand und man sich vermutlich schon wunderte, was dieser einsame Ausländer hier trieb. Die Blicke haben mich für die Angst entschädigt. Eine fantastische Landschaft durchsetzt von dutzenden Granitfelsen mit weiter Vegetation, durch die sich der träge Südliche Bug mäandert. Ein Paradies für Kletterer und Wanderer.
Im Nachhinein hätte ich etwas früher abbiegen sollen. Dort, wo die Landstraße über die Schlucht des Südlichen Bug führt und sich südlich davon ein kleines Wandergebiet erstreckt. Dieser Weg hätte mich dann auch schnell zurück auf den Highway zwischen Uman und Odesa geführt und mir die schrecklichen Strapazen der kommenden zwei Stunden erspart. Stattdessen leitete mich Google.maps über staubige Wege, die eigentlich nur aus riesigen Löchern bestanden, und durch verlassene Kulissen, die direkt aus einem Endzeitroman entnommen schienen. Der einzige Fehler auf meiner Reise bisher, doch ich wollte die Erfahrung nicht missen. Zumal ich später gelernt habe, wie es richtig geht.
Die Potemkinsche Treppe und dahinter der Passagierhafen, von wo vor dem Krieg die Fähren nach Georgien abgefahren sind.
Die Perle am Schwarzen Meer
Ich kam von Osten hinein nach Odesa. Kurz vor der Stadt wurde ich wieder von der Polizei gestoppt, war wieder zu schnell gewesen und kannte das Procedere bereits vom gestrigen Tag. Das Apartment lag im Norden der Innenstadt. Es war gemütlich eingerichtet und sogar mit einem staubigen Balkon ausgestattet, auf dem ich abends rauchen konnte. Gleich kam jemand vorbei, um das Geld abzuholen. Es war erst Nachmittag, sodass ich ein wenig Zeit hatte, ein paar Dinge zu erledigen. Wäsche waschen, Glatze rasieren, einkaufen, Geld wechseln und schonmal die kommenden Etappen vorplanen. Logisch, dass mich der erste Spaziergang am frühen Abend Richtung Oper und Potemkinscher Treppe führte. Letztere bildet die Verbindung von der Innenstadt hinunter zum Passagierhafen. Ich wusste nicht, dass genau hier vor dem Krieg die Fähren nach Batumi in mein georgisches Herzensland abgefahren waren. Nun aber war das Terminal vollkommen zerbombt, ist von einem zivilen maritimen Verkehr auf dem Schwarzen Meer gar nicht zu denken.
Wie Sankt Petersburg ist auch Odesa eine Planstadt. Während erstere unter Peter dem Großen angelegt wurde, geht letztere auf die Initiative Katharinas der Großen zurück. Nach einem der vielen russisch-osmanischen Kriege war das Gebiet östlich der Dnister-Mündung an das Zarenreich gefallen, sollte in Odesa ein Hafen angelegt werden, mit dem Russland weit in den Schwarz- und Mittelmeerraum hineinwirken wollte. 1823 machte der Generalgouverneur von Neurussland und Bessarabien, Fürst Woronzew, Odesa zu seiner Hauptstadt, prägte in den Folgejahren die wirtschaftliche und vor allem kulturelle Blüte. Viele der vornehmen Paläste und Gärten sind in dieser Zeit entstanden.
Das Opernhaus von Odesa.
Im Zarenreich war Odesa eine multikulturelle Stadt, wurde u.a. von Alexander Puschkin für ihren ausgeprägten Freisinn gelobt. Nach der Oktoberrevolution zunächst Teil einer unabhängigen Ukraine, wurde sie aber bald von den Bolschewiki erobert und in die Sowjetunion integriert. Die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg hatte schreckliche Folgen vor allem für die jüdische Bevölkerung. Im April 1944 wurde Odesa wieder sowjetisch, hatte die Wehrmacht ihre Stellungen rund um die Stadt aufgegeben. Den Ruf als frei und progressiv hatte sich Odesa auch in der allgemeinen Sowjet-Tristesse erhalten. Schließlich kamen hier verschiedenste Einflüsse zusammen, wurde die Stadt von der Boheme für ihr mediterranes Flair geschätzt.
Zu erwähnen ist, dass Odesa bis heute eine vornehmlich russischsprachige Stadt ist. Mit Ukrainisch kommt man zwar auch weiter, die übliche Alltagssprache ist aber Russisch, das in der gesamten Südukraine als erste Verkehrssprache dient. Das ändert allerdings nichts daran, dass sich die große Mehrheit der Bevölkerung als ukrainisch definiert. Abgesehen davon war Odesa immer eine äußerst heterogene Stadt, in der neben Ukrainern und Russen auch viele andere ethnische Gruppen lebten und leben. Untereinander verständigte man sich eben auf Russisch, weil alle das irgendwann mal hatten lernen müssen. Entgegen der russischen Propaganda ist der Gebrauch der russischen Sprache in der gesamten Ukraine gänzlich unproblematisch. Selbst jetzt noch.
