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Ostwärts Reisen

Westgeorgien und das Meer

Wir waren im Schatten von Putins Krieg noch einmal in den Kaukasus gereist. Von Kutaissi über Tiflis in zwei Nationalparks im Osten Georgiens. Dann ein dreitägiger Ausflug nach Armenien, inklusive Osterfest in Giumri, der zweitgrößten Stadt des Landes. Nun ging es wieder zurück über die Grenze, bogen wir auf die Zielgerade unserer Reise ein.

Von Giumri nach Akhalziche

Wir frühstückten noch einmal an Giumris zentralem Platz, wo wir zwei Tage zuvor das armenische Osterfest erlebt hatten. Bis zur Grenze berechnete Google.maps weniger als eine Stunde Fahrzeit. Auf dem Weg dorthin konnten wir an einer Tankstelle unsere letzten Armenischen Dram loswerden und sparten uns somit die Tauscherei. Giumri liegt auf einer Höhe von mehr als 1.500 Metern, doch die Straße führte weiter bergan. Bei Ghazanchi waren 2.000 Meter überschritten und die Grenze lag bei knapp 2.300 Metern. Hier war noch Winter. Alles verschneit und ich mit kurzer Hose und T-Shirt eher unpassend gekleidet. Wir kamen gleich dran. Ich blieb im Auto, während meine Frau und Tochter separat kontrolliert wurden. Glücklicherweise blieb uns auch diesmal das Durchleuchten der Koffer erspart. Wir haben zwar nichts zu verbergen, doch auf den Aufwand konnte ich verzichten. Solongos mongolischer Reisepass wurde wie immer mit besonderer Aufmerksamkeit betrachtet. Die georgische Seite interessierte sich aber vornehmlich für den deutschen Aufenthaltstitel, denn dieser war die Voraussetzung für eine visafreie Einreise. Im Gegensatz zum vergangenen Herbst benötigten wir an der Landgrenze keinen negativen PCR-Test mehr. Der Nachweis einer vollständigen Impfung reichte aus.

An der georgisch-armenischen Grenze.

Es ging bergab. Ab Akhalkalaki folgte die Straße kontinuierlich dem Lauf des Paravani, der an der armenischen Grenze entspringt und bei Khertvisi in die Kura mündet. An letzterem Ort erhebt sich eine beeindruckende Festung, von der aus sich die beiden Flusstäler gut überblicken lassen. 2020 waren wir auf dem Weg ins nahe Höhlenkloster Vardzia hier nur vorbeigefahren, nun wollten wir uns etwas Zeit nehmen. Direkt am Parkplatz wurde die Kura von einer Seilbrücke überspannt. Eine gewagte Konstruktion, die wir mit einiger Skepsis betraten, die dann aber doch hielt und schöne Aussichten über den wilden Fluss und den Mündungsbereich des Paravani freigab.

Die Festung über uns stammte aus dem zehnten Jahrhundert, der Ort selbst gehört jedoch zu den ältesten in Georgien und ist schon seit dem zweiten Jahrhundert vor Christus dauerhaft besiedelt. Die Burg ist nach einem kurzen Aufstieg erreicht. Den Eintritt von zehn Lari, umgerechnet drei Euro, sind allein die Ausblicke wert. Von einer Terrasse am Bergfried kann man weit ins Tal der Kura hineinschauen. Soana begeisterte sich jedoch vor allem für die Tiere am Wegesrand, die in Georgien deutlich vielzahliger und vielgestaltiger waren als in Armenien.

Khertvisi-Festung.

