Mit Tochter, Mama und Papa über Warschau nach Lemberg
Titel- und Beitragsbild: © Qbolewicz
Ich war schon wenige Wochen zuvor in die Ukraine gereist, um Spenden zu bringen und die touristische Infrastruktur zu erkunden. Ersteres, um insbesondere den Jungs und Mädels an der Front etwas Hilfe zu leisten, Letzteres, weil hier sehr bald Reisen in die Ukraine zu buchen sein werden. Touren, die an all jene Orte führen werden, an denen sich das Risiko, Opfer der russischen Aggressionen zu werden, in einem für mich vertretbaren Rahmen bewegt.
Meine Tochter Soana war während dieser ersten sommerlichen Hilfsfahrt mit der Mama unterwegs gewesen. Zusammen mit der mongolischen Familie und später auch einigen mongolischen Freunden aus Berlin hatte sie sich von Frankfurt Flughafen über den Böhmerwald nach Prag vorgearbeitet, um die kleine Rundtour an der polnischen Ostsee abzuschließen.
Nach ein paar Tagen in Berlin stand einen Tag nach der Abreise der mongolischen Familie ein großes Fest auf dem Plan. Die Kleine hatte zum ersten Mal gerundet, was mit einer Übernachtungsparty gefeiert wurde. Ferienbedingt kamen etwas weniger Gäste als geplant, dennoch gelang eine allseits umjubelte Sause mit Spielen, Filmen, Pizza und Bettgequatsche bis tief in die Nacht. Der Tag darauf galt folgerichtig Hausputz, Einkäufen, Wäsche und der Beantwortung von Glückwünschen.
Die Kleine wurde reich beschenkt zu ihrem Geburtstag.
Der Volvo wird vollgemacht
Am folgenden Sonntag konnte ich Soana erfolgreich an eine Freundin „verkaufen“, was mir Gelegenheit gab, auf der Insel Eiswerder im Berliner Bezirk Spandau die Hilfsgüter zu laden. Dieses Mal nicht in meinen Skoda, sondern in den deutlich voluminöseren Volvo meiner Eltern. Ich war schon mehrfach für die äußerst rührige Hilfsorganisation BerlinToBorders gefahren. Dieses Mal sollte ich technisches Gerät für die Armee und medizinisches Equipment mitnehmen. Normalerweise funktioniert das einwandfrei, doch dieses Mal gab es einige Unklarheiten. Chris, mit dem ich sonst immer zu tun hatte, war zu einem Ukraine-Benefiz-Flohmarkt nach München gereist und seine Vertretung wusste nicht genau, was geladen werden sollte, wer die Abnehmer sein würden und ob rechtzeitig die Deklarationen für den Zoll eintreffen würden. Außerdem war der Lastenfahrstuhl kaputt, sodass wir alles händisch aus dem dritten Stock nach unten schleppen mussten.
Am Ende wird dann doch immer alles gut. So viel sei vorausgeschickt. Der Volvo war derart vollgestopft, dass mein Vater sicherlich nicht gern gesehen hätte, wie ich die elektronische Kofferraumklappe mit purer Gewalt bearbeitet hatte. Sie wurde erst wieder in Lemberg geöffnet und war tatsächlich heile geblieben. Von Eiswerder fuhr ich das Auto zu meinen Eltern, stellte es dort ab, nahm das Fahrrad und holte Soana von ihrer Freundin ab. Am Morgen darauf pünktlich um 8 Uhr wollten meine Eltern Soana und mich von unserer Schöneberger Wohnung abholen.
An dieser Ecke hatte die wilde Hatz begonnen.
Sie waren pünktlich da. Die Kleine und ich standen schon an der Straße. Ich hatte auf äußerst schmales Gepäck gedrungen, denn neben vier Personen mussten auch die Koffer und Taschen im Innenraum Platz finden. Meine Eltern waren erst kurz zuvor von ihrer Norwegen-Kreuzfahrt zur Feier der Goldenen Hochzeit wiedergekommen. Sie hatten einige Bauchschmerzen in Bezug auf diese Reise, gewährten mir jedoch das Vertrauen, dass ich schon alles sorgfältig planen und umsetzen werde, und dass meine Einschätzung in Bezug auf die Sicherheitslage belastbar ist.