Das Rathaus von Odesa.
Eine Stadt im Krieg
Schon 2014 hatten die Russen versucht, in Kooperation mit Provokateuren und Kriminellen die Kontrolle über Odesa zu erlangen, doch die breite Mehrheit der Stadtbevölkerung stellte sich deutlich gegen derartige Versuche der Infiltration. Bis heute ist die Stadt eines der wichtigsten Kriegsziele der russischen Armee, die vergeblich versucht hatte, einen Korridor von der Krim bis ins russisch kontrollierte Transnistrien zu schaffen und die Ukraine somit vollständig vom Schwarzen Meer abzuschneiden. Für die ukrainische Wirtschaft ist der hiesige Seehafen von eminenter Bedeutung, was die Stadt ins Fadenkreuz beständiger Bomben-, Raketen und Drohnenangriffe bringt. Die russisch kontrollierte Kinburn-Halbinsel ist nur knapp 50 Kilometer entfernt.
2023 hat der deutsche Schriftsteller Maxim Biller in einem literarischen Meisterwerk Odesa eine Hommage hinterlassen. Der Titel „Mama Odesa“ nimmt die liebevolle Bezeichnung der Odesiten für ihre Heimat auf, der Inhalt beschreibt das an dramatischen Wendungen reiche Leben seiner Mutter, welches sich weitgehend in Odesa abgespielt hatte.
Am Katharinenplatz wird an die gefallenen Helden erinnert.
Die ersten beiden Nächte ohne Luftalarm
Ich streifte noch ein wenig durch die prächtigen Boulevards der Innenstadt und ließ mich dann in einem moldauischen Restaurant nieder. Die Pracht der Gebäude kontrastierte auf schmerzvolle Weise mit der Niedergeschlagenheit, die sich in den Gesichtern der Passanten ausdrückte. Ähnlich wie Kharkiv ist Odesa schwer vom Krieg gezeichnet. Ganz anders als zu Beginn der Reise in Lemberg war das hier deutlich zu spüren. Überall baten Plakate darum, dass Gott die Stadt weiter schützen möge, auf den Gehsteigen waren die Wege zu den nächstgelegenen Schutzräumen aufgemalt. Später erzählte man mir, dass meine beiden Nächte in der Stadt seit langer Zeit die ersten ohne Luftalarm gewesen seien, was ich mir mit dem Alaska-Treffen zwischen Trump und Putin erklärte, welches am Tag darauf stattfinden sollte.
Odesa war der einzige Ort auf meiner Reise, an dem ich zwei Nächte in Folge verbringen wollte. Der Skoda hatte also Pause und ich einen vollen Tag, um mir die Stadt per pedes zu erschließen. Das historische Zentrum wurde 2023 ins UNESCO-Welterbe aufgenommen. Highlight ist sicher das Opernhaus, doch auch die prächtigen Stadthäuser wissen zu beeindrucken. Das ehemals jüdische Viertel Moldovanka machte einen gänzlich anderen Eindruck. Es war in den vergangenen Jahrhunderten ein mythischer Hort der Unter- und Halbwelt, schien mir bei meinem aber Rundgang eher harmlos.
Westlich des Hauptbahnhofs breitet sich der riesige Privoz-Markt aus.
Das orthodoxe Honigfest
Weiter ging es in Richtung des prächtigen Bahnhofs, einer Kathedrale des Eisenbahnverkehrs. In unmittelbarer Nähe erstreckte sich der riesige Privoz-Markt mit seinen hunderten Ständen für jedweden Bedarf. Schon immer hatte das Markttreiben im post-sowjetischen Raum eine große Faszination in mir entfacht. So auch hier. Ein unfassbares Gewusel, das mich den nahen Krieg fast vergessen ließ.
Nördlich des Hauptbahnhofs erhebt sich das Pantaleimon-Kloster. Nicht weit davon fanden sich etliche Gläubige in einer orthodoxen Kirche zusammen. Überall wurden Gläser mit Honig und bunte Sträuße aus getrockneten Blumen feilgeboten. Priester weihten die Gläubigen mit gesegnetem Wasser. Später erfuhr ich, dass das Honigfest gefeiert wurde, welches den Beginn der orthodoxen Fastenzeit vor Mariä Himmelfahrt markiert, bei der an Süßigkeiten nur Honig erlaubt ist. Liturgisch gilt das Fest der Verehrung des Kreuzes als der heiligsten Reliquie der Christenheit.
Der Hauptbahnhof von Odesa.
Östlich des Hauptbahnhofs steht in einem kleinen Park das Gewerkschaftshaus, welches im Frühjahr 2014 traurige Berühmtheit erlangte. Hier hatten sich pro-russische Aktivisten verschanzt, von denen viele bei einem Brand umkamen. Wie und warum sich die Tragödie ereignete, ist bis heute ungeklärt, doch bis heute wird der Vorfall von der russischen Propaganda genutzt, um den Überfall auf die freie Ukraine zu legitimieren.