Eine Stunde später waren wir in Akhalziche, unserer bereits siebten Unterkunft in zehn Tagen. Zwei Jahre zuvor waren wir schon einmal hier gewesen, sodass wir dieses Mal keine Mühe hatten, die Adresse zu finden. Das kleine Gasthaus liegt direkt unter der mächtigen Rabati-Burg und wir wurden bereits mit Kaffee und Kuchen erwartet. Im September 2020 waren wir coronabedingt die einzigen Gäste, hatten Zeit und Gelegenheit, uns mit den Wirtsleuten anzufreunden, inklusive einer langen Nacht mit viel frischem Wein und noch mehr wohlwollenden Trinksprüchen. Nun dominierte ein neues Thema unsere Gespräche. Ich solle doch allen in Deutschland sagen, dass Georgien sicher und ruhig sei, man keine Angst zu haben brauche und hier fantastische Momente erleben werde. Das tue ich tatsächlich jeden Tag, doch es ist nicht so einfach. Reisen in Richtung Osten sind derzeit leider nicht sehr gefragt.

Rabati-Burg in Akhalziche.

Es war ein sonniger Frühlingsnachmittag und wir wollten noch einmal hinauf auf diese riesige Burg aus dem zwölften Jahrhundert. Ein Highlight erster Güte in einer ansonsten eher unspektakulären Stadt. Über fünf Jahrhunderte herrschten hier die osmanischen Paschas, was sich an den Haremsgebäuden und der zentralen Moschee ablesen ließ. 1829 wurde die Region im Vertrag von Adrianopel dem Russischen Zarenreich zugesprochen. 2011 – in der Amtszeit von Präsident Saakaschwili – ist das gesamte Areal umfassend restauriert worden, was sich tatsächlich als Booster für den Tourismus in Akhalziche ausgewirkt hatte. Heute dienen die Burg und die vielen Gasthäuser drumherum als Ausgangspunkt für Touren durch den Süden Georgiens, der mehrheitlich armenisch besiedelten Region Samzche-Javakheti.

Am höchsten Punkt der Anlage weht eine riesige georgische Flagge. Hier muss man hin, wenn man das gesamte Gelände übersehen will. Auch auf die wellige Steppenlandschaft rundherum bieten sich schöne Blicke. Am Eingang der Burg finden sich mehrere Restaurants. Wir nahmen das mit der besten Aussicht und genossen diesen entspannten und sonnigen Frühlingstag.

Gescheitert am Pass

In Akhalziche trieb mich vor allem eine Frage um. Sollen wir auf dem Weg nach Kutaissi den Zekari-Pass über die Höhen des Kleinen Kaukasus probieren oder lieber die deutlich längere, aber dafür befestigte Straße über Borjomi und Khashuri nehmen. Die Wirtin unserer Unterkunft hatte mir abgeraten. Erst gestern seien Gäste von ihr an einem anderen Pass gescheitert. Zudem solle es schlechtes Wetter geben. Damit war die Sache für mich entschieden. Eigentlich, denn beim Frühstück kam ich mit einem Georgier ins Gespräch, der mir trotz wiederholter kritischer Nachfragen im Brustton der Überzeugung versicherte, dass dies alles kein Problem sei und zu dieser Jahreszeit sogar einfache Stadtautos über den Pass kämen. Mit unserem hohen Jeep würden wir das mit Leichtigkeit schaffen. Wir hätten nicht auf ihn hören sollen. So viel sei gesagt. In ihrem überschwänglichen Optimismus ähneln die Georgier den Mongolen, doch nicht immer erwachsen daraus gute Entscheidungen.