Vertretbare Risiken
Ich hatte im Vorfeld einige Abwägungen zu treffen, weil ich keinesfalls meine Tochter und auch nicht meine Eltern gefährden wollte. Generell ist der Krieg in Lemberg stets weit weg, hat sich dort wieder eine Atmosphäre etabliert, die sich kaum von anderen Touristenzielen in Europa unterscheidet. Bemerkenswert ist die geringe Kriminalitätsbelastung, denn es ist den Russen offenkundig nicht gelungen, die Gesellschaft so zu destabilisieren, dass sie in Verteilungskämpfen, Unordnung und moralischer Entrückung auf sich selbst losgeht. In diesem Punkt erscheint mir Lemberg sogar deutlich sicherer als viele andere Orte in Europa.
Zerstörter russischer Panzer an der Straße nach Kyjiv. Aufgenommen im Juli 2022.
Allerdings hatte Russland seit einigen Monaten die Attacken mit Drohnen, Raketen und Marschflugkörpern in der gesamten Ukraine intensiviert, was auch unsere Debatten um das Für und Wider dieser Reise belebte. Manchmal kann es helfen, alle Emotionen auszuschalten und die Sachlage rein rational zu beurteilen. In Lemberg und Umgebung waren in dreieinhalb Jahren Krieg „nur“ zwei Personen ums Leben gekommen. Auch diese zwei Schicksale sind zwei zu viel, doch streng statistisch betrachtet ist Lemberg ein Ort, an dem das allgemeine Lebensrisiko nicht höher ist als in Berlin, Warschau oder anderswo. Etwas erschreckt hatte mich das Attentat auf den ehemaligen Parlamentspräsidenten der Ukraine, der wenige Tage zuvor in Lemberg auf offener Straße erschossen worden war. Er hatte sich stets für die Integration in die Europäische Union eingesetzt und war nun Opfer einer russischen Geheimdienstoperation geworden. Eine gezielte Aktion, die als solche zu verurteilen ist, aber in den Erwägungen zur allgemeinen Sicherheit nicht allzu sehr zu Buche schlägt. Der mutmaßliche Täter konnte einige Tage später gefasst werden. Er steht im Verdacht, einer der vielen von Russland mit Geld geköderten Wegwerfagenten zu sein.
Es verhält sich wie mit dem geflügelten Wort vom Blinden und der Farbe. Donald Trump schwafelt von hunderten wunderschönen Städten, die nun in Schutt und Asche lägen, will die Ukraine auffordern, endlich ihren scheinbar sinnlosen Widerstand aufzugeben. Und auch Familie, Freunde und Bekannte assoziieren angesichts der intensiven Berichterstattung mit der Ukraine nur Zerstörung und Leid. Tatsächlich ist die Lage differenziert. Während in Lemberg in wunderschöner Kulisse eine gewisse Normalität herrscht, machen die Russen in Kherson Jagd auf Zivilisten. Mit Drohnen, die sie direkt vom anderen Dnipro-Ufer steuern. Während in Slowjansk im Oblast Donezk jede und jeder nur an das Überleben und den kommenden Tag denkt, herrscht in den Karpaten Ferienstimmung. Die Ukraine ist ein großes Land, das größte, welches ausschließlich in Europa liegt, selbst ohne die besetzten Gebiete noch einmal deutlich größer als Deutschland. Von Lemberg an die Front sind es knapp tausend Kilometer. Das gehört zu den Dingen, die man gesehen haben muss, um sie zu verstehen. Bei aller verständlichen Emotionalität scheint es mir wichtig, sich ein sachliches Bild von der Lage vor Ort zu machen. Denn genau darin liegt ja die übermenschliche Leistung der Verteidiger von Europas Freiheit. Dass die Menschen in großen Teilen des Landes noch immer frei leben können und nicht nur dahinvegetieren.
Die Autobahn der Freiheit zwischen Berlin und Warschau. Foto: Radomil
Die Reise war als Geschenk für meine Mama zum Geburtstag gedacht und wie folgt geplant: Zunächst über die Autobahn der Freiheit nach Warschau, um dort die erste Nacht zu verbringen und bestenfalls noch etwas Zeit für die Höhepunkte der polnischen Hauptstadt zu haben. Anschließend über Lublin zur Grenze bei Hrebenne-Rawa Ruska und weiter nach Lemberg, wo wir zwei Nächte bleiben wollten, um ergo einen vollen Tag für die Perle Galiziens zu haben. Schließlich zurück nach Polen über Krakowiec-Korczowa durch bis Breslau. Die letzte Fahrt nach Berlin würde nur noch knapp vier Stunden dauern, sodass am Vormittag Zeit bliebe für die Erkundung der niederschlesischen Metropole und Europas Kulturhauptstadt von 2016. Ambitioniert, aber machbar, wiewohl ich nicht genau wusste, wie sich das im Verbund mit Kind und Eltern ausgehen würde. Allein ist es zwar einsam, aber einfach. Mit anderen wird es mitunter kompliziert.