Vor dem Gewerkschaftshaus werden erbeutete russische Panzer ausgestellt. Das sowjetische Siegesdenkmal wurde abgebaut.
Strandleben am Schwarzen Meer
Der Taras-Schewtschenko-Park südlich der Innenstadt ist der größte Park und bildet die Verbindung zum Stadtstrand von Odesa. Auf der zentralen Allee wird den hiesigen Helden gedacht, die im Kampf gegen die russischen Okkupanten gefallen sind. Nicht weit davon steht das Stadion des Fußballklubs Tschernomorez Odesa. Hinter dem im Sowjetstil errichteten Denkmal für den unbekannten Seemann geht es hinab zur Strandpromenade, an deren Beginn sich das Nemo-Delfinarium mit seinen Wasserspielen findet. Ich war nun in einer vollkommen anderen Welt. Hatte die Stadt bislang auf mich ausgesprochen gedrückt gewirkt, regierte nun eine sommerliche Heiterkeit, gaben sich tausende Odesiten an diesem wunderbaren Sonnentag den Badefreuden hin.
Ich wusste nicht genau, ob auch ich mich in die Fluten begeben sollte. Am Stadtstrand ließ ich es erst einmal sein, wollte lieber mit einer wunderbar antiken Tram in den südlichen Stadtteil Arkadia fahren, wo es noch trubeliger hergehen soll. Dem war dann auch so. Von der Endhaltestelle führte eine breite Promenade zu den Stränden. Gesäumt von Imbissen, Kinderkarussellen, Wasserspielen und teuren Hotels, berieselt von einer Mischung aus Balkan-Pop und dumpfen Bässen. Der größte Teil war privat bewirtschaftet und konnte nur gegen ein gewisses Entgelt betreten werden. Ich hatte darauf keine Lust und suchte mir einen der wenigen Abschnitte, wo man ohne Eintritt hineinkam. Schließlich wollte ich mich nicht lange aufhalten, sondern nur mal kurz reinspringen.
Badefreuden am Langeron-Strand unweit der Innenstadt.
Zurück in der Innenstadt, fand ich ein gutes ukrainisches Restaurant mit bemerkenswert günstigen Preisen. Nachdem ich die Rechnung beglichen hatte und mich wieder auf den Weg machte, kehrte ich nach einer Weile zurück, weil ich nicht glauben konnte, dass ich gerade für knapp 15 Euro reichlich gespeist und getrunken hatte. Das seien halt die Preise in dieser Zeit, wurde mir beschieden, was ich mit einer Mischung aus Scham und Dankbarkeit hinnahm.
Odesa hatte mich auf der einen Seite begeistert und auf der anderen bedrückt. Die Kontraste waren enorm. Die prächtige Kulisse, das herrliche Wetter, aber alles durchzogen von einer allgemeinen Traurigkeit. Ich war nun am südöstlichen Endpunkt meiner Reise angekommen, machte hier kehrt und stand vor dem Rückweg nach Berlin.
Der Obelisk im Schewtschenko-Park ist der sowjetischen Marine gewidmet.
Noch ein paar Tipps zum Schluss
Die Granitsteppe ist schön, aber kaum erschlossen. Der beste Ort, um sie zu erkunden, ist die Brücke der E-584 über den Südlichen Bug.
In Odesa finden sich trotz der anhaltenden russischen Bedrohung wieder viele touristische Angebote, mangelt es nicht an Unterkünften. Luftalarm ist jedoch häufig, sodass man sich über den nächsten Schutzraum informieren sollte. Der Weg dorthin ist in der Regel in weißer Farbe mit dem Wort укрытия auf den Gehsteig aufgezeichnet.
Ein besonderes Highlight sind die Katakomben von Odesa, ein Tunnelsystem, welches sich über 2.500 Kilometer unter der gesamten Stadt und bis weit in die Vororte erstreckt. Einige Abschnitte sind natürlichen Ursprungs, andere entstanden, als in Minen und Baugruben das Material für die Errichtung Odesas entnommen wurde. In fast allen Kriegen dienten die Tunnel sowohl Partisanen als auch Angreifern der jeweils einen oder anderen Seite als Unterschlupf. Eine Führung durch die Unterwelt von Odesa gehört zum Standardprogramm einer jeden Reise.
Wer die weite Anreise mit dem Auto scheut, kann alternativ zum Flughafen Chisinau fliegen, von wo in kurzen Abständen Fernbusse nach Odesa verkehren, die in nur etwas mehr als drei Stunden Fahrt ihr Ziel erreichen. Die private moldauische Airline FlyOne bietet mittlerweile aus mehreren deutschen Städten Direktverbindungen.
Wasserspiele vor dem Nemo-Delfinarium.



