Bis Abastumani 30 Kilometer nordwestlich von Akhalziche führt eine befestigte Straße. Der Ort ist beliebt bei Wanderfreunden für Touren durch den Borjomi-Kharagauli-Nationalpark im Kleinen Kaukasus. Wie in Borjomi gibt es auch hier warme Quellen, in denen man sich inmitten freier Natur entspannen kann. Eine weitere Attraktion ist das zu Sowjetzeiten entstandene astronomische Observatorium, von dem sich herrliche Blicke auf die waldreichen Berge im Norden und die Bergsteppe im Süden ergeben. Wir hatten dafür aber keine Zeit, wollten lieber schnell den Pass angehen, bevor der drohende Regen einsetzte. Wir trafen kaum andere Autos, was uns eine Warnung hätte sein sollen. Der Weg war schmal und schwierig, mit dem Jeep aber gut zu bewältigen, zumal es links und rechts keine gefährlichen Abhänge gab. Nach etwa zehn Kilometern trafen wir allerdings auf das erste Schneefeld, in dem wir prompt steckenblieben. Nach einiger Buddelei gelang es mir, mit recht waghalsigen Manövern das Auto zu befreien und sogar auf die andere Seite zu bringen. Diese Situation wiederholte sich noch zweimal, was zunehmend Zeit kostete. Zumal der Himmel bedrohlich zuzog. Kurz vor der Passhöhe war es dann endgültig vorbei. Vielleicht hätte ich es allein noch weiter versucht, doch mit der Kleinen im Schlepptau wollten wir dieses Risiko nicht eingehen. Ich bin noch einige hundert Meter weitergelaufen. Und es wurde nicht besser. Von wegen Stadtautos. Während der ganzen Zeit trafen wir niemanden sonst. Auch nicht auf dem Weg zurück. Und unser Motor hatte bei all den vergeblichen Anfahrtversuchen schon bedrohlich zu klopfen begonnen. Vielleicht hätte es eine Woche später geklappt, doch der Schnee war einfach zu tief und vor allem zu nass und wässrig, was das Durchkommen zusätzlich erschwerte.

Unterhalb des Zekari-Passes.

Also wieder zurück nach Akhalziche und dann den langen Weg über Borjomi und Khashuri. Ich schimpfte gewaltig auf diesen Georgier mit seinen doofen Ratschlägen, doch das konnte er leider nicht hören. Im Rahmen des Verantwortbaren wollte ich ordentlich Gas geben, weil ich Soana möglichst Fahrzeit ersparen wollte und wir in der Nähe von Kutaissi noch einen Programmpunkt zu absolvieren hatten. Auf der zweispurigen Straße mit all den Lkws war das allerdings nicht so leicht. Bis Khashuri ging es noch, doch dann begann der Horror. Der Surami-Gebirgszug bildet eine Verbindung zwischen dem Kleinen und dem Hohen Kaukasus und hatte sich bisher einer durchgehenden Schnellstraße von Tiflis an das Schwarze Meer in den Weg gestellt. Aktuell arbeiten tausende Chinesen daran, dass sich an diesem Zustand etwas ändert, doch die waren leider noch nicht fertig. Hinter jeder zweiten Kurve sahen wir halbfertige Brückenpfeiler und Tunneleingänge, doch wir mussten die enge Serpentinenstraße nehmen. Zusammen mit halb Georgien und unzähligen Lastern quälten wir uns durch eine 60 Kilometer lange Dauerbaustelle. Mein Fahrstil wurde waghalsig, hatte sich vollständig „georgisiert“. Will heißen: Überholen bei jeder Gelegenheit. Am Ende dieses Weges folgte die Stadt Zestaponi mit all ihren Bahnschwellen, Werkstätten und der abgasverpesteten Luft. Schlimm. Doch dahinter begann die Kolchische Tiefebene Westgeorgiens und endlich auch die Autobahn.

Eine halbe Stunde später waren wir in Kutaissi, doch wir fuhren erstmal durch, um in der Nähe des alten sowjetischen Kurbades Tskaltubo die Prometheus-Höhle anzusteuern. Ich hielt einen Höhlenbesuch für die perfekte Beschäftigung an einem solch regnerischen Tag. Zudem wollte ich Soana morgen einen komplett autofreien Tag in Kutaissi gönnen. Die Höhle lässt sich allerdings nur in geführten Touren besichtigen und macht um 17 Uhr zu. Auch deshalb hatte ich mich so beeilt.

Prometheus-Höhle.