Autobahn der Freiheit
Nach einer knappen Stunde überquerten wir die Oder. Mein Vater hatte sich ausbedungen, einen Teil der Strecke selbst zu fahren und war genau wie Mama hellauf begeistert vom mittlerweile erreichten Standard der polnischen Infrastruktur. Beide kannten Polen nur aus sozialistischen Zeiten bzw. aus der Transformationsphase der 1990er Jahre. Was in den 30 Jahren dazwischen erreicht worden war, nötigte ihnen tiefsten Respekt ab. Zumal die Polen keinen großen Bruder hatten, der ihnen unter die Arme gegriffen hatte, wie mein Vater mit Bezug auf die innerdeutsche Einheit bemerkte.
Die Autobahn der Freiheit verbindet Berlin mit Warschau, firmiert in Deutschland unter A14 und später hinter der Oder in Polen als A2. Der historische Beiname wurde im Juni 2014 vergeben, als sowohl in Polen als auch in Deutschland an die Straßenproteste erinnert wurde, die später zum Sturz der Regime in Warschau und Ost-Berlin führten und in letzter Konsequenz die Freiheit vom sowjetischen Joch erkämpften. Der Abschnitt von der deutschen Grenze nach Warschau ist 2012 rechtzeitig zur Fußball-Europameisterschaft eröffnet worden, die seinerzeit gemeinsam in Polen und der Ukraine ausgerichtet worden war. Mittelfristig soll die Strecke von Warschau einerseits in Richtung Osten nach Minsk und andererseits in Richtung Südosten nach Lemberg verlängert werden. Derzeit sind die Abschnitte bis an die belarussische bzw. ukrainische Grenze jeweils zu etwas mehr als der Hälfte fertiggestellt.
Auf halbem Weg zwischen Berlin und Warschau lohnt ein Zwischenstopp in Posen, für den wir dieses Mal allerdings keine Zeit hatten.
Teuer, aber gut
Geplant war die Trasse von Beginn an als Mautautobahn, wobei an einzelnen Abschnitten Häuschen eingerichtet sind, an denen man seine Zlotys loswerden darf. Ich hatte mir von meiner letzten Ukraine-Tour noch 140 Zloty aufbewahrt und die hatten gerade so gereicht. Insgesamt erschienen mir umgerechnet etwas mehr als 30 Euro nicht sehr günstig, doch immerhin kann man hier auf herrlichem Asphalt munter drauflosrasen, denn die meisten Polen vermeiden diese Kosten, kämpfen sich stattdessen parallel auf Landstraßen voran, sodass die Autobahn der Freiheit ausgesprochen leer und darüber hinaus ausgestattet ist mit hervorragenden Rastplätzen. Viel Value für viel Geld.
Nach knapp sechs Stunden war Warschau erreicht. Ich hatte ein Apartment am östlichen Weichsel-Ufer gebucht. Parken auf offener Straße kostete hier knapp zehn Euro bis zum Morgen. Für das Apartment war wie so oft ein Self-Check-In vorgesehen. Erst muss man die Lokalität finden, dann irgendwelche Codes an Haustüren und Schlüsselkästen eingeben, bevor man in einem anonymen Neubaublock seine Wohnung bezieht. Das dauert immer ein Weilchen, gelingt dann aber doch. Wir hatten einen herrlichen Blick auf die Weichsel. Rechterhand lag die Altstadt und linkerhand die Skyline mit dem Finanzdistrikt und Stalins Kulturpalast mittendrin.
Erste Impressionen in Warschau.