Unterirdisch Boot fahren und lecker essen

Wir hatten eine Stunde aufgeholt gegenüber der von Google.maps ursprünglich veranschlagten Fahrzeit und schafften es rechtzeitig zur Höhle. Die Dame am Ticketschalter fragte mich, ob wir auch die Bootsfahrt haben wollen, ich wusste nicht genau, was das bedeuten sollte, sagte aber zu. Insgesamt 80 Lari, 25 Euro, für zwei Erwachsene. Bis zum Alter von sechs Jahren war der Eintritt frei. Die Höhle ist in den 1980er Jahren von georgischen Forschern entdeckt worden. Schon damals wurde eine touristische Nutzung erwogen, doch in der ausgehenden Sowjetzeit fehlten dazu die Mittel. 2007 wurde das Projekt wiederaufgenommen. Auf Initiative des damaligen Präsidenten Saakaschwili, der der Höhle auch ihren Namen verpasste. Rein aus Marketing-Erwägungen. Denn Prometheus, der griechische Held, der den Menschen das Feuer brachte, ist in der Welt bekannt. Ebenso seine Strafe für die Missachtung des Götterwillens. An den Kaukasus gefesselt, wo ihm ein Adler jeden Tag ein Stück aus der Leber riss, die gemeinerweise immer wieder nachwuchs. Mit der Höhle hier hatte das nur insoweit zu tun, als dass sie auch im Kaukasus liegt. Das ist aber egal, denn es war fantastisch. Die Mineralien waren so schon bunt genug, doch sie wurden noch in allen Farben angestrahlt, mitunter in Begleitung klassischer Musik. Wir konnten sechs der 22 Hallen besichtigen, deutlich mehr und länger als zwei Jahre zuvor in der benachbarten Sataplia-Höhle mit ihren Saurierfußabdrücken. Der Höhepunkt kam zum Schluss. Da gab es einen Fluss, den wir mit Schutzhelmen auf dem Kopf noch drei weitere Hallen befuhren, bevor der Fluss und auch wir wieder an die Oberfläche traten. Ein Shuttle-Bus brachte uns zurück zum Parkplatz. Perfekt organisiert, passte das alles ziemlich gut in unserem Zeitplan.

Mit dem Boot aus der Höhle.

Unser Apartment lag in einem klobigen Wohnblock im Süden der Stadt unweit des Hauptbahnhofs. Sauber und funktional. Unser Gastgeber gab uns den Tipp, im Sisters-Restaurant zu essen. Direkt am Stadtpark mitten im Zentrum. Eine äußerst gute Empfehlung, wiewohl ich die georgische Aversion gegenüber Hinweisschildern nicht ganz verstehen kann. Im zweiten Stock eines unscheinbaren Reihenhauses. Doch, wenn man die Tür gefunden hat, kommt man in ein herrliches Ambiente. Ein derart geschmackvoll und fantasiereich eingerichtetes Restaurant hatten wir lange nicht gesehen. Und auch das Essen schmeckte. Die Preise waren so wie überall in Georgien, sehr günstig.

Nachdem ich Soana zu Bett gebracht hatte, wollte ich noch einmal zurück in die Stadt, um irgendwo eine Fußballkneipe aufzutreiben, die womöglich das DFB-Pokal-Halbfinale zwischen RB Leipzig und Union Berlin übertrug. Hin und her klapperte ich jede mögliche Adresse ab. Letztlich erfolglos und am Ende gar nicht schlimm, weil mir der Ausgang dieses Spiels ohnehin nur großes Missbehagen gebracht hatte.

Das „Sisters“-Restaurant in Kutaissi.

Mit den neuen Flügen von und nach Kutaissi war es noch mehr Fahrerei als wir ursprünglich für die Tour von Tiflis nach Baku und wieder zurück geplant hatten. Dazu der ganztägige Ausflug durch den Vashlovani-Nationalpark und das gestrige Gehetze (fast) bis zum Zekari-Pass, wieder runter und einmal rum auf der schlimmen Straße durch das Surami-Gebirge. Soana hatte sich diesen autofreien Tag redlich verdient und auch wir waren damit sehr zufrieden. In Kutaissi waren wir auf unserer ersten Reise durch Georgien schon einmal gewesen. Die Stadt hatte uns gefallen, wiewohl wir uns seinerzeit auf die Highlights im Umkreis der Stadt konzentriert hatten. Gelati-Kloster, Motsameta-Kloster, Sataplia-Höhle, Tskaltubo-Kurbad und das mittlerweile wieder ausrangierte neue Parlamentsgebäude.

Markt in Kutaissi.

Heute streiften wir zunächst durch die Innenstadt und wollten uns zur passenden Stunde am späten Vormittag den Markt anschauen. Die Märkte in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion begeistern uns schon seit Jahren. Von Riga über St. Petersburg bis nach Irkutsk und in die burjatische Hauptstadt Ulan-Ude. In Georgien hatten wir das bislang verpasst, doch Kutaissi war der ideale Ort das nachzuholen. Ein ausgreifendes und wuseliges Gelände mit tausenden Ständen und Shops. Zwar mitten im Zentrum, aber überhaupt nicht touristisch. Mit lustigen Verkäuferinnen, Produkten von hoher Qualität und seriösen Preisen. Eine dringende Empfehlung für jeden Reisenden. Wir kauften Trockenobst, georgisches Brot und ein paar Süßigkeiten, wollten daraus an einem schönen Ort ein Picknick bereiten. Die Gelegenheit bot sich bald. Gleich hinter dem Markt führt eine Brücke über den wilden Rioni-Fluss. Auf der anderen Seite die Treppen hinauf thront die Bagrati-Kathedrale hoch über der Stadt und bietet herrliche Sichten auf Kutaissi und Umgebung. Sie war mal Teil des UNESCO-Welterbes, doch der Status wurde ihr aberkannt, weil man in Paris mit der Art ihrer Restaurierung nicht einverstanden gewesen war. Uns interessierte das nicht. Wir waren sehr zufrieden mit diesem friedlichen Ort. Dem gewaltigen Sakralbau, dem liebevoll gepflegten Garten, den Obstbäumen, den Überresten des alten Klosters rundherum, dem nahezu senkrechten Abgrund zum Rioni und der Frühlingsonne. Schulklassen, die ihren Unterricht nach draußen verlegt hatten, Fußball spielende Jungs, die kleine Mönchsprozession, die gerade aus der Kirche kam, der Junge, der auf dem Turm nebenan die Glocken läutete und unser kleines Mädchen, das die Hunde fütterte. Wir hatten heute keinen Reisestress und blieben, solange es uns gefiel. Nach Marvin in Kazchi und Eduard im Vashlovani-Nationalpark trafen wir hier den nächsten deutschen Weltreisenden. Jochen war mit dem Camper auch über den Balkan und die Türkei nach Georgien gekommen. Jetzt ist er vermutlich schon im Iran, denn als wir ihn trafen, hat er sich gerade über das erteilte Visum gefreut. Danach. Mal sehen. Zentralasien oder Indien. Vielleicht treffen wir ihn im Sommer in der Mongolei wieder. Er hatte das für gar nicht so unwahrscheinlich gehalten.

Bagrati-Kathedrale.

Von Bagrati aus kann man das Riesenrad schon sehen. Es ist quasi der Nachbarberg, auf dem der Kinderpark von Kutaissi eingerichtet ist. Einmal runter und dann wieder die Treppen hinauf. Nicht ansatzweise so ausgreifend, wie der Mtatsminda-Kinderpark von Tiflis, aber klein und fein. Ihr Papa stellte sich beim Geschenke-Schießen ziemlich blöd an, dafür hatte Soana ihren Spaß beim Auto-Scooter. Lenken hatte sie ja schon im Vashlovani-Nationalpark geübt. Neben dem Park gab es ein kleines Ausflugsrestaurant, in dem wir uns kurz stärkten. Dann wieder runter mit dieser pittoresken Seilbahn auf die andere Seite des Rioni in die Innenstadt. Wir spazierten noch etwas herum, besuchten unter anderem unsere Unterkunft von vor drei Jahren und machten uns auf den Weg nach Hause. Es hatte zu regnen begonnen. Wieder genau zur rechten Zeit.