Die Höhepunkte von Warschau
Wir machten uns möglichst schnell auf zu einem Rundgang. Unweit von unserem Neubaublock führte eine neu errichtete Fußgängerbrücke ans andere Ufer der Weichsel und von dort ging es immer geradeaus zum Königsweg, jener Straße, die das Stadtschloss in der Altstadt mit dem vier Kilometer südlich gelegenen Lazienki-Park verbindet und von dort ins noch einmal neun Kilometer entfernte Schloss Wilanow führt – eine der längsten und beeindruckendsten Repräsentiermeilen Europas. Wir stießen beim polnischen Präsidentenpalast auf den Trakt, und machten uns von dort gen Norden auf zur nahegelegenen Altstadt.
Ich hatte das alles schon einige Male gesehen, doch meine Eltern platzten schier vor Begeisterung. Sie kannten Warschau nur von vor der Wende, wo man schon stolz war, einige Bauten der ehemaligen Altstadt mittels Betonplatten notdürftig nachgeahmt zu haben. Ähnlich, wie das auch im Berliner Nikolaiviertel versucht wurde. Mittlerweile ist die Altstadt originalgetreu restauriert, bietet herrliche Blicke über die Weichsel und eine hervorragende touristische Infrastruktur. Der Königsweg ist auf seinen 13 Kilometern Länge an Pracht kaum zu überbieten. Südwestlich der Altstadt lässt sich über den Sächsischen Garten der Kulturpalast und dahinter der Finanzdistrikt rund um den Hauptbahnhof erreichen. Darüber hinaus bietet Warschau gleich mehrere Kunstmuseen mit Sammlungen von Weltrang, ist auch historisch-politisch hochinteressant und zieht bis heute eine lebendige Kreativszene an.
Blick auf die Stadt von der Aussichtsterrasse des Kulturpalastes.
In keinem Land Europas lassen sich die Segnungen von Freiheit, Rechtsstaat und Demokratie so gut nachvollziehen wie in Polen. Bei den Nachbarn in der Ukraine wurde diese Entwicklung genauestens beobachtet. Sie wollen auch diesen Weg gehen und nicht in Sowjet-Tristesse, Willkür und Obrigkeitsstaat versinken wie etwa die Belarussen.
Ein glückliches Mädchen
Wir hatten im Rahmen des Möglichen alles einmal abgelatscht und machten uns nach guter, deftiger polnischer Küche auf den Heimweg. Für Soana stand noch ein Highlight auf dem Plan. Meine Eltern hatten während ihrer Norwegen-Kreuzfahrt ihren zehnten Geburtstag verpasst und wollten nun die Bescherung nachholen. Meine Schwester hatte mir zwei T-Shirts der koreanischen Pop-Band Blackpink mitgegeben, zu deren Konzert Soana und ich vier Wochen zuvor nach Mailand gereist waren. Dazu gab es ein Glätteisen für die Haare, doch der Knaller war die Übergabe ihres ersten Handys, mit dessen Einstellungen ich den Rest des Abends beschäftigt war. Sie ist fast ausgeflippt vor Freude.
Der knapp 13 Kilometer lange Königsweg bildet die Verbindung zwischen dem Stadtschloss oben und dem Lustschloss Wilanow unten.
Auf dem Weg nach Lemberg hatten wir zwei Probleme zu lösen. Einerseits hatten es meine Eltern nicht geschafft, die internationale Versicherungskarte für ihren Volvo zu organisieren. Sie hätten es mit wenigen Klicks allein im Netz lösen können. Den Link hatte ich ihnen geschickt. Doch sie zogen es vor, ihren Versicherungsagenten zu konsultieren, der sie offenkundig missverstanden hatte und lediglich eine Kontaktkarte mitgab. Die war zwar grün, doch lediglich dazu gedacht, sie im Falle eines Unfalls der gegnerischen Partei zu überreichen. Nun musste alles hektisch nachgeordert werden und wir hofften, dass die ukrainischen Grenzer das Dokument akzeptieren würden, ohne es als Ausdruck vorliegen zu haben. Das zweite Problem war, dass für einen Großteil der geladenen Hilfsgüter die Deklarationen noch nicht eingetroffen waren. Chris versicherte mir, dass er bei seinen Kollegen Druck machen werde. Wenn es sich zeitlich dann doch nicht ausgehen sollte, möge ich die Sachen einfach an der Grenze lassen. Wie und wo genau, hat er mir nicht gesagt.