Ausrangiertes Fischerboot in Anaklia Beach.

Ausflug ans Meer

Uns blieb noch ein letzter Tag. Mit Kutaissi waren wir eigentlich fertig, hatten alles gesehen und versuchten daher, unsere Tochter zu einem letzten Ausflug zu überreden. Mit dem Kauf einer Miniatur-Pferde-Familie aus dem Hause Schleich konnten wir sie erfolgreich bestechen. Sie hat das vermutlich schon wieder vergessen, aber ich muss mich demnächst mal darum kümmern. Das Meer hatten wir noch nicht gesehen. Eigentlich hätte es das Kaspische in Baku sein sollen, nun wurde es das Schwarze bei der kleinen Stadt Anaklia ganz im Nordwesten Georgiens an der Grenze zu der unter russischer Fuchtel stehenden De-Facto-Republik Abchasien. Hier sollte das Wasser sauberer sein als in Batumi, hatte ich gelesen, und Google.maps veranschlagte nur etwa zwei Stunden Fahrt. Ich war noch etwas schneller. Wir fuhren durch die Kolchische Tiefebene, benannt nach dem antiken Kolchis aus der Argonauten-Sage. In Georgien heißt der Fluss Rioni, kommt aus dem Hohen Kaukasus, fließt durch Kutaissi und mündet bei Poti ins Schwarze Meer. Diese Gegend ist außerordentlich fruchtbar, durchquerten wir hübsche Dörfchen in einem einzigen riesigen Garten. Meine Frau und meine Tochter begeisterten sich vornehmlich für die weidenden Schweine am Straßenrand, die man sonst selten sieht, hier aber am laufenden Band.

Brücke über die Mündung des Enguri ins Schwarze Meer.

Anaklia liegt an der Mündung des Enguri. Der Fluss bildet eigentlich die Grenze zu Abchasien, doch hier an seinem Ende haben die Georgier noch wenige Kilometer auf dessen rechtem Ufer halten können. Wieder Saakaschwili. Es müssen erhebliche Investitionen geflossen sein. Ein Vergnügungspark, eine lange Fußgängerbrücke über die Enguri-Mündung, ein modernistisch gestalteter Wachturm am Meer, eine Konzertmuschel samt Auditorium, schöne Radwege, eine lange Strandpromenade, gepflegte Palmenhaine und einige Hotelkomplexe. Wirklich sehr schön, doch leider war niemand da. Der Ort war vollkommen ausgestorben. Wir waren schon um zehn Uhr morgens angekommen und wollten frühstücken. Ein paar Männer sagten uns, dass wir es im Hotel nebenan probieren sollten, doch dessen Restaurant öffnete erst um zwölf. Dann halt ein paar Meter zurück in den Ort zum einzigen kleinen Lädchen. Brot kaufen, um später am Strand zu picknicken. Die Oma dort bereitete sogar einen Kaffee und berichtete bereitwillig über die politische Situation. Die Abchasen würden auch nicht alle zu Russland halten. Das Verhältnis sei in etwa 50 zu 50. Aber alle hätten mittlerweile gemerkt, dass sie nicht unabhängig sind. Auch wenn sie eigene Pässe ausstellen, eine eigene Flagge haben und eine Handvoll Länder auf der Welt sie diplomatisch anerkannt hätten. Alles, wirklich alles, werde aus Moskau vorgegeben. Saakaschwili hätte das Geld mit vollen Händen rausgeworfen. Sicherlich ein wenig überdimensioniert, aber zumindest sei etwas entstanden. Auf der anderen Seite gäbe es nichts, außer Verfall. Ein Landstrich, wie er schöner kaum sein könne, aber sie machten nichts daraus. Für die Russen hegte sie dennoch keine schlechten Gefühle. Auch nur Menschen. Und deren Sprache auch nur ein Medium. Auch wenn sie viele Georgier nicht mehr nutzen wollten. Das war äußerst spannend zu hören und ohnehin hatte unsere nun zu Ende gehende Reise extrem viele Eindrücke und Erkenntnisse parat gehalten. Anaklia war übrigens beim kurzen Georgien-Krieg 2008 eines der Ziele russischer Bomber. Die Ruine der zerstörten Seebrücke lässt sich heute noch besichtigen.

Die zerstörte Seebrücke von Anaklia.

Die Sonne schien zwar, der Himmel war stahlblau, doch es war ziemlich windig und auch kalt. An Baden war nicht zu denken, zumal mir die wilde Brandung und der vermutlich starke Sog nicht ganz geheuer waren. Stattdessen spazierten wir über die lange Fußgängerbrücke und dann weiter am Strand entlang. Ich machte Fotos, weil mich dieser eigentümliche, aber auch sehr schöne Ort faszinierte. Solongo und Soana sammelten Steine und Muscheln. Auf der Düne war ein verfallenes Fischerboot aufgebockt, das wir natürlich erkletterten und besichtigten. Es sollte vermutlich genau diesem Zweck dienen, weil ich keine andere Erklärung habe, wozu es hier stand. Wir hatten die Hälfte unseres Brotes schon an dem kleinen Laden an die Hunde verfüttert und ein süßer Junghund trottete uns seitdem hinterher. Auch als wir wieder auf der anderen Seite des Enguri waren und dort den breiten Strand absuchten. Und auch beim Mittagessen in besagtem Restaurant, das genau drei Speisen auf der Karte und keine anderen Gäste hatte. Soana hätte den Hund gerne mitgenommen, doch sie verstand, dass das nicht ging. Zum Abschluss sahen wir, wie auf der menschenleeren Promenade ein Musikvideo gedreht wurde und tatsächlich war das die perfekte Location für diesen Zweck. Eine rote Korvette in der Mitte, flankiert von zwei SUVs, griffige Beats und fünf sehr coole junge Menschen, die lässig und bestimmt ausstiegen und auf die Kamera zugingen. Immer wieder aufs Neue. Das perfekte Take war offenbar noch nicht gelungen. Vielleicht könnte es je helfen, wenn ich mich danebenstelle und mir die Socken anziehe. Ein etwas übergewichtiger, glatzköpfiger, mittelalter Herr in einem zu engen Fußballtrikot, der bei der Pop-Gymnastik auf einem Bein balanciert.

Palmen am Strand.

Zurück nach Berlin

Mit etwa 20 Kilo Steinen und Muscheln im Gepäck traten wir die Rückreise nach Kutaissi an. Es waren hin und zurück nur drei Fahrtstunden und dazwischen gab es viele Hunde, Schweine, den Strand und das Meer. Also kein Grund für ein schlechtes Gewissen gegenüber unserer Kleinen. Schon am Nachmittag waren wir wieder in Kutaissi, hatten noch genügend Zeit für ein ausgiebiges Abendessen. Die Koffer hatten wir ohnehin nie ausgepackt. Soana unter die Dusche und dann ins Bett und wir auf den Balkon zu einem letzten Gläschen georgischen Weins. Der Flieger würden morgen in unverschämter Frühe starten. Schon kurz vor vier mussten wir am Flughafen sein und das Auto abgeben. Wir hatten unseren Jeep ordentlich gequält. Kratzer gab es nicht, doch selbst wenn, hätte man sie nicht gesehen. Seit Vashlovani war das Auto von oben bis unten von einer dicken Staubschicht bedeckt. Unsere erfolglosen Versuche am Zekari-Pass haben dazu sehr viel Schlamm gebracht. Im Innenraum waren alle Ritzen und Löcher mit allerhand Steinen, Muscheln und Tierknochen übersät. Hoffentlich werde ich bei den Kollegen von Cars4Rent nicht gesperrt, aber das kann ich mir in Georgien kaum vorstellen. 40 Lari, also um die zehn Euro, waren an Verkehrsstrafen angelaufen. Das hielt sich auch in Grenzen. Die letzten Bargeldreserven gingen für Kaffee und Zigaretten drauf. Dieses Mal flog Wizz Air pünktlich und kam sogar etwas verfrüht in Berlin an. Um acht Uhr morgens, sodass massenhaft Zeit blieb für all die Verrichtungen, die nach dem Ende einer solchen Reise anstehen. Post, E-Mails, Fotos, Koffer, Wäsche, Einkaufen etc. Und das Tinto-Album bekleben. Die Katze aus dem Deutschunterricht war gut und sicher nach Berlin zurückgekehrt und durfte bald wieder in die Schule.