Bis ins 170 Kilometer südöstlich von Warschau gelegene Lublin gab es noch Autobahn, dahinter mussten wir uns auf Landstraßen voranquälen. Die Grenze hatten wir gegen zwölf erreicht. Auf dem Weg dorthin passierten wir mit Majdanek, Belzec und Chelm einige die schlimmsten Orte der deutschen Geschichte, hatten dafür jedoch keine Zeit, weil wir nicht wussten, wie lange wir an der Grenze aufgehalten würden und am Abend noch erste Eindrücke in Lemberg sammeln wollten.
Hübsches Holzkirchlein noch vor der Grenze auf polnischer Seite.
Problemlos über die Grenze
Es fing hervorragend an. Nur zehn Minuten zuvor waren auf meinem Handy die letzten Dokumente für die Hilfsgüter eingetroffen und wir konnten direkt an die polnische Abfertigung heranfahren, mussten keine Minute warten. Die Polen interessieren sich naturgemäß nicht allzu sehr dafür, was aus ihrem Land bzw. der EU herausgeschafft wird. Wenn es Probleme geben würde, waren diese für die ukrainische Seite zu erwarten. Für die Formalitäten der Zolldeklaration würde ich in ein separates Gebäude müssen und wusste nicht, wie lange ich dort aufgehalten würde.
Wir reisten zu viert und mit Gepäck. Das Rückfenster des Volvos hin zum Kofferraum hatte verdunkelte Scheiben. Man konnte von außen nicht erkennen, was geladen war. Offenkundig ging der Typ vom Zoll davon aus, dass dort eben ein paar Koffer für die Reisegesellschaft lagern und wollte nicht einmal hineinschauen. Ich war natürlich nicht so doof, auf die Zolldeklaration zu verweisen. Sie gaben uns den letzten Stempel und wir machten uns vom Acker. Nach der Internationalen Versicherungskarte hatten sie nicht einmal gefragt.
Mein Papa kurz hinter der Grenze bei Rawa-Ruska.
Wir hatten enorm Zeit an der Grenze gewonnen, aber auch eine Stunde aufgrund der Zeitumstellung verloren. An einer einsamen Tankstelle wurden die ersten Griwnas getauscht. Eine ukrainische SIM-Karte hatte ich noch von meiner letzten Hilfsfahrt drei Wochen zuvor im Handy. Alles perfekt also, doch mich verwunderte, warum mir Google.maps für die wenigen Kilometer bis Lemberg anderthalb Stunden veranschlagte. Den Grund bekamen wir bald mit, denn rechts und links der Straße wurde eine neue Trasse gebaut, auf deren Nutzung in ein zwei Jahren ich mich schon freute, die nun aber der Grund war, dass mittels Baustellenampeln ein über lange Abschnitte eingleisiger Verkehr organisiert wurde und wir immer mal wieder etliche Minuten auf grün warten mussten. Am Ende waren es gar zwei Stunden, die wir für die knapp 70 Kilometer bis Lemberg benötigten.
Wir wohnten herrschaftlich
Unser Apartment lag etwas nördlich der Innenstadt. Wieder Self-Check-In, wofür mir die Instruktionen über meinen Viber-Account gesandt wurden. Ich konnte erfahren, dass wir direkt neben einer Filiale von Nova Poshta wohnen würden und konnte mein Glück an diesem Tag kaum fassen, weil ich genau bei diesem privaten Logistik-Dienstleister meine Hilfsgüter aufgeben sollte. War dann aber doch nicht so, denn die nahmen hier nur kleinere Sendungen entgegen, für Cargo-Transporte müsste ich mich ans andere Ende der Stadt begeben. Also alle Pakete wieder hinein ins Auto, wobei ich bemerkte, dass ich zwei Tage zuvor offenbar gut gestapelt hatte, denn nun passte die Hälfte nicht mehr in den Kofferraum. Da ich aber sowohl die Koffer als auch meine Reisegesellschaft im Apartment „abstellen“ konnte, fand der Rest im Innenraum Platz.
Das Apartment war riesig, gediegen, bestens ausgerüstet mit Küche, zwei Bädern, gleich drei Schlafzimmern und einem herrlichen Balkon mit Sicht auf die Innenstadt. Zum Preis von umgerechnet 70 Euro pro Nacht. Fünf Minuten nachdem wir es bezogen hatten, kam ein Verwalter vorbei, um das Geld abzuholen. Von einer Kaution in Höhe von 4.000 Griwna und den 250 Griwna Parkgebühren pro Nacht hatte ich nichts mitbekommen, sodass ich einen Teil des eingeforderten Betrages bis zum folgenden Tag schuldig bleiben musste.
Unser Apartment lag unweit der Lemberger Oper – hier die Rückansicht.
Alle Hausaufgaben erledigt
Die Fahrt zu dieser anderen Nova-Poshta-Filiale wollte ich eigentlich auf morgen verschieben, doch mein Vater war der Meinung, dass man Dinge besser gleich erledigt. Es kostete mich einige Mühe, mit seinem riesigen Volvo-Schiff aus der engen Ausfahrt zu kommen. Danach herrschte auf den Straßen Lembergs enges Gedränge, war ich mitten in den Berufsverkehr geraten. Zudem lag die angesteuerte Nova-Poshta-Filiale hinten in einem Industriegebiet, wo ich einige Male vor verriegelten Toren stand, bis ich endlich den richtigen Weg gefunden hatte. An der Laderampe angekommen, musste ich noch ein- zweimal rangieren, um den Weg für andere Autos freizumachen. Stressig, doch immerhin gelang die Übergabe erfreulich komplikationslos. Man muss nur die Telefonnummer des Empfängers angeben und per Unterschrift bekunden, dass dieser die Zahlung übernimmt. Ein Teil ging nach Sumy und der andere nach Kharkiv.
Nachdem ich mich noch einmal durch die Straßen Lembergs gequält hatte, wurde ich von der Reisegesellschaft ungeduldig empfangen. Es hatte dann doch etwas länger gedauert, doch immerhin war ich froh, meine Hausaufgaben endlich erledigt zu haben und mich auf einen entspannten Rest der Reise freuen zu können.
Bemerkenswertes Trefferbild auf immerhin knapp 15 Metern Entfernung.
Verborgene Talente
Wir machten uns auf den Weg in die nahe Innenstadt. Meine Eltern waren begeistert vom Trubel ringsherum, der entspannten Atmosphäre und der vollständig erhaltenen historischen Altstadt, einem Baudenkmal, das es in dieser Größe und Pracht nicht häufig in Europa gibt. Zum Abendessen führte ich sie in das Kryivka-Restaurant, wo unter dem Marktplatz in einem alten Partisanenverschlag mit verschlungenen unterirdischen Gängen eine urige Kellerkneipe eingerichtet ist. Am Eingang klopft man an eine verschlossene Tür, muss das Codewort „Slava Ukraini“ aufsagen, bekommt einen Wodka kredenzt und wird anschließend die Treppen hinuntergeführt. Das Essen war so lala, aber das Inventar wusste zu beeindrucken. In einem kleinen Nebenraum durfte Soana auf ein Putin-Porträt schießen und ließ ungeahnte Talente erkennen. Zehn Treffer, allesamt in Augen, Stirn und Nasenwurzel.
Auf dem Weg zurück ins Apartment kauften wir in einem Supermarkt georgischen Wein und beschlossen den Abend auf der herrlichen Terrasse mit Blick auf die Innenstadt. Wir hatten es bis hierhin geschafft und freuten uns auf den morgigen Tag. Der Krieg war weit weg. Davon waren nun auch meine Eltern und Soana überzeugt.
Die Altstadt von Lemberg mit dem markanten Rathausturm in der Mitte.
Noch ein paar Tipps zum Schluss
Die Autobahn der Freiheit ist teuer. Wer von Berlin in die Ukraine möchte, sollte besser die Relation über Breslau, Krakau und Rzeszów wählen, die günstiger, kürzer und auch schneller ist, weil sie von der deutschen bis zur ukrainischen Grenze durchgängig als Autobahn ausgebaut ist.
Ein paar Stunden sind viel zu wenig für Warschau. Mindestens zwei volle Tage sollten der polnischen Hauptstadt eingeräumt werden. Inklusive eines Ausflugs in die herrliche Schlossanlage Wilanow 13 Kilometer südlich der Innenstadt.
Hrebenne-Rawa Ruska ist als Grenzübergang sehr zu empfehlen. Hier hatte ich stets selten und wenn dann nur kurz warten müssen. Hinter der Grenze gibt es Gelegenheit zum Tanken, Geldwechsel und dem Erwerb von SIM-Karten fürs Handy. Bitte unbedingt auf das Anfertigen von Fotos an der Grenze verzichten.



