Seilbahn über den Rioni-Fluss in Kutaissi.

Noch ein paar Tipps zum Schluss

In Georgien fällt im Winter viel Schnee. Die Passstraßen sind dann in der Regel gesperrt. Das ändert sich je nach Höhe im April oder Mai. Für Jeep-Touren eignet sich am ehesten der September, wenn es nicht mehr so heiß ist, aber noch kein Schnee liegt. Der Zekari-Pass ist nicht sehr schwierig, der Weg aber etwas eng, was bei Gegenverkehr zum Problem werden kann.

Die Straße von Batumi nach Akhalziche ist auch noch nicht fertig, sodass ein Lückenschluss von 30 Kilometern auf schlechter Piste bewältigt werden muss.

Im Kleinen Kaukasus im Süden Georgiens finden sich zwei bedeutende Wintersportreviere. Goderdzi 60 Kilometer westlich von Akhalziche und Bakuriani 70 Kilometer nordöstlich. In Bakuriani spielt man gar mit dem Gedanken an eine Bewerbung für die Olympischen Winterspiele.

Aktuell wird mit Hochdruck an der Autobahn zwischen Tiflis und dem Schwarzen Meer gearbeitet, allerdings dürfte es angesichts der schwierigen Topografie im Surami-Gebirge noch ein Weilchen dauern, bis man entspannt durchfahren kann.

Kutaissi ist ein gemütliches Städtchen mit einer guten touristischen Infrastruktur. Der ideale Ausgangspunkt für Touren durch Westgeorgien. In der Umgebung der Stadt finden sich viele interessante Reiseziele. Bei trockenem Wetter kann man von Kutaissi direkt in den Hohen Kaukasus nach Ushguli fahren, dem höchstgelegenen georgischen Dorf im wilden Swanetien. Fünf Stunden sollten für eine Strecke kalkuliert werden. Die Fahrt führt über den Zagari-Pass und ist nur für allradgetriebene Fahrzeuge mit einer ausreichenden Bodenhöhe machbar. Es gibt einige gefährliche Stellen, sodass man möglicherweise auf einen Fahrer mit entsprechender Ortkenntnis setzen sollte.

Eine Alternative für Regentage sind die Schwefelbäder von Wani 35 Kilometer südlich von Kutaissi direkt am Rioni gelegen. Dazu die Höhlen Prometheus und Sataplia etwas nordwestlich der Stadt. Beide in der Nähe des alten sowjetischen Kurbades Tskaltubo.

Die ungarische Billig-Airline Wizz Air fliegt Kutaissi von mehreren deutschen Städten aus an. Der Flughafen liegt eine halbe Autostunde westlich der Stadt. Das Schwarze Meer ist von dort aus nur 80 Kilometer entfernt.

Die Saison in Anaklia beginnt Mitte Mai. Dann haben alle Attraktionen geöffnet. Das Wasser dort ist tatsächlich sauberer als in Batumi, das Meer allerdings wilder.

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